Oder vielleicht doch?

Unsere Autorin Julie Schmidt schreibt in „SEX VOR NEUN“ über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus.

Die Nummer mit dem Kerzenschein

Sex hat für mich wenig mit Romantik zu tun. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht so richtig, seit wann ich diese Einstellung habe. Liegt es daran, dass ich auch schon viel Sex hatte, der aufgrund von fehlenden Gefühlen füreinander eben eher einer Masturbation mit echtem Penis glich, oder daran, dass ich mich auch wissenschaftlich schon sehr häufig mit dem Thema auseinandergesetzt habe?

Wenn ich jedenfalls an Sex denke oder darüber rede, dann kommt in mir immer die derbe Komikerin raus, die sich stundenlang mit diabolischem Lachen und derbem Humor im Café über Orgasmen und Penisse unterhält ... na ja, also zumindest unterhalte ich immer das ganze Café.

Erst vor ein paar Tagen habe ich mich mal wieder sehr laut und humoristisch darüber ausgelassen, wie gerne ich mal wieder so richtig „weggeballert“ werden würde. Die Resonanz meines Gesprächspartners: ein skeptischer Blick.

„Nenn mich spießig, aber ein bisschen romantisch mag ich es schon“, sagte mein Kumpel zu mir, was mich zum Nachdenken gebrachte.

Romantik und Sex? Da stellen sich bei mir im ersten Moment die Nackenhaare auf. Geplante Dates mit seinem Schaaatz, der einen erst zum Essen ausführt und anschließend bei Kerzenschein für ein paar Minuten in der Missionarsstellung zum „Liebe machen“ überredet? Bitte nicht, also zumindest nicht mit mir!

Eine heiße Nummer braucht keinen Kerzenschein

Stattdessen will ich an den Haaren gezogen und auf dem Tisch genommen werden – so lange, bis meine Beine zittern und ich vor Geilheit fast anfange zu heulen. Sorry, not sorry! Ob dabei eine Serie läuft oder die Ikea-Duftkerzen flackern? Mir doch egal!

„Muss es bei dir denn immer diese wilde Nummer sein?“, wollte mein Kumpel jetzt genauer wissen.

Ich zuckte mit den Schultern und kramte in meinem Kopf nach Sex-Erlebnissen, die ich als besonders romantisch abgespeichert hatte.

Dabei fiel mir nur eine Situation mit Julian ein. Warum ausgerechnet eine Nummer mit Julian in meinen Sinn kam, kann ich mir absolut nicht erklären, denn wir beide waren nur Fuck-Buddys.  Sex? Ja! Romantische Gefühle? Nein! Und das klappte wunderbar.

Die kalte Novemberluft heizte unsere Gemüter auf

Trotzdem gab es da dieses eine Treffen, das sich in meine Erinnerung eingebrannt hatte. Es war November, draußen war die Luft schon eiskalt, und ich holte ihn eingepackt in einen dicken Wintermantel vom Bahnhof ab. Wir beide brauchten einfach mal eine kleine Auszeit vom Alltag.

Schon am Bahnsteig konnten wir es kaum erwarten, endlich übereinander herzufallen, weil wir uns jetzt zwei Wochen nicht gesehen hatten. In der Bahn konnten wir unsere Finger nicht voneinander lassen, während sich die Lichter der ersten Weihnachtsbeleuchtungen in den Fenstern spiegelten. In diesem Moment dachte ich mir: „Oh Gott, wir sind gerade dieses Pärchen, was ich sonst immer mit Giftpfeilen abschießen will!“

Die Stimmung zwischen uns war so harmonisch, dass ich auch zuhause darauf verzichtete, die volle Deckenbeleuchtung anzumachen, die uns von unserm Turteltäubchen-Trip wieder runtergebracht hätten, stattdessen knipste ich ein paar Lichterketten an, die den Raum in ein sanftes Licht tauchen – es war die Billigversion einer hollywoodreifen Sexszene vor dem Kamin.

Statt mit wildem Sex auf dem Küchentisch, starteten wir den Abend im Bett. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir es vielleicht ein einziges Mal im Bett getrieben. Dieses Mal passte es aber einfach viel besser. Die Klamotten flogen durch die Luft: Erst Schal und Mütze, dann Oberteil, Hose, Slip und BH. Seine kalten Finger fuhren über meinen Körper und hinterließen eine Gänsehaut an Stellen, die bis eben noch nicht frieren mussten.

Kurz darauf lag ich nackt und völlig außer Atem im Bett und beobachtete ihn von der Seite dabei, wie er mit der Kippe im Mundwinkel und splitternackt vor meinem Bett stand, um die Weinflasche semiprofessionell mit einem Schraubenzieher zu öffnen. Und dachte: Hach, wie romantisch ...

Deine Sex-Fragen

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Quelle: Noizz.de