Der Fotograf Arnold Veber gibt Einblicke eine sensible und zerbrechliche Jugend.

"Last night I am done" heißt seine Fotoserie, für die er seit 2014 den Kindern der Moskowiter Nacht folgt und dabei nicht nur tiefgreifende Einblicke in eine Szene gibt, die den Moment lebt, sondern auch in eine sensible und fragile Jugend.

Der Fotograf porträtiert junge desillusionierte Menschen, die an einer einengenden russischen Gesellschaft zu zerbrechen drohen. Putins striktes Regime und seine heteronormative Weltsicht prägen diese Generation, die unter ihm erwachsen wird.

Für die jungen Russen ist es schwer, auszubrechen aus starren russischen Stereotypen. Für viele bleibt nur die Flucht in die Extase. Für einen Moment alles sein und alles geben, denn der Morgen ist ungewiss.

Wir haben mit Arnold Veber gesprochen - über sein Fotoprojekt und seine Sicht auf das moderne Russland und die Moskauer Rave-Szene.

NOIZZ: Als ich in Tiflis war, hat mir eine junge Russin erzählt, es gäbe keine Technokultur in Russland. Stimmt das?

Arnold: Also, heute ist es schwer, etwas anderes zu finden als eine Technoparty - vielleicht vor zehn Jahren, da gab es noch nicht viele Technopartys.

Wie sieht die Moskauer Rave-Szene aus? Handelt es sich um eine Mainstream-Bewegung oder eher eine Subkultur?

Arnold: Ob es eine Subkultur ist? Da kommt es darauf an, wie du Rave definierst. Es kann ein Zwei-Tages-Tanz ohne Pause sein oder eine gewöhnliche Party mit harter Musik, die bis morgens um 10 geht. Vor zwei Jahren gab es fast jedes Wochenende so etwas wie einen Rave. Die Party begann um 23 Uhr und endete abends um 6 Uhr. Natürlich war da Techno zu hören. Jetzt, 2018, ist das alles gefühlt etwas ruhiger geworden. Viele Promotergruppen haben nicht mehr die Möglichkeit, lange Events zu veranstalten, weil das die Aufmerksamkeit der Polizei auf sie zieht. Deshalb endet jetzt jede Party morgens um 10 Uhr.

Du bezeichnest deine Protagonisten, also durchschnittliche Teenager bzw. jungen Erwachsene, als „fiktionale Helden“. Was meinst du damit?

Arnold: Der Held ist in diesem Kontext der Dirigent, der den Betrachter durch das Fotopojekt dirigiert, weil durch ihn die Erzählung bzw. eine narrative Ebene des Fotoprojekts für den Betrachter erst möglich wird.

Vebers fiktionale Helden im "Rausch ohne morgen" Foto: Arnold Veber / http://cargocollective.com/evcore

Was ist der Grund für die No-Future-Mentalität? Denkst du, dass Russland heute ähnliche gesellschaftliche Entwicklungen durchmacht wie der Westen in den späten 80er und frühen 90er Jahren?

Arnold: Ich weiß nicht, wie es in diesen Jahren in Westeuropa war. Ich kann nur über das momentane Leben in Russland sprechen. Es ist schwierig, die Zukunft zu planen, wenn sich alles so schnell verändert. Oft weißt du nicht, was du nächste Woche machst, und die meisten Leute wissen, das alles passieren könnte. Durch diese Tatsache, dass die Zukunft im Nebel liegt, liegt die Priorität eben im Augenblick.

Warum hast du dich für den Titel „Last night I am done“ entschieden?

Arnold: Ins Russische übersetzt heißt der Titel „Gestern war ich alles“. Wenn ich es wortwörtlich übersetze, heißt es sogar „Gestern war ich fertig, alles zu Ende oder vorbei“. Damit ist in Russland der Zustand gemeint, in dem Leute viel trinken und mit der Besoffenheit nicht mehr umgehen können.

Betrunkene Heldinnen der Nacht Foto: Arnold Veber / http://cargocollective.com/evcore

Hat sich denn die soziale, kulturelle und politische Gleichgültigkeit seit den Jahren 2014/2015 verändert?

Arnold: Die Gesetze werden einfach immer absurder. Leute werden zum Beispiel für Reposts in den Sozialen Medien eingesperrt. Die Regierung versucht quasi, die Unterwäsche der Internetnutzer zu durchleuchten. Es ist schwieriger geworden, zu leben, aber die Leute reagieren nicht aktiv darauf.

Es gibt keinen Protest. Niemand weiß, wie man der Regierung Widerstand leisten könnte. Friedliche Proteste funktionieren nicht und für aggressive Aktionen sind die Leute noch nicht bereit. Keiner möchte ins Gefängnis gehen. Wenn ich für mich persönlich spreche, heißt das, wenn ich keinen Erfolg zu erwarten habe, ist es mir das auch nicht wert.

Was genau meinst du mit der „paradoxen Ambivalenz der Jugend“?

Arnold: Mit der paradoxen Ambivalenz der jungen Leute ist die Unbeständigkeit der Jugend gemeint. Das Hin-und-Hergerissen-sein, sich von einem Problem ins nächste zu stürzen, von persönlichen Problemen und der Unfähigkeit diese zu lösen – und das alles in einem gigantischen Party-Hurricane.

Putins Kinder auf der Suche nach Geborgenheit und Freiheit Foto: Arnold Veber / http://cargocollective.com/evcore

Wie manipuliert denn die Regierung die Jugend?

Arnold: Historische Schulbücher sind vom Staat verfasst, die Inhalte sind dabei sehr sorgsam ausgewählt und lektoriert. Wenn du tiefer gräbst, kannst du eine Reihe von Beweisen finden, wie Kinder aktiv in die Politik involviert werden und Lehrer geben sich dem ebenfalls hin.

Die Regierung arbeitet mit einem Mythos, und dieser Mythos muss in die Köpfe der Bürger implantiert werden. Für diese Ideologisierung wird die Erziehung benutzt. Die Regierung beruht auf Traditionen, daher besteht eine starke Aversion gegen die Kunst der Gegenwart, weil sie eben einen Ausdruck der Kritik möglich macht. Die Manipulation besteht darin, junge Leute sowie normale Bürger im Alltag abzulenken.

Ich bin überzeugt, dass die Regierung ein Interesse daran hat, Menschen mit Fußballspielen abzulenken, damit diese Personen keine Zeit haben, ihre Lebensumstände zu reflektieren. Es ist besser - nach Auffassung der Regierung - wenn die Leute faul auf der Couch liegen und Bier trinken, weil die Ermüdeten der Regierung und ihren Handlungen wenig Aufmerksamkeit schenken. Wir haben eine tief verwurzelte Kultur des Alkoholismus. Immer wenn wir einen freien Tag haben, dann trinken wir. Das ist die Norm.

Ist die Technoszene wirklich ein Ort der Freiheit oder nur eine Flucht?

Arnold: In meinem Fall würde ich sagen, dass die Realität im Kontext zu betrachten ist. Ich meine damit, dass dein kultureller und sozialer Hintergrund immer mitschwingt, er ist ein Teil von dir. Alles ist eng mit dir verflochten, und du kannst nirgendwo hingehen, ohne diese Verwebungen. Aber wenn wir über das Phänomen der Party an sich reden, dann hängt das ganz einfach vom Individuum ab. Für einige ist es Freiheit, für andere eine Flucht. Wieder andere sind nur Beobachter.

Ausnüchtern nach langen Nächten Foto: Arnold Veber / http://cargocollective.com/evcore

Welche politischen Probleme hat Russland aus deiner Sicht?

Arnold: Vor allem die sich nicht ändernden Inhalte der Regierung. Alles bleibt gleich, die gleichen Leute in der Regierung, die ewig gleichen Strukturen, die nur auf persönlichen Interessen beruhen. Überall gibt es Korruption. Die Vertretungen der Regierung arbeiten wie alles verschluckende Tröge.

Außerdem funktioniert die Justiz nicht. Das Justiz-System basiert auf festgelegten Standards, das heißt, du musst so und so viele Berichte schreiben, und wenn du die nicht lieferst, bist du nicht erfolgreich. Also gibt es viele Fake-Verurteilungen. Leute werden ins Gefängnis gesteckt, weil Angestellte „gute Berichte“ abliefern müssen.

Ist denn die Moskauer Rave-Szene außergewöhnlich – also anders, als in anderen Ländern?

Arnold: Ich habe nicht die Möglichkeit, die Szene mit anderen Ländern zu vergleichen. Es ist schwierig für mich, etwas zu vergleichen, was nur in meinem Kopf ist. Ich denke, dass die Russen mehr Alkohol trinken, wie auch in der Moskauer Szene. Aber es gibt auch Events in Moskau, die sehr europäisch clean und energetisch sind.

Sind die russischen Teenager wirklich nur high und passiv, oder ist die Rave-Szene auch als eine aktive Gegenkultur zu sehen, zum Beispiel für die queere Jugend Russlands? Nutzt diese die Szene als Plattform, um für ihre Rechte zu kämpfen?

Arnold: Es gibt queere Partys seit ungefähr zehn Jahren, aber die Leute aus der Queerszene haben sich mehr oder weniger aufgelöst. Niemand spricht hier über ihre Rechte. Ich denke, die Leute in Russland sind noch nicht bereit für einen aktiven Protest. Ein Rave ist nicht die richtige Form für ein politisches Event, um über Rechte zu sprechen.

Arnold Vebers Fotografie nimmt uns mit auf eine Reise in das "Innere einer Generation" Foto: Arnold Veber / http://cargocollective.com/evcore

Arnold Veber findest du auf Instagram unter @machinespirit, NOIZZ findest du unter @dailyNOIZZ!

Quelle: Noizz.de