Was wäre, wenn eine ganze Generation sich aus Versehen ein Nazi-Tattoo machen lassen würde? Einige TikTok-User*innen behaupten, dass das gegenwärtig passiert. Das verdächtige Zeichen: ein Z mit einem Querstrich. Aber handelt es sich dabei wirklich um ein rechtsextremes Symbol?

Eine Generation, ein gemeinsames Zeichen – das man sich tätowieren lässt. Tolle Idee!, dachten sich eine Handvoll Angehörige der sogenannten Generation Z, also der Teenies und jungen Twens, und machten zuerst einmal Vorschläge, wie dieses Zeichen denn aussehen könnte. Losgetreten hatte die Aktion wohl TikTok-Userin Smooth Avacados; sie rief zu einem "Zeichen der Gemeinschaft" und "Rebellion" auf.

Die einen versuchten, die Buchstaben G und Z zu verbinden, andere konzentrierten sich allein auf das Z. Was sich durchsetzte, war ein relativ einfaches Z mit einem Querstrich durch die Mitte – dem Strich, den wir vom Schreibschrift-Z kennen.

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Und voilà: Die ersten Zoomer – die wie Gen-Z-Angehörigen in ironischer Anspielung auf die (Baby-)Boomer auch genannt werden – ließen sich jenes Z tätowieren – auf den Arm, Handballen, Finger, aufs Knie und hinters Ohr.

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Als TikTok-Userin Jayus den angeblichen Trend sah, traute sie ihren Augen nicht: "Lasst euch das ferf*ckt noch mal nicht stechen!", warnt sie überdreht in einem Video, und behauptet, schon viele Leute damit gesehen zu haben.

Was Jayus' Problem ist? Sie behauptet, dass das Z mit Querstrich ein Nazi-Symbol sei. Um dies zu beweisen, zeigt sie zuerst die sogenannte Wolfsangel, eine Pseudo-Rune, die die Nationalsozialisten im Dritten Reich tatsächlich verwendeten. (Ursprünglich handelt es sich bei der Form um ein Jagdgerät zum Fangen von Wölfen; eine richtige Rune ist sie nicht – was die Nazis nicht davon abhielt, sie als solche zu benutzen.)

Wolfsangel
Rekonstruktion des ursprünglichen Jagdinstruments namens Wolfsangel

Neonazi-Symbol Wolfsangel

Die Wolfsangel war zwar nicht – wie Jayus zu wissen meint – der Ursprung der anderen, bekannteren Nazi-Symbole wie SS-Rune und Hakenkreuz, aber zwei der 38 Waffen-SS-Divisionen im Zweiten Weltkrieg benutzten sie als Abzeichen: die 2. SS-Panzer-Division "Das Reich" und die 34. Waffen-Grenadier-Division der SS "Landstrom Nederland". Wenn man die Wolfsangel um 90 Grad kippt, sieht man laut Jayus das besagte Gen-Z-Tattoo.

Das Abzeichen der 2. SS-Panzer-Division "Das Reich" im Zweiten Weltkrieg: eine Wolfsangel

Aber auch heute noch ist die Wolfsangel ein beliebtes Symbol bei Neonazis, wie die TikTok-Userin richtig erklärt. Die Aryan Nations, eine in den USA beheimatete rassistische und antisemitische Organisation, würde es sogar auf ihrer Flagge verwenden. Und tatsächlich sieht man dort eine Art Wolfsangel, wobei der Querstrich durch ein sehr langes, gekröntes Schwert gebildet wird. Wieder muss man die Flagge um 90 Grad drehen, damit Jayus' vermeintlicher Lieblings-Effekt entsteht: "Oh, Shit, es ist das Gen-Z-Tattoo!"

Die Flagge der rechtsextremen Gruppierung "Aryan Nations"

Dann sagt sie:

Das wäre nicht passiert, wenn ihr das Symbol vorher gegoogelt hättet, anstatt euch mir nichts dir nichts irgendwas tätowieren zu lassen, nur weil euch das Internet dazu auffordert.

Außerdem macht sie darauf aufmerksam, dass es extrem sektiererisch sei, sich dasselbe Zeichen tätowieren zu lassen wie alle anderen Generations-Genoss*innen.

Aber hat Jayus überhaupt recht? Lassen sich Teenies und Twens gerade massenhaft Nazi-Tattoos stechen?

"Leider" nein, und zwar aus zwei Gründen:

1. Kaum jemand lässt sich das Z wirklich tätowieren

Es ist wie so oft mit Internet-"Trends". Nur weil eine Handvoll Leute etwas gemacht hat und unzählige Leute es auf Social Media teilen, heißt es nicht, dass es sich hierbei um einen Trend handelt. Dazu brauch es schon mehr als eine übersichtliche Anzahl an pixeligen Fotos und Videos, die noch nicht mal auf ihren Ursprung zurückgeführt werden können.

>> Skandal-Challenge auf TikTok: Hier verkleiden sich Teenies als Holocaust-Opfer!

So verhält es sich auch mit Jayus’ Aussage, dass sich gerade sehr viele Zoomer jenes Z tätowieren lassen würden. Die Behauptung ist aus der Luft gegriffen. Und sie ist nicht die Einzige, die sie äußert. Wenn ein Trend festzustellen ist, dann sind es Videos, in denen TikTok-User davor warnen, sich dieses vermeintliche Nazi-Symbol tätowieren zu lassen.

Dass Medien wie "UniLad", "Focus" und das "Paper"-Magazin Jayus' Behauptung ungeprüft wiedergeben, macht sie nicht wahrer.

2. Ein Z mit einem Querstrich ist kein Nazi-Symbol

Man braucht sehr viel Fantasie, um in jenem Z eine Wolfsangel zu sehen. Denn erstens muss man es dafür um 90 Grad drehen, zweitens spiegeln – denn sonst ist es spiegelverkehrt – und drittens sieht es selbst dann nicht wie die Pseudo-Rune aus. Diese ist nämlich weitaus zackiger, hat einen deutlich kürzeren Querstrich und keine Serifen.

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Jenes Z, das sich ein paar Angehörige der Generation Z zu ihrem Zeichen erkoren haben, ist ein verblüffend einfaches Z. Nicht mehr, nicht weniger. Es erinnert an das Z der Wochenzeitung "Die Zeit", bloß mit einem Querstrich. Jenem Querstrich, von dem wir in der Schule gelernt haben, ihn zu setzen, wenn wir ein Schreibschrift-Z schreiben.

Die Wolfsangel als Symbol des Forstbereichs

Wenn man Ähnlichkeiten mit einem Nazi-Symbol bemühen will, dann mit dem Zeichen 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division. Dies war nämlich ein simples Z mit Querstrich. Aber offenbar war es so verwechselbar, dass es seine Zeit nicht überdauerte. Heute gilt ein Z nicht mehr gleich als Nazi-Symbol – ob mit oder ohne Querstrich spielt da keine Rolle.

Das Wappen der 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division: ein Z mit Querstrich

Fun Fact: Die Wolfsangel ist seit Jahrhunderten und bis heute ein harmloses Symbol des Forst- und Jagdbereichs, und viele deutsche Städte führen sie in ihrem Wappen. Andersrum benutzte die Waffen-SS auch Symbole, die so allgemein sind, dass wir sie trotz der Besudelung durch die Nationalsozialisten immer noch bedenkenlos benutzen (zum Beispiel die Sonne, den Doppeladler, den Löwen und die Windmühle).

Die Wappen deutscher Orte, die eine Wolfsangel enthalten

Vielleicht hätte TikTok-Userin Jayus nicht nur googeln, sondern auch richtig hinschauen sollen. Aber dafür war vor lauter Videoproduktion vielleicht einfach keine Zeit mehr ...

ml

  • Quelle:
  • Noizz.de