Wir haben mit jemandem gesprochen, der seine Magisterarbeit darüber geschrieben hat.

Sein Name ist Anselm Geserer, er ist 32 Jahre alt und hat in Freiburg Soziologie, Kognitivwissenschaften und Europäische Ethnologie studiert. In seiner Abschlussarbeit hat er sich mit dem Bungee-Springen auseinandergesetzt. Ein Interview über Höhenangst, Abenteuer und Irrsinn.

NOIZZ: Du hast deine Magisterarbeit über Bungee-Jumping geschrieben. Bist du denn auch selbst gesprungen?

Anselm Geserer: Ja, das war unbeschreibbar! Ich habe Höhenangst, was die Sache nicht gerade leichter gemacht hat. Der Guide hat noch gelacht, als ich ihm das vor dem Sprung erzählt habe.

Er hat dann gesagt, dass jeder Mensch Höhenangst hat. Und das stimmt auch. Stürze aus dieser Höhe ohne Seil sind immer tödlich, da muss man Angst haben.

Anselm Geserer hat sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt

Was interessiert dich am Thema?

Anselm: Angefangen hat eigentlich alles, als ich mich mit Erlebnis an sich auseinandergesetzt habe. Erlebnisse sind omnipräsent in unserer Gesellschaft. Das geht von Gastronomieerlebnissen bis zur Erlebnispädagogik.

Und trotzdem weiß eigentlich auch in der Soziologie und den Kulturwissenschaften niemand wirklich, wie man den Begriff definiert oder was ein Erlebnis bedeuten soll. Und gerade weil das Erlebnis so tief in unserer Kultur und unserem Alltag verankert ist, ist es meine Pflicht als Soziologe, dieses Phänomen des menschlichen Lebens zu erforschen.

Was macht den Bungee-Sprung zum ultimativen Erlebnis?

Anselm: Es ist totaler Irrsinn, sich aus einer solchen Höhe in die Tiefe zu stürzen. Und genau hier liegt der Hund begraben. Den Tod zu überwinden und zu besiegen, ist das eine, das ist auch unglaublich sinnstiftend, weil wir hierdurch eine neue Lebenslegitimation erlangen.

Der Knackpunkt ist aber das Irrsinnige, weil wir für einen Moment den sinnigen Alltag vergessen können. Deshalb ist der Bungee-Sprung Ausdruck unserer Erlebnissuche.

Anselm stürzte sich in München in die Tiefe

Was geben uns solche Erlebnisse?

Anselm: In der kürzlich publizierten Arbeit ging es gerade darum. Was ist diese außeralltägliche Qualität, die in Erlebnissen verortet wird? Sie ist es, die das Erlebte zum Erlebnis macht. Diese Qualität ist dem Alltag in allem entgegengesetzt. Keine Routine.

Alles wird direkt und ohne symbolische Einordnung verarbeitet. Deshalb wird der Alltag auch in sein Gegenteil verkehrt und vergessen. Das ist Erlebnisgegenwart und ein Verprechen. Ein Versprechen an einen paradiesischen Zustand des Bewusstseins. Ohne Nöte, Sorgen und Ängste.

Wie würde eine Gesellschaft ohne Erlebnisse aussehen?

Anselm: Ausbrüche dieser Art helfen uns den Sinn im Alltag zu definieren. Erlebnisse sind wie Auszeiten von bekannten Mustern. Wir merken schon, wie in den letzten Jahrzehnten Burn-outs stark zugenommen haben. Die außeralltäglichen Versprechen motivieren uns letztlich auch wieder dazu, am Montag zur Arbeit zu gehen.

Anselms Magisterarbeit: „Vom Erlebten zum Erlebnis“

Warum gibt es immer mehr solcher Angebote?

Anselm: Unsere Gesellschaft wird immer abstrakter. Erfahrungen und Informationen werden von uns nur noch symbolisch verarbeitet. Karl Marx hat das Entfremdung genannt. Wir arbeiten nicht mehr auf dem Feld, sondern beispielsweise am Fließband oder am Computer.

Der Körper wird also mehr und mehr aus der Gesellschaft gedrängt. Bei Erlebnissen ist das anders, hier drängt sich der Körper zurück in eine Erlebnisgegenwart, die Inputverarbeitung im Außeralltäglichen ist eben nicht symbolisch, sondern direkt und wirklich. So lässt sich auch der Fitnessboom erklären. Es ist ein Ruf des Körpers und seiner Erlebnisse.

Wie schaffst du es, aus deinem Alltag auszubrechen?

Anselm: An erster Stelle steht das Bungee-Springen. Auch wenn ich das nicht so oft tun kann. Ansonsten treibe ich sehr gerne Sport, fahre Ski und Snowboard. Was ich auf jeden Fall öfter machen möchte, ist Bungee-Springen! Achterbahn ist aber auch nicht schlecht.

  • Quelle:
  • Noizz.de