Nein, ich bin nicht krank!

Autorin Julie Schmidt schreibt in „SEX VOR NEUN“ über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus.

Die Nummer mit der Sex-Diät

Ich habe in den letzten Tagen so gut wie nie an Sex gedacht. Könnt ihr euch das vorstellen? Julie Schmidt, die kleine versexte Blowjobqueen, hat tatsächlich auch noch ein Leben abseits ihres Bettes. Um ehrlich zu sein, hat mich diese Erkenntnis ebenfalls ziemlich schockiert. Lustigerweise fiel es mir erst auf, als ich letzte Woche, für einen Kurztrip auf meine Lieblingsinsel, ganz automatisch die Kondome in meinen Kulturbeutel gepackt habe (kleiner Spoiler: Ich habe sie nicht gebraucht und bin jeden Abend ganz brav mit meiner Freundin zurück ins Hotel. Mein Handy habe ich vorsorglich trotzdem lieber da gelassen ... ihr wisst warum).  

Meine hungrige Vagina hat gerade anscheinend eine kleine Detox-Kur eingelegt. Dafür gibt es zwei Erklärungen: 1.) habe ich in den letzten Wochen so viel abseits meiner Kolumne gearbeitet, dass ich noch nicht mal Zeit dazu hatte, darüber nachzudenken, ob ich Hunger habe und 2.) habe ich festgestellt, dass ich gerade keinen Bock auf Fastfood, sondern eher auf ein Gourmet-Menü habe ... na ja okay, meinetwegen auch einfach nur ein vernünftiges Steak mit Backkartoffel

Um etwas direkter zu werden: Julie Schmidt hat gerade kein Bock auf rumbumsen, sondern will lieber mit diesem einen Kerl in der Kiste landen, der blöderweise gerade aber noch weniger Hunger hat als sie selbst. Und weil meine Vagina eine kleine Verwandlungskünstlerin ist, passt sie sich gerade anscheinend seinen Bedürfnissen oder eher nicht vorhandenen Bedürfnissen an. Denn wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, dann bringt mich gerade kein Sex der Welt dahin, wo ich gerne wäre ...

Muss es denn immer gleich Sex sein?

Klar macht mich der Gedanke an einen Endorphin-Rausch an, aber trotzdem weiß ich, dass es manchmal sogar besser ist, wenn man mal einen kleinen Sex-Detox einlegt. Ich wollte das lange selbst nicht wahrhaben, was gibt es schließlich Schöneres, als miteinander in die Kiste zu steigen und sich gegenseitig in den siebten Orgasmushimmel zu vögeln? Na ja, um ehrlich zu sein, ist mir da etwas eingefallen ...

Dafür muss ich euch mal wieder von einer Situation zwischen mir und Basti erzählen. Sorry, dass ich immer wieder von ihm anfange, aber er hat mir heute zum Geburtstag gratuliert (JA, ich habe ausgerechnet am 6.9. Geburtstag ...) und dabei musste ich an folgende Situation denken, die sich auch irgendwie ganz gut auf die aktuelle übertragen lässt.

... Zwischen Basti und mir herrschte mal wieder Funkstille. Ich weiß wirklich nicht, wie oft wir uns in den zwei Jahren voneinander getrennt haben, aber ich weiß, dass es jedes einzelne Mal wieder eine neue Lehre für uns war. Nach jeder Trennung nahm unsere Beziehung eine andere Abzweigung. Dieses Mal hatte sich alles um 180 Grad gedreht ... oder besser gesagt: Ich hatte mich um 180 Grad gedreht.

Nur wenige Monate zuvor hatte Basti mir eröffnet, dass es da eine andere Frau in seinem Leben gab, die er mir vorzog. Zu diesem Zeitpunkt brach nicht nur mein Herz, sondern auch meine gesamte Welt zusammen. Ich weiß noch ganz genau, wie ich weinend auf seiner Couch saß, er mich in die Arme schloss und mir verklickern wollte, dass er mich nicht als seine Freundin in seinem Leben haben wollte, weil das was wir füreinander empfanden, viel mehr war, als er in einer Beziehung wertschätzen konnte. Als seine Tür an diesem Abend hinter mir ins Schloss fiel, war ich fest davon überzeugt, dass wir uns wahrscheinlich nie wieder sehen würden, weil ich nicht daran glaubte, dass ich wirklich mit einem Menschen weiter befreundet sein wollte, für den ich so tiefe Gefühle hegte, während er in einer glücklichen Beziehung mit einer anderen war.

Das Schicksal hatte die Sache mit uns noch nicht abgehakt

Dass uns das Schicksal etwa zwei Monate später wieder zueinander führte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Deshalb konzentrierte ich mich in diesen zwei Monaten nach Ewigkeiten mal wieder auf eine Person, die in der Zeit in der Basti, seine Marotten, das ganze Hin und Her mein Leben beherrschten, nur äußerst selten gedacht hatte – mich selbst.

Und so kam es, dass Julie Schmidt innerhalb von kürzester Zeit einen kompletten Wesenswechsel durchlebte, was vielleicht auch daran lag, dass ich anfing, exzessiv auf Sport und Ernährung zu achten, und mich in den Mittelpunkt meines Lebens stellte. Wenn ich heute daran zurückdenke, ging es mir nie besser als zu diesem Zeitpunkt.

Tja, und dann gab es da diesen einen Abend, als ich in meiner Badewanne lag und plötzlich mal wieder eine Nