In Rio predigt ein Pastor das Evangelium mit Hilfe von Metallica und Motörhead.

Ein brachiales Gitarrenriff lässt die Wände erzittern. Laute Rockmusik schallt durch den Raum im ersten Stock eines verwahrlosten Gebäudes in der Favela Maré im armen Norden von Rio de Janeiro. Die Noten Heavy Metal, die Texte tiefreligiös. Rogério Santos holt eine Bibel hervor und beginnt zu beten. Während um ihn herum musikalisch die Hölle losbricht, richtet der Pastor seine Worte gen Himmel.

„In Maré gibt es ein großes Bedürfnis nach Spiritualität“, sagt der 47-Jährige. In der evangelikalen Kirche Metanoia (griechisch für Umkehr) findet er die beiden wichtigsten Dinge in seinem Leben: „Musik und Religion“.

Enok Galvao de Lima, Pastor der evangelikalen Kirche Metanoia, predigt in einem Raum im ersten Stock eines verwahrlosten Gebäudes in der Favela Mare
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Auf den ersten Blick erinnert das Gotteshaus eher an einen Kellerclub: Graffiti und Plattencover von den Ramones, Motörhead und Deep Purple zieren die Wände, in einer Ecke stehen Lautsprecher, ein Schlagzeug und Mikrofone. Nur an der Decke hängen Kreuze.

Die Hard-Rock-Kirche von Rio zeigt, welche Kreativität die evangelikalen Kirchen an den Tag legen, um neue Anhänger zu gewinnen. „Mir hat vor allem das kulturelle Angebot gefallen“, sagt die Lehrerin Tainá Domingues, die schon seit 13 Jahren zu den Gottesdiensten kommt. „Hier fühle ich mich wohl.“

Die katholische Kirche ist in ihrer Hochburg Lateinamerika zuletzt unter erheblichen Druck geraten und verliert immer mehr Anhänger an die evangelikalen Bewegungen. Missbrauchsskandale haben das Vertrauen in die Amtskirche schwer erschüttert. Zudem wird die katholische Kirche von vielen Gläubigen als distanziert und dogmatisch wahrgenommen, während die charismatischen Evangelikalen mit ihren flammenden Predigten, professionellen Musikshows und aufwendig choreografierten Gottesdiensten ein emotionales religiöses Erlebnis bieten.

„Die Prediger der Pfingst-Kirchen verstehen es, zu den Gläubigen zu sprechen, wie die Menschen in Lateinamerika auch miteinander sprechen. Und sie gleichen ihren Gemeinden. In Guatemala beispielsweise sind viele Prediger Mayas, in Brasilien Afro-Brasilianer. Im Gegensatz dazu werden die Priester der katholischen Kirche als Teil der Elite wahrgenommen“, sagt Andrew Chesnut, Professor für religiöse Studien an der Virginia Commonwealth University. Der kräftige Mitgliederzuwachs der evangelikalen Kirchen macht sie für Politiker immer interessanter. „Die Stimmen der Evangelikalen sind bei allen Kandidaten heiß begehrt und beeinflussen zumindest indirekt ihre Kampagnen“, sagt Analyst Malamud.

In Lateinamerika sind die Freikirchen auf dem Vormarsch - nicht alle sind so liberal wie die Metal-Christen
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Nicht alle evangelikalen Bewegungen verfolgen eine konservative Agenda. Die Rock-Kirche von Rio de Janeiro beispielsweise versteht sich als Anwalt der Unterdrückten und Vergessenen. „Wir öffnen einen Raum für Menschen, die woanders abgewiesen werden“, sagt der Gottesdienstbesucher Everton Rodrigues. Allein in den Straßen rund um die Metanoia gibt es sechs weitere evangelikale Kirchen.

Für Pastor Enok Galvão de Lima ist die Musik einfach ein Werkzeug, um das Evangelium zu lehren und die frohe Botschaft zu verkünden. „Mit der Sprache des Rock kann ich viele Menschen erreichen“, sagt der gläubige Heavy Metaler.

Text: Zusammen mit dpa

Quelle: Noizz.de