Ich hatte so nämlich mal den vielleicht besten Sex meines Lebens.

Unsere Autorin Julie Schmidt schreibt in „SEX VOR NEUN“ über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus.

Die Nummer mit der Maske

Für mich hat Sex nur wenig mit Intimität zu tun. Dafür hatte ich einfach schon viel zu viele unbedeutende One-Night-Stands. Am Ende des Tages fällte es mir wahrscheinlich einfacher, mit einem Radom-Guy ins Bett zu steigen, als neben ihm zu einzuschlafen. Obwohl man sich körperlich nicht näher kommen kann, als wortwörtlich ineinander zu stecken, heißt das noch lange nicht, dass man der Person auch wirklich nahe steht.

Ich habe in den letzten Tagen oft darüber nachgedacht, dass wir allen immer nur einen Teil von uns preisgeben, der nicht immer der Realität entspricht. Gerade in diesem verflixten Dating-Dschungel versucht man doch bei jeder Person, eine Idee zu erzeugen, wer man eigentlich ist. Manchmal geht das gut ... in vielen Fällen aber auch einfach nicht.

Vor ein paar Tagen war ich auf einer Party, auf der echt viele Menschen waren, mit denen ich mal zur Schule gegangen bin. Quasi so etwas wie ein inoffizielles Klassentreffen und ihr wisst ja, wie sowas abläuft: "Wer hat es wie weit geschafft"-Smalltalk at its best!

Ich stand da und habe bereitwillig allen Leuten erzählt, wie mein Leben jetzt so aussieht: Raus aus den Vorstadtbetten, rein in die Hauptstadt und Kariere machen. Was ich den Leuten an dem Abend nicht erzählt habe: Dass ich eigentlich einen echt beschissenen Tag hatte und wegen eines angeknacksten Herzens drei Stunden zuvor noch heulend am Küchentisch saß und mich von meiner Mum trösten ließ. Ja, Überraschung ... Auch eine Julie Schmidt hat Gefühle.

Ein Kumpel von mir hat an diesem Abend genau die gleiche Taktik durchgezogen: Er witzelte mit allen herum, quatschte mit ein paar Frauen und tat wie üblich auf Prince Charmin' – in Wirklichkeit war er aber todtraurig, weil seine Ex ihm an diesem Abend keines Blickes würdigte.

Warum sind wir eigentlich so selten wir selbst?

Als ich ihn dabei beobachtete, wie er da mit seiner imaginären Maske den anderen Gästen den Funny Guy vorspielte, ist mir mal wieder aufgefallen, wie häufig wir einfach nicht wir selbst sind. Eigentlich kann man sich ja nie sicher sein, ob der gegenüber nur eine Maske ausgesetzt hat, die die bestmögliche oder zumindest erträglichste Version von einem aufrecht erhalten soll. Ich möchte wetten, dass all die Menschen mit denen ich auf dieser Party gequatscht habe, jetzt denken, dass bei mir alles absolut rund läuft. "Du hast es echt geschafft, hm?" Hat mich ein Typ am Ende des Gesprächs gefragt – ich habe nur genickt und mich vor meinem inneren Auge heulend am Küchentisch sitzen sehen.

Diese Version von sich zu spielen, ist wie ein Instagram-Filter fürs Reallife und funktioniert auch erstaunlich gut. Zumindest solange, bis man mit einer Person im Bett landet. Um wirklich guten Sex zu haben, muss man auf irgendeiner Ebene eine Intime Verbindung aufbauen.

Ich weiß nicht, ob das für jeden gleichermaßen gilt, aber da ich mir körperliche Intimität inzwischen so gut wie nichts mehr bedeutet, bin ich wohl oder übel gezwungen, irgendetwas, auch wenn es nur ein kleiner Funken ist, an der Person zu finden. Wenn ich jemanden mag und Sex mit ihm habe, dann muss da etwas sein, das mich an dem Menschen fasziniert und mich näher an ihn heranbringt. 

Leidenschaft ist meine größte Schwäche

Wie wichtig mir das ist, merke ich in meinem Daily-Dating-Life. Da kann noch so ein geiler Kerl um die Ecke kommen, wenn er mich nicht mit irgendwas begeistert, dann sagt meine Vagina freiwillig „Nein, Danke!“. Das Gegenteil ist übrigens auch der Fall: Am Ende des Tages können es die kleinsten Dinge oder bescheuertsten Aktionen sein, die mich irgendwie berühren und mein Interesse an jemandem wecken.

Natürlich habe ich nicht immer so gedacht. Es gab auch eine sehr lange Zeit in meinem Leben, in der ich einfach nur kopflos auf alles eingestiegen bin, das mir auch nur das kleinste gute Gefühl gegeben hat. Ich war immer Julie, die alles und jeden mitnimmt, wenn sie Bock drauf hat. Der Typ aus dem Club, der irgendwas langweiliges studiert? Ist ja bloß für eine Nacht! Der beste Freund eines Lovers, den ich nur benutzt habe? Ist doch bloß für eine Nacht! Der Typ, der mich wie Scheiße behandelt hat? Ist doch bloß für eine Nacht.

Dann kam irgendwann David in mein Leben, worauf sich meine Ansichten zu dem Thema um hundertachtzig Grad änderten. David hatte ich an einem Frühlingsabend kennengelernt. Da saß er plötzlich, grinste mich an, und meine Vagina sagte tatsächlich ... nichts. Am Anfang juckte er mich überhaupt nicht und das, obwohl er rein äußerlich absolut mein Typ war – okay, abgesehen von seinen Ohren. Irgendwie genoss ich das auch, weil ich keine Lust auf große Gefühle hatte, und ich mir dachte: Ach passt schon, ist doch bloß für eine Nacht.

Selbst nachdem er mir regelmäßig Nachrichten schrieb und wir uns zu unseren Dates trafen, hatte ich David in meinem Kopf in die „Dumm fickt gut“-Schublade gesteckt. Unsere Gespräche blieben oberflächlich und stumpf – unser Sex war dagegen echt gut (dachte ich zu dem Zeitpunkt zumindest, ich hatte ja keine Ahnung, wie viel besser er noch werden konnte) – allerdings bestätigte das ja wieder nur mein kleines Vorurteil über ihn.

Das einzige, was ich von ihm wusste, war, wie gut er im Bett war

Etwa ein Viertel Jahr plätscherte unsere Sexbeziehung so vor sich hin: Meistens landeten wir nach etwas Smalltalk in der Kiste, danach rauchten wir noch eine Kippe zusammen, und ich verschwand wieder. Alles, was David mir erzählte, erzeugte ein Bild von ihm, das mich emotional nicht ansatzweise berührte. Er lebte so vor sich hin, war ein bisschen faul, machte einen mittelmäßig spannenden Job und hing am Wochenende mit seinen Freunden im Club ab. Die einzige Leidenschaft, die er zu haben schien, war seine Leidenschaft fürs Pussylecken. Das konnte er erstaunlich gut und brachte mich irgendwann dazu, mich zu fragen, warum jemand im Bett so viel Leidenschaft haben kann, im Leben aber alles andere als leidenschaftlich ist. 

Und dann kam dieser eine Abend, als ich ihm mal wieder auf dem Balkon gegenüber saß und seinem Monolog über sein Leben zuhörte. Ich weiß noch, wie ich damals dachte: "Boar, fuck, wir treffen uns jetzt schon seit Monaten, und ich bin mir nicht mal sicher, ob ich diesen Typen überhaupt leiden kann. Das ist irgendwie traurig, Julie."

Das war der Grund weshalb ich ihn ansah, mit den Schultern zuckte und sagte:

Ganz ehrlich ... Alles, was du mir erzählst, ist so random. Du sprichst immer nur von Oberflächlichkeiten ... Wer bist du eigentlich wirklich?

Bei dieser Frage zuckte er kurz zusammen, als hätte ich ihn bei irgendwas erwischt, danach folgte ein Verlegenheitslächeln. Tja, und dann fing er an, zu erzählen: Er erzählte mir davon, dass er eigentlich ganz andere Pläne für sein Leben hatte, aber jetzt eben in diesem Job gefangen war und keine Ahnung hatte, wie er seine Lebenssituation ändern sollte, dass er leidenschaftlich gerne Piano spielte und eigentlich gerne als Musiker Kariere gemacht hätte und er grundsätzlich das Gefühl hatte, noch nicht den richtigen Platz in der Welt gefunden zu haben.

Obwohl wir uns in diesem Gespräch noch nicht mal berührten, hatte seine Ehrlichkeit eine Gänsehaut auf meinen Armen hinterlassen. Er hatte seine Maske fallen lassen und war plötzlich nicht mehr David, der ganz gut im Bett war, sondern David mit so vielen Träumen und Ideen, dass ich am Ende des Gesprächs da saß und zum erste Mal das Gefühl hatte, jetzt wirklich mit David gesprochen zu haben.

Wer sich öffnet, gewinnt immer etwas

"Sollen wir ins Bett?", fragte er mich, während er seine vierte oder fünfte Zigaretten, die er während unseres Gesprächs inhaliert hatte, ausdrückte. Seine Lippen zierte jetzt wieder ein schelmisches Grinsen, das ich schon von unseren Treffen zuvor kannte. 

Ich nickte und ging zur Balkontür. Hielt inne und drehte mich zu ihm um.

"Komm mal her", forderte ich ihn auf, meine Arme schlang ich um seinen Hals.

"Ich mag dich", grinste ich jetzt und platzierte einen kurzen Kuss auf seinen Lippen.

"Na, das will ich doch hoffen", jetzt versuchte er wieder Mr. Sexy zu sein, kniff mir in den Po und schubste mich Richtung Bett.

Was soll ich sagen? Unser Sex war intensiv und nah. Irgendwas war innerhalb der letzten 20 Minuten zwischen uns passiert. Statt Doggy und Porno-Blowjob ließen wir es ruhig angehen. Ihr wisst, dass ich auf wilden Sex absolut abfahre, aber in diesem Moment gab es da so eine Stimmung zwischen uns ... Statt mir die Luft wegzudrücken, hauchte er Küsse auf meinen Hals. Statt meine Fingernägel in seine Haut zu krallen, verschränkte ich meine Finger in seinen.

Und dann gab es da diesen Moment: Während ich auf seinem Penis saß, blickte ich ihm tief in seine braunen Augen – wir hielten diesen Moment beide nur für ein paar Sekunden aus. Da gab es keine Barriere, keine Maske, keinen Abstand mehr zwischen uns. Das waren einfach nur wir – und das war in diesem Moment auch verdammt gut so.

Am Ende der Nummer lag ich mit zitternden Beinen schwer atmend neben ihm und dachte: Fuck, das war vielleicht gerade der beste Sex meines Lebens. Warum zur Hölle lassen wir unsere Maske nicht viel öfter fallen?

Deine Sex-Fragen

Übrigens: Wenn du mir Fragen zum Thema Sex stellen willst, kannst du das jederzeit machen – und zwar komplett anonym! Schreib mir dazu einfach eine Message auf Tellonym. Die besten Fragen beantworte ich nächste Woche auf NOIZZ!

Quelle: Noizz.de