Wenn er sich beim ersten Mal nicht für mich entscheiden kann, wird er es nie tun.

Autorin Julie Schmidt schreibt in "SEX VOR NEUN" über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus. Übrigens: Folg Julie Schmidt doch auch bei Instagram: @sex.vor.neun.

Die Nummer mit dem Warten

Ich bin der ungeduldigste Mensch aller Zeiten. Wenn ich mich mit Freunden verabrede und weiß, dass ich pünktlich komme (was um ehrlich zu sein, nur sehr selten vorkommt), dann bestelle ich sie absichtlich zehn Minuten eher zum verabredeten Treffpunkt, weil ich keinen Bock habe auf sie zu warten. Seitdem ich in Berlin wohne, hat sich meine Ungeduld, zu einem kleinen Monster entwickelt, das mir manchmal sogar ins Ohr flüstert, dass jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, der Person vor mir in die Kniekehlen zu treten, wenn sie nicht auf der Stelle einen Zahn zulegt ... Hab ich natürlich noch nie wirklich durchgezogen, aber ich war schon häufig kurz davor.

Ob beim Einkaufen, im Job, in der Bahn, selbst beim Masturbieren kann ich es einfach nicht lassen, meine Ungeduld abzulegen: Alles muss immer sofort und auf der Stelle passieren. Am liebsten hätte ich ein blinkendes Zeichen über meinem Kopf schweben: "Alle aus dem Weg, diese Frau ist auf der Überholspur unterwegs Richtung ..." Tja, wohin eigentlich? Richtung Spaß, Zufriedenheit, Erfolg, dem Traummann? Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann weiß ich es gar nicht so richtig.

Denn es gibt da in ein klitzekleines Problem: Auch wenn ich mich in vielen anderen Lebensbereichen echt gut auf der Überholspur halte, Männer kommen bei meinem Tempo manchmal nicht mit und ziehen dann blöderweise die Notbremse. Was das für mich bedeutet? Ich muss mich für diese Typen, regelmäßig meiner größten Schwäche stellen – und mich in Geduld üben. Komischerweise fällt mir das in zwischenmenschlichen Beziehungen viel einfacher, als in allen anderen Belangen. Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, habe ich das Warten auf Männer sogar ziemlich perfektioniert.

Als ich über das Thema dieser Kolumne nachgedacht habe, ist mir eine Situation in den Kopf geschossen, die nie eine besonders tragende Rolle in meinen Erinnerungen gespielt hat, weil ich sie in diesem Moment weder als besonders schlimm, noch als besonders schön abgestempelt hatte, mit etwas Abstand ist sie aber doch ziemlich bezeichnend für mich und mein Verhältnis zur Warterei ...

Nach dem Club-Besuch wartete ich vor seiner Tür

Ich war an dem Abend mit einer Freundin unterwegs. Ich weiß nicht mehr genau, was damals der Anlass war, aber das ist auch egal, weil wir zu diesem Zeitpunkt keinen Grund zum Feiern brauchten, wir feierten einfach unser Leben. Mir ging es wirklich fantastisch: Ich hatte Urlaub, mit Basti lief alles ganz entspannt, aber nicht zu entspannt, denn wir alle wissen, dass das eigentlich nie ein gutes Zeichen war. Jedenfalls hatte es meine Freundin und mich an diesem Abend in einen unserer Lieblingsclubs verschlagen: Wir tanzten, wir flirteten, wir kippten einen Tequila nach dem anderen und machten Selfies auf dem Klo.

Bis ich irgendwann auf die Idee kam, Basti zu fragen, ob ich ihm nach dem Club noch einen Besuch abstatten sollte. Er willigte ein, ich gab ihm eine grobe Uhrzeit durch: "Bin so gegen 04:00 Uhr bei dir :)" Ja, liebe Berliner, auch wenn ihr es euch kaum vorstellen könnt, aber in anderen Städten enden die Partys meistens um die Uhrzeit, wenn ihr erst richtig loslegt.

Um kurz vor vier setzte ich mich ins Taxi und ließ mich durch die Stadt kutschieren, ich zahlte mit meinem letzten Bargeld, mein Handy-Akku zeigte noch stabile 18 Prozent, was wohl der Selfie-Session auf dem Klo geschuldet war. Aber Basti hatte ja ein Aufladekabel, also machte ich mir keine Gedanken.

Ich klingelte an seiner Haustür... nichts. Ich klingelte noch mal ... nichts.

"Das kann jetzt nicht wahr sein", entfuhr es mir. Seine Wohnung lag direkt über dem Eingang – Überraschung: es brannte kein Licht.

