Spontan Konzerte und Gummi-Pimmel verwundern hier keinen.

Gestern war wieder 1. Mai - Tag der Arbeit. Ursprünglich eingeführt, weil es nach einer Kundgebung der Arbeiterbewegung 1886 in Chicago zu Protesten kam, die in einem Bombenanschlag mit mehreren Toten und hunderten Verletzten endeten.

In Erinnerung an die Opfer wurde der 1. Mai als Protest- und Gedenktag ausgerufen und wurde im Zug der Arbeiterbewegung schnell populär. Also eigentlich ein politisches Event. Die Realität sieht dann etwas anders aus: Leute wollen vor allem saufen, tanzen – und teilweise auch randalieren.

Seit 1987 in Berlin-Kreuzberg schwere Krawalle ausbrachen, ist der 1. Mai vor allem ein Feiertag für linke und linksradikale Gruppen. Um den Ausschreitungen entgegenzuwirken, wurden 2003 alternative Veranstaltungen gefördert.

Die Demo findet zwar immer noch statt, der Großteil der bis zu 40.000 Besucher kommt aber für das Myfest aka Maifest: Ein Straßenfest mit Bühnen, Musik, Essensständen und irgendwo im hinteren Teil des Mariannenplatzes ein wenig Politik. Ein paar Parteien stehen rum, die Grünen verteilen Luftballons.

Trotzdem: Die politische Motivation ist abhanden gekommen, es geht um Spaß. Neben mir höre ich eine lallende Person sagen: „Ich habe heute mindestens 2000 Leute gesehen, die irgendwo rangepisst haben. Und die wollen Idealismus verbreiten? Wie soll das gehen?“

Eine Freundin findet die Veranstaltung langweilig: „Alle kommen hier hin und denken, es wird cool und voll besonders, aber am Ende sitzen alle irgendwo rum und langweilen sich.“

Ganz so würde ich dem nicht zustimmen. Ja, oft sitzt man irgendwann irgendwo rum und vielleicht langweilt man sich auch mal zwischendurch. Für mich leitet der 1. Mai trotzdem nach wie vor den Sommer ein. Und auch wenn ich Sprüche wie „Das ist so Berlin“ hasse, zeigt dieser Tag ziemlich gut, wofür so viele Menschen die Hauptstadt lieben: Offenheit, Toleranz, verrückte Menschen und diese „Whatever“-Haltung.

Alle sind irgendwie glücklich (auch wenn der Großteil mit den unterschiedlichsten Mitteln nachhilft) und tanzen zusammen - ob zu Techno, einem Blas-Orchester, komischen Metal-Musikern mit Helmen oder kiffenden Trommlern ist dabei egal.

Letztes Jahr ist Yung Hurn spontan auf einem Dach direkt am Görli neben einem geilen Open-Air aufgetreten. Ein Typ, der komplett drauf war, ist neben mir eine wackelige Laterne hochgeklettert und obwohl sich irgendwie jeder in dem Moment sicher war, dass er das nicht überlebt, wurde er von allen angefeuert.

Ein Auto, das mitten in der tanzenden Menge stand, wurde kurzerhand zur Bühne umfunktioniert und von tausenden Leuten zertrampelt - der Besitzer musste sich danach hundertprozentig ein neues Auto kaufen.

Gefühlt kommt die ganze Stadt. Leute wissen, wie sie daraus ein Business machen können: In den Straßen stehen verteilt Mini-Leitern, auf die man für einen Euro (!) klettern darf, um Fotos von den Menschenmassen zu schießen.

Oder: Anwohner hängen Zettel mit der Aufschrift „Zwei Euro für meine Toilette“ an ihre Häuser, was auch ziemlich wichtig ist, weil es ganz eindeutig an Möglichkeiten mangelt: Alle Restaurants und Bars sind so überfüllt, dass mindestens 30 Minuten angestanden werden muss und auch die Seitenstraßen von Menschen übersät sind. Zum Glück gibt es da die lieben Anwohner, die Geschäfte mit unserer vollen Blase machen. Win-win-Situation.

Kleiner Side-Fact: Niemand hat Empfang. Das Netz ist – wie an Silvester – komplett ausgelastet. Das führt allerdings auch dazu, dass man die Hälfte der Zeit damit verbringt, Leute zu verlieren und zu suchen. Ohne Internet ist man da schon ziemlich aufgeschmissen...

Leider sind Badewannen auf der Straße, Leute mit Stühlen als Outfit und rumhängende Gummi-Pimmel nicht alles, womit man beim Myfest konfrontiert wird. Letztes Jahr bin ich in eine Konfrontation geraten, in der wir eine ordentliche Ladung Pfefferspray abbekommen haben und ein Freund mehrere Stunden kaum sehen konnte.

Auch heute hat man vor allem gegen Ende die Aggressionen immer mehr zu spüren bekommen: Wenn es dunkel wird, weicht die ausgelassene Stimmung zunehmend unschönen Szenen, in denen sich „Demonstranten“ mit Polizisten anlegen. Zum Schluss waren fast die Hälfte der anwesenden Menschen Polizisten.

Trotzdem: 1. Mai und Kreuzberg bleibt für mich ein festes Event in meinem Kalender und macht immer wieder Spaß. Vor allem empfehlenswert für Leute, die unbedingt mal verstehen wollen, was an Berlin immer so gehypet wird!

Quelle: Noizz.de