Ein Drama in fünf Akten.

Unsere Autorin Julie Schmidt schreibt in „SEX VOR NEUN“ über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus.

Die Nummer mit der Dating-App

Ich hasse Dating. Ich habe es schon mehrmals erwähnt, dass ich nichts schlimmer finde, als meiner heiligen Vagina einen neuen Penis zu präsentieren. Wir wissen inzwischen alle, dass sie die reinste Diva ist und ihr deshalb definitiv nicht jeder Mann genehm ist, der Interesse an mir oder meinem Körper zeigt.

Zu meiner wählerischen Vagina kommt auch noch diese Unsicherheit, ob ein Typ einen wirklich mag oder nicht – und noch viel schlimmer, ob er mir einen Orgasmus schenken kann oder nicht. Das ist jedes Mal aufs Neue mein persönlicher Horror.

Trotzdem gibt es auch im Leben einer Julie Schmidt diese Tage, an denen ich verkatert und blöderweise alleine im Bett liege. Tja, und dann öffne ich eben doch diese App aus der Hölle namens Tinder. Ist euch übrigens schon mal aufgefallen, dass sie eine Flamme als Logo hat? Das kann kein Zufall sein.

Ich benutze Tinder nicht sehr häufig und wenn, dann eher, um einfach mal den Marktwert zu checken oder mir ein bisschen die Zeit mit Fantasien zu vertreiben. Letztes Jahr habe ich mal eine norwegische Studie gelesen, in der herauskam, dass viele Menschen Tinder wie Candy Crush benutzen. Es ist einfach witzig, sich Bilder und Biografien von den Typen anzugucken und sich vorzustellen, was sich dahinter wohl für ein Kerl verbirgt.

Zugegeben, wenn man sich meine Matches anguckt, dann sehen all die Typen aus wie Geschwister – Julie Schmidts persönliche Traummann-Armee besteht aus lauter Clonen mit dunklen Haare, dunklen oder stechend blauen Augen, meistens so zwischen 1,83 und 1,87 Meter groß, eher McFit als Golf-Club und sportlich aber nicht mega durchtrainiert. Letztendlich aber alles egal, denn selbst, wenn sie in mein Beuteschema passen – mehr als drei oder vier Nachrichten schreibe ich eh nicht hin und her.

Damit ist jetzt Schluss. Denn ich habe ein Experiment gewagt und meine Taktik geändert: Ich hab getindert wie ein Typ.

Kurz erklärt: Ich habe einfach ausnahmslos alles gelikt, was bei drei nicht auf dem Baum war. Scheiß auf meine doch sehr eingefahrene Suche nach diesem einen Typ Mann und rein ins Vergnügen! Na ja, oder zumindest in eine Lehrstunde zum Thema Dating im 21. Jahrhundert.

It's always a match

Dass es wirklich kein Gerücht ist, dass Typen alles liken, was so kommt, hat sich für mich schnell herausgestellt. Denn von 50 Likes hatte ich bestimmt 45 Matches, und das liegt sicher nicht daran, dass ich die absolute Traumfrau von jedem dieser Typen war. Mein Handy ist sogar fast abgestürzt, weil es auf einmal so viele Tinder-Notifications regnete. Das Problem: Ich habe nach dem ersten Tag die Übersicht über all die Typen verloren und kam mit dem Beantworten von „Hi, wie geht's?“-Nachrichten echt nicht mehr hinterher.

NEIN! Foto: Noizz.de
Thanks and bye Foto: Noizz.de

Männer sind unkreativ

Weil der Nachrichten-Schwall irgendwann nicht mehr zu bewältigen war, habe ich angefangen, nur noch „kreative“ Begrüßungen zu beantworten. In meiner Biografie habe ich nur einen Spruch stehen: „Love is a game wanna play?“ Das führt dazu, dass sich die meisten Typen in Kreativität üben und mir schreiben, dass sie mit mir spielen wollen. Süßer Versuch, Boys ... Aber jetzt mal ehrlich: IHR LANGWEILT MICH!

no words Foto: Noizz.de

Da ist es mir ja schon fast lieber, wenn der Typ mich fragt, ob ich es lieber mag, wenn er mir sein Sperma ins Gesicht oder auf die Brüste spritzt. In allen möglichen Varianten wurde ich auf das „Spiel“ angesprochen. Dabei gibt es nur eine einzige korrekte Reaktion auf diesen Spruch ... NEIN, nicht die Frage, ob ich gerne „Saw“ gucke, sondern:

Thank god, wenigstens einer hat es gerafft Foto: Noizz.de

Sorry Boys, aber der Spruch kommt aus dem Taylor-Swift-Song „Blank Space“ und soll euch vor allem zeigen, was für einen schrulligen Musikgeschmack ich habe.

Achte darauf, WO du tinderst

Eine weitere Erkenntnis, die ich während dieses Experiments hatte: Dass man nicht da scheißt, wo man isst. Da ich das aber aus rein beruflichen Gründen gemacht habe (haha), habe ich natürlich irgendwann auf der Arbeit angefangen, alles nach rechts zu wischen. Jetzt ratet, was passiert ist? Genau, ich habe mindestens einen Arbeitskollegen im Netz gehabt. Leider ist uns beiden erst bewusst geworden, dsas wir mehr oder weniger im gleichen Unternehmen arbeiten, als wir schon zwei Stunden Nachrichten ausgetauscht hatten.

Und da ich irgendwie nicht so wirklich Bock auf persönliche Dramen im Büro habe, musste ich irgendwann einfach aufs Ghosting zurückgreifen. JA, ich weiß, dass ich mir für 2019 als Vorsatz genommen habe, dass ich keine Typen mehr ghosten will – aber das schlechte Gewissen plagt mich jeden Tag, wenn ich in die Kantine gehe und Schiss habe, dass ich in ihn reinlaufe.

Psychopathen, Langweiler, Fetischisten

Was ich gemerkt habe: Tinder ist wohl der traurige Querschnitt unserer Generation. Da treiben sich so gut wie alle Arten von Menschen rum, allerdings nur diejenigen, die es irgendwie nicht so richtig auf die Reihe bekommen, im Real-Life eine Frau klarzumachen. Die meisten von ihnen sind einfach nur krasse Langweiler, die sich für Individualisten halten, nur weil sie ein unbezahltes Praktikum in einem Berliner Start-up abbekommen haben und schon mal ins Berghain gekommen sind.

Die anderen sind entweder Männer und Frauen mit Ego-Problemen, die sich im echten Leben nicht trauen, jemanden anzusprechen. Was ehrlich gesagt schon irgendwie seltsam ironisch ist, da sie beim Tindern dann doch häufig feststellen, dass eh keiner gut genug für sie ist. Das ist wohl die breite Masse der Menschen, die sich wie ich sonntags in ihr Bett setzen und einfach mal losswipen, während irgendeine belanglose Netflix-Serie läuft.

Tja, und dann gibt es neben den Langweilern auch noch zwei weitere Gruppen, die auf Tinder wohl am meisten Erfolg haben: Psychopathen, die auf der Suche nach der nächsten labilen Perle sind, der sie einreden können, wie scheiße sie ist. UND: Fetischisten!

Die haben mit der App wohl endlich eine einfache Möglichkeit gefunden, Gleichgesinnte zu treffen: Von ihnen kamen die direktesten Anfragen a là „Würdest du dich mit mir treffen, und ich massiere dann deine Füße, während du eine dünne Strumpfhose trägst?“

Leider hat es in diesem speziellen Fall nicht zu einem Treffen geführt, was aber eher daran lag, dass ich eben nicht auf Fußmassagen stehe – Strumpfhosen sind dagegen okay.

Von wegen Fick-App

Und jetzt ratet mal, wie viele Typen ich dank meines Versuchs in der Kiste hatte ... Genau. Keinen fucking einzigen. Aber immerhin gab es ein Date, das so schräg ablief, dass ich die App jetzt erst mal wieder gelöscht habe und mir meinen Sex wieder auf anderem Wege suche – davon erzähle ich euch aber beim nächsten Mal.

Deine Sex-Fragen

Übrigens: Wenn du mir Fragen zum Thema Sex stellen willst, kannst du das jederzeit machen – und zwar komplett anonym! Schreib mir dazu einfach eine Message auf Tellonym. Die besten Fragen beantworte ich nächste Woche auf NOIZZ!

>> SEX VOR NEUN: Kiffen ist die reinste Orgasmus-Garantie

>> SEX-FRAGEN #26: Meine Freundin hat nur betrunken Lust auf Sex – was tun?

JULIE SUCHT DICH ...

Eine Kollegin von mir sucht für ein Interview Frauen und Männer, die gerne öffentlich über ihr Fetisch sprechen wollen. Wenn ihr Lust habt, schreibt mir doch einfach auf Tellonym eine Nachricht und hinterlasst eure E-Mail-Adresse, damit sie euch kontaktieren kann.

XOXO

Quelle: Noizz.de