"Mach auf ... bin da!", tippte ich in mein Handy und wartete etwa drei Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten.

"Ach fuck! Ich bin erst in einer Stunde da ... sorry, hab voll die Zeit vergessen", schrieb er, worauf ich kurz überlegte, ob ich wütend gegen die Tür treten sollte ... damit habe ich allerdings nicht die besten Erfahrungen gemacht: als ich in der dritten Klasse war, habe ich es tatsächlich mal geschafft, unsere Glashaustür einzutreten, weil meine Mutter nicht zuhause und ich darüber alles andere als erfreut war.

Anstatt die Tür zu bearbeiten, entschied ich mich an diesem Abend also dazu, mich auf die Treppen sinken zu lassen und wütend in meine Hand zu tippen: "Das ist jetzt nicht dein Ernst ..."

Er ging kurz online, las die Nachricht, dann klingelte mein Handy.

"Boar sorry, das ist mir jetzt richtig peinlich. Ich hab die Zeit vergessen, aber ich bin jetzt schon im Auto und komme so schnell es geht", sagte er. Seine Entschuldigung klang aufrichtig, die Scham in seiner Stimme echt.

In der nächsten Stunde rief er mich etwa alle 15 Minuten an, um mir zu sagen wo er sich gerade befand. Bitte fragt nicht, wo Basti sich in dieser Nacht um 04:00 Uhr rum getrieben hatte ... wie ich später herausfand, raste er während unserer Telefonate mit 200 km/h über die Autobahn, weil er spontan zu einem Freund in eine andere Stadt gefahren war. Ich weiß, dass sich das jetzt furchtbar anhört, aber es könnte sein, dass dieses Gespräch zu den niedlichsten gehörte, die wir in den ganzen Jahren geführt haben.

Ihr denkt euch jetzt sicher, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe, denn augenscheinlich hatte er mich ja VERSETZT, weshalb ich in der Kälte vor seiner Tür saß und mitleidige Blicke von seinen Nachbarn zugeworfen bekam, die sich irgendwann erbarmten und mich zumindest in den Hausflur rein ließen. Dass diese Aktion von ihm alles andere als niedlich war, konnte ich in diesem Moment allerdings gar nicht wahrnehmen: In meinem Kopf hörte ich immer nur seine Stimme, die mit Panik, Scham und Sorge, dass ich ihm nach dieser Situation endgültig den Laufpass geben könnte, belegt war. Dieser Klang stimmte mich versöhnlich, obwohl ich bei jeder anderen Person schon nach vier Minuten Warten auf 180 gewesen wäre.

Auf die große Liebe muss man warten

Ich habe das in der letzten Kolumne schon erzählt: Für Männer, die ich wirklich gerne mag, rutsche ich von der Überholspur gerne mal auf die Wartebank ... oder wie in dem Fall – auf die Stufen vor seiner Wohnung. Damit meine ich aber eigentlich gar nicht, "echte" Situationen, in denen ich auf einen Typen warten musste, weil er sich beispielsweise verspätete. Wenn ich von Wartezeiten spreche, dann meine ich vor allem die Situationen, in denen Männer mich auf ihre Zuneigung warten lassen.

Ich weiß, dass das jetzt so gar nicht nach der unnahbaren Sex-Kolumnistin Julie klingt, aber anscheinend haben Männer ein Problem damit, mich ganz oben auf ihre Prioritätenliste zu setzen. Das wirklich Bedenkliche daran ist: Bisher war ich damit auch immer total fein. Wobei: Nein, eigentlich habe ich das immer gehasst, trotzdem habe ich es schon so oft mit mir machen lassen! Ich bin damit nicht ganz alleine – viele Frauen glauben, vielleicht auch weil sie zu viele schlechte Liebesfilme gesehen haben, dass bei Typen irgendwann der Schalter umfällt und sie dann endlich erkennen, wer ihre wahre große Liebe ist.

Ich habe an dieser Idee immer gerne festgehalten, weil ich die Vorstellung, dass man erst Ewigkeiten um eine Beziehung mit jemandem kämpfen und durch den schlimmsten Herzschmerz gehen muss, immer viel romantischer fand, als eine 0810-Alles-läuft-glatt-Lovestory.

Jedenfalls habe ich schon sehr häufig auf dieser Wartebank ausgeharrt und obwohl mir das immer sehr viele Sorgen, Liebeskummer und physische Schmerzen bereitet hat, habe ich mich jedes Mal wieder drauf eingelassen.

