Seine feinen Linework-Porträts brachten ihm den Durchbruch.

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem „Tattoo Talk“ inspirierende Künstler vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen.

Dieses Mal haben wir uns mit Tätowierer Paul Grau unterhalten. Pauls Markenzeichen sind minimalistischen Linework-Porträts – so zeitlos, weich und ästhetisch, dass es fast schon überrascht, dass der 22-Jährige ursprünglich aus der Street-Art-Szene kommt. Welche Rolle Graffiti, Kandinsky und die Chirurgie in seinem Leben spielen, verrät der junge Berliner im Interview.

So viel sei vorweggenommen: Sollte Paul irgendwann die Tätowiermaschine gegen das Skalpell tauschen, würden wir uns auch ohne nachzudenken auf den OP-Tisch legen – als Fans seines wunderschönen Stils wollen wir diese mögliche Zukunftsvision aber erst mal schnell wieder wegschieben und uns dem spannenden Karriereweg des kreativen Tausendsassas zuwenden.

NOIZZ: Paul, wie bist du zum Tätowieren gekommen?

Paul Grau: Ich habe schon im Kindergarten lieber gebastelt, als Fußball zu spielen. In der Grundschule habe ich Dragonball-Comics zum Ausmalen gezeichnet und gegen YU-GI-OH!-Karten getauscht. Was mich richtig zur Kunst gebracht hat, war Graffiti: Man zeichnet zwar jedesmal Buchstaben, aber sucht ständig nach neuen Variationen. Das macht Graffiti zur kunstvollen Knobelaufgabe, in die ich mich absolut verliebt habe.

Als Teenager wollte ich Kunstmaler werden. Ich hatte sogar ein paar kleine Ausstellungen und konnte einiges verkaufen, aber ich glaube, an dem Punkt ab dem es nötig gewesen wäre, sich den Galerien anzubiedern, habe ich das Interesse an der ganzen Sache verloren.

Durch das Sprühen lernte ich TREM kennen, der mich in seine Crew aufnahm und zusammen mit seiner Frau vor etwa vier Jahren in die Kunst des Tätowierens einführte. Anfangs war es nur ein Hobby, ich habe alle paar Monate ein kleines Tattoo für Freunde gemacht. Erst vor etwa einem Jahr habe ich angefangen, richtig zu tätowieren. Seither bekommen meine Entwürfe relativ viel Aufmerksamkeit auf Instagram und lassen mich ein Dasein als „Künstler“ fristen.

Wie hat sich dein unverkennbarer Stil entwickelt?

Paul: Graffiti hat mich stark geprägt. Ohne das jahrelange Zeichnen von Buchstaben hätte ich nie so ein Verständnis für Proportionen und Dynamik bekommen. Eine Disziplin im Graffiti sind Throwups, bei denen in kürzester Zeit mit möglichst wenig Aufwand oder Material ein guter Style auf die Wand gebracht werden muss. Eine Sonderform davon sind Oneliner – Bilder, die man in einem Zug ohne absetzten malt.

Später habe ich mich mehr mit freier Malerei und figurativem Zeichnen beschäftigt. Ich wollte unbedingt realistische Porträts zeichnen und mit Ölfarbe malen können. Ich interessierte mich für Maler wie Kandinsky, Rothko oder Mondrian und versuchte, mich in abstrakter Malerei. Vor knapp einem Jahr habe ich meine Vorliebe für dynamische, klare Formen, Abstraktion, Minimalismus, und zeitlose antike Skulpturen kombiniert – und kam so zu meinen heutigen Stil.

In Zukunft will ich stärker mit geometrischen Formen, gefüllten Flächen und vielleicht auch Dotwork experimentieren. Außerdem habe ich große Lust, vermehrt Hände in meine Kompositionen einzuarbeiten.

Das hier ist der erste Entwurf, den ich damals gezeichnet habe und der so was wie mein Durchbruch war. Von da an bekam ich fortlaufend Anfragen für ähnliche Motive und bin bis heute dabei geblieben.

Warum hast du angefangen, zu tätowieren?

Paul: Es war eine neue Herausforderung. Die Arbeitsweise unterscheidet sich stark von allem, was ich vorher ausprobiert habe. Das hat es für mich so interessant gemacht.

Was ist das Schönste an deinem Beruf?

Paul: Wenn es um Design geht, bin ich ein Kontrollfreak, und beim Tätowieren kann ich fast alles nach meinen Vorstellungen gestalten. Außerdem kann ich mir aussuchen, wie und mit wem ich arbeite.

Hattest du schon mal Probleme mit Copy Cats?

Paul: Öfter, als mir lieb ist. Copycats sind für mich eine bittersüße Angelegenheit, weil ich mich jedes Mal etwas geehrt fühle, wenn jemand eines meiner Designs so gut findet, dass er es nachahmt. Aber gegenüber den Menschen, die das Original tätowiert haben, ist es unfair. Ich tätowiere jedes Motiv nur einmal. Wer zu mir kommt, erwartet ein Unikat. Persönlich trifft es mich sehr, wenn meine Designs dilettantisch umgesetzt werden.

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Was war dein bizarrstes Tattoo-Request?

Paul: In meiner Anfangszeit – als ich des Übens willen noch so ziemlich jeden Stil tätowiert habe –, wurde ich von zwei jungen Damen gebeten, eine halbierte Erdbeere zu zeichnen. Deren Maserung im Fruchtfleisch sollte aussehen wie eine gespreizte Vulva. Von allem, was ich bisher gestochen habe, haben diese beiden „Strawginas“ wohl am ehesten das Adjektiv bizarr verdient.

Was treibt dich an? 

Paul: Ich will immer besser werden, in dem was ich tue. Bis es mich langweilt, dann suche ich mir was Neues.

Was war dein bisheriger Karriere-Höhepunkt?

Paul: Das finde ich schwer zu beurteilen. Beim Wort „Karriere“ denkt man meist an Geld oder Fame, aber auch wenn ich für jeden Cent und jeden Like dankbar bin, sehe ich meine Höhepunkte eher in den Erfahrungen, die ich ohne das Tätowieren nicht gemacht hätte. Zum Beispiel auf einer Technoparty in der Grießmühle zu tätowieren. Oder auch dieses Interview zu führen. Und auch wenn Menschen extra aus anderen Städten und Ländern nach Berlin reisen, um ein Tattoo von mir zu bekommen, ist das etwas sehr Besonderes für mich. Ich hoffe, das wird nie zur Gewohnheit.

Was würdest du niemals stechen?

Paul: Keine rechte Symbolik oder andere Motive, die Ideologisch nicht zu meinem Weltbild passen.

Und was würdest du dir selbst niemals stechen lassen? 

Paul: „Never say never“ in Marzahn-Kalligrafie wird es save niemals auf meinen Körper schaffen.

Was nervt dich an der Tattoo-Community?

Paul: In jeder Szene gibt es Neider, die früher oder später schlecht über einen reden. Oder Copycats, die versuchen aus deiner Arbeit Kapital zu schlagen. Von solchen Leuten will ich mich zwar fernhalten, aber ich denke, diese Eigenschaften liegen in der Natur des Menschen – daher kann ich ihnen nicht wirklich böse sein. Kritischer sehe ich zugekokste Tätowierer, die ihr Instagram als zweites Tinder nutzen und denken, sie müssten die Bedürfnisse ihrer Kunden nicht mehr ernst nehmen, sobald sie ein paar Tausend Follower haben. Etwas mehr Demut würde einigen sehr guttun.

Wie sah dein erstes Tattoo aus?

Paul: In der Schule hatte ich Lateinunterricht. Im Übersetzten war ich furchtbar schlecht, aber die historischen Hintergründe fand ich immer interessant. Ich habe gelesen, dass es im antiken Römischen Reich ein Brauch gewesen sei, mit einem Ring am entsprechenden Finger zu zeigen, welchen Gott man ehrt. So sollten die persönlichen Werte für jeden erkennbar sein. Der Daumen sollte Eigenständigkeit symbolisieren. Das war eine schöne Geschichte, und je mehr ich drüber nachdachte, desto besser gefiel mir die Idee mir einen schwarzen Balken um den Daumen zu tätowieren. Es gibt viele Interpretations-Ansätze, die den Daumen zu einem besonderen Finger machen. Trotzdem finde ich das Tattoo heute etwas cringy und würde es mir nicht noch mal stechen lassen.

Foto: Noizz.de

Und wie sah das Erste aus, das du je gestochen hast?

Paul: Es war mir wichtig, das erste Tattoo meinem Freund TREM zu stechen, denn ohne ihn würde ich heute nicht tätowieren und hätte womöglich auch mit Kunst im Allgemeinen nicht mehr viel am Hut. Auf seinem Unterarm hat er zwei Strichfiguren tätowiert, die ihn und seine Frau darstellen. Das war schon etwas ausgeblichen, und ich durfte es nachziehen.

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Wo siehst du dich in 10 Jahren? 

Paul: Das mag jetzt komisch klingen, aber ich glaube, in zehn Jahren werde ich nicht mehr tätowieren. Zurzeit studiere ich Bioinformatik und würde liebend gerne zu Humanmedizin wechseln. Wenn das klappt, bin ich in zehn Jahren hoffentlich Arzt. Ich glaube, Chirurgie würde gut zu mir passen.

Was ist das Härteste an deinem Job?

Paul: Die ständige Erreichbarkeit über Instagram bringt auch mit sich, dass ich nie wirklich abschalte. Ich versuche, so gut es geht, für alle erreichbar zu sein und mir für jeden Zeit zu nehmen. Das bringt die Work-Life-Balance und mein Kurzzeitgedächtnis manchmal sehr durcheinander.

Wie wird sich die Tattoo-Szene – deiner Meinung nach – in den nächsten Jahren entwickeln?

Paul: Ich denke, der Künstler hinter dem Design wird immer wichtiger. Der moderne Tätowierer ist aus meiner Sicht eher eine Marke als ein Dienstleister. Früher gab es Kunstsammler und heute sammeln die Leute Tattoos von ihren Lieblingskünstlern. Worauf ich selber gespannt bin, ist, ob Ästhetik dabei in Zukunft noch eine Rolle spielen wird.

Warum Berlin, was macht die Tattoo-Szene der Stadt aus?

Paul: Ich bin im Prenzlberg geboren und aufgewachsen. Dass Berlin ein hervorragendes Habitat für Tätowierer ist, war ein glücklicher Zufall. Besonders an Berlin ist, dass die Menschen einfach offener für Experimente und neue Dinge sind. Bevor etwas in Deutschland „cool“ werden kann, muss es offenbar immer ein paar Leute geben, die es vormachen, um zu beweisen, dass nicht der gesellschaftliche Ausschluss droht. Hier gibt es einfach viele Menschen, die etwas tun, bevor es cool ist. Und das gibt einem besonders als Tätowierer mehr kreativen Freiraum.

Was steht noch auf deiner Bucket-List?

Paul: RUBY und SCRIM tätowieren, mein Nebenprojekt @young.nemesis pushen, Lil Peep an seinem Grab besuchen, Medizin studieren und mit der richtigen Frau Kinder machen.

 Diesen Kollegen gebe ich Props: @Tattsson, @borisschmitz, @___lin___, @bukky_schwartz, @that_julian, @alliztair, @louis.loveless, TREM, ACID, IGIT, BANSKY und @lowlife_lindur.

>> Hier könnt ihr unseren Tattootalk mit @lowlife_lindur auschecken

Und hier gibts noch ein paar hübsche Motive von Paul:

Quelle: Noizz.de