Basti ist dafür das plastischste Beispiel, weil er immer wieder nach dem gleichen Muster gehandelt hat, aber eigentlich habe ich das auch mit fast allen anderen Typen in abgewandelter Form erlebt. Das fing schon bei meiner ersten großen Liebe an: dem Typen habe ich jahrelang hinterher getrauert – weil er mir mit seinem unschlüssigen und paradoxen Verhalten immer "Mixed Signals" gesendet hat, die ich blöderweise leider als sehr positiv interpretierte, weil ich den Gedanken einfach nicht ertragen konnte, dass wir vielleicht doch keine rosige Zukunft hatten.

Meine emotionale Wartebank ist supergemütlich

In diesem Zuge arrangierte ich mich genügsam mit meiner Position auf der Wartebank: Um ehrlich zu sein, machte ich es mir darauf sogar echt gemütlich. Ich besorgte mir ein federndes Kissen, in Form von einer weiteren Leidenschaft wie meinem Job, wenn der Typ gerade keinen Bock auf mich hatte, dann machte ich es mir darauf einfach gemütlich und arbeitete einfach so lange und viel, bis er irgendwann wieder ankam. Beim nächsten Kerl hatte ich meine Wartebank schon warmgesessen, deshalb fiel es mir gar nicht auf, dass auch er mich ebenfalls für ein paar Wochen warten ließ, bevor er nach unserem ersten Fick wieder um die Ecke kam und nach einer weiteren Nummer fragte.

Tja, an dem Abend, als ich wie ein Penner vor Bastis Tür saß, war die Wartebank inzwischen so schön eingerichtet, dass ich mich die Zeit nicht mal als unangenehm empfand. Ich war mit meiner Position auf der Wartebank so im Einklang, dass ich nicht mal sauer war, als eine Stunde später und bei zwei Prozent Akku, plötzlich ein Auto lautstark vor mir abbremste und dann ein Typ mit peinlich berührtem Grinsen auf mich zu gerannt kam.

"Es tut mir soooo leid! Bist du okay?", fragte Basti, als er mich zur Begrüßung in die Arme schloss.

Ich ließ meine Stirn gegen seine Brust fallen, unter der sein Herz pochte. "Mir ist kalt", war mein einziger Kommentar, bevor ich meinen Kopf anhob, er mein Gesicht in die Hände nahm und mir einen Kuss auf die Lippen drückte.

Wisst ihr, was das Absurdeste an dieser ganzen Aktion war? Wir hatten am den Abend nicht mal Sex miteinander. Ich hatte mir eine Stunde den Arsch abgefroren, damit er durch die Nacht rasen und ich in seinen Armen einschlafen konnte. Klingt das nicht niedlich? Nein, natürlich klingt das absolut nicht niedlich, aber in meinem kleinen verstrahlten Kopf empfand ich die Situation als ein unausgesprochenes Liebesgeständnis.

Leider war es das nie und dieser Abend nur einer von vielen: Zwar ließ er mich nur ein einziges Mal vor seiner Tür sitzen ... okee, ein anderes Mal, war ich extra losgefahren, um ihn von einem Freund nach dem Feiern abzuholen, um dann festzustellen, dass er eingepennt und nicht zu unserem Treffpunkt erschienen war ... Aber sonst hatte er mich nie großartig warten lassen, zumindest nicht in persona – dafür aber umso häufiger emotional.

Die scheiß Hoffnung macht das Warten erträglich

Ich will ihm an dieser Stelle keine Böswilligkeit oder einen perfiden Plan unterstellen ... ok, vielleicht ein bisschen ... denn eigentlich glaube ich bis heute, dass er einfach in vielen Situationen nicht gecheckt hatte, dass ich mal wieder auf der Wartebank gelandet war. Aber jedes Mal, wenn Basti mir erzählte, dass wir das mit uns jetzt doch lieber beenden sollten, drängte er mich zurück auf meine ach so gemütliche Bank.

Und was tat ich dumme Nuss? Ich richtete mir meine Bank noch schöner ein, um mir die Wartezeit gemütlicher zu machen. Am Ende besuchte ich sie so oft, dass ich sogar Blumen pflanzte, die ich regelmäßig Gießen musste. Und wer es sich dann doch wieder anders überlegte, dann holte er mich mit einer Nachricht, einem Anruf, einem Kuss, einem Orgasmus, manchmal sogar nur mit einem Instagram-Like wieder von der Bank runter – zurück in sein Leben.

Ich kann euch gar nicht genau sagen, warum ich, der ungeduldigste Mensch dieser Welt, sich so unfassbar wohl in der Warteposition gefühlt hat. Vermutlich weil ich die scheiß Hoffnung, dass am Ende doch alles gut werden würde, einfach nicht aufgeben wollte. Überraschender Spoiler: Wurde es natürlich nicht!

Irgendwann schob er mich ein letztes Mal auf die Bank: Ich wartete erst Tage, dann Wochen, später Monate. Meine Blümchen starben irgendwann ab, weil mir so langweilig wurde, dass ich sie zu oft goss (tja, ich hatte eben noch nie einen grünen Daumen) und letztendlich musste ich mir nach sehr langer Wartezeit eingestehen, dass ich von der Überholspur aufs Abstellgleis gestellt wurde. Und eine Sache kann ich euch sagen: sich vom Abstellgleis wieder auf die Überholspur zu kämpfen, ist verdammt hart!

Ich kann das Warten einfach nicht lassen

Heute bin ich wieder an dem Punkt, an dem ich mich vor dieser kleinen Auszeit auf dem Abstellgleis befunden habe. Und obwohl ich ganz genau weiß, wie schwer es ist, wenn man einmal die falsche Abzweigung genommen hat, wieder auf den rechten Weg zu finden, ist die Versuchung auch heute noch besonders groß, meiner kleinen süßen Wartebank mal wieder einen Besuch abzustatten.

Erst vor Kurzem hatte ich ein ziemlich unangenehmes Gespräch mit einem Typen, den ich wirklich in mein Herz geschlossen habe. Wir hatten ein paar Dates, waren ein paar Mal in der Kiste gelandet und ich war gerade kurz davor, wirklich ernsthafte Gefühle für ihn zu entwickeln, als er mir ganz plötzlich steckte, dass er jetzt in einer glücklichen Beziehung sei. Anscheinend war mein persönliches Tempo Richtung Happy End mal wieder zu hoch gewesen, weshalb er dann doch lieber die erste Abzweigung nahm, damit ihm bei unserm kleinen Rennen auf der Überholspur nicht der Treibstoff ausging.

Ich lächelte den Herzschmerz in diesem Moment weg und versicherte ihm, dass ich mich wirklich für ihn freute (was ich auch tat ... zumindest irgendwie), dennoch trafen mich seine Worte tief in meiner Magengegend. Ich war nicht mal sauer, als er das sagte und mir dann etwa eine halbe Stunde erzählte, wie toll seine Freundin war. Die einzige Person, über die mich im Nachhinein maßlos ärgerte, war ich selbst: Denn wisst ihr, was der erste Satz war, nachdem ich meiner besten Freundin davon berichtet hatte?

"Egal ... vermutlich kommt er irgendwann eh wieder an..."

Sie nickte eifrig und reichte mir ein Taschentuch, weil mir die Tränen über die Wangen liefen.

Erst als ich sie mir hastig weggewischt hatte, stampfte ich wütend auf den Boden.

"Hast du gehört, was ich gerade gesagt habe? Ich fang schon wieder mit dem Mist an ... Ich will das nicht mehr, ich will nicht mehr warten! Entweder er entscheidet sich von Anfang an für mich oder er lässt es. Aber ich kann das nicht noch mal durch machen! Ich kann nicht die gleiche Scheiße machen, wie bei Basti! Das hat mein Leben zerstört ... damit kann ich doch jetzt nicht schon wieder anfangen", heulte ich ihr entgegen, nicht mal weil es mir so wehtat, dass er sich gegen mich entschieden hatte, sondern wegen meiner irren und reflexartigen Gedanken.

Jetzt nickte sie: "Ne, das können wir wirklich nicht noch mal machen." Dass sie in diesem Moment "wir" sagte, hat große Bedeutung: denn nach der Trennung von Basti war es meine beste Freundin, die mich Schritt für Schritt wieder aufpäppelte und mit viel Kraft vom Abstellgleis zurück ins Leben abschleppte.

"Bitte gib mir eine Ohrfeige, wenn ich dir das nächste Mal wieder von dem erzähle. Ich WILL das nicht mehr! Ich WERDE das nicht mehr tun. Wenn er mich jetzt nicht will, dann wird er mich niemals wollen. Pech für mich.. oder für ihn, keine Ahnung. Aber ich werde auf keinen Fall mehr auf Sex warten!", sagte ich nun immer noch ziemlich aufgebracht.

Ob ich das halten kann? Keine Ahnung, aber ihr werdet sicherlich als erste davon erfahren, wenn ich doch noch mal mit ihm in der Kiste lande.

Deine Sex-Fragen

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Quelle: Noizz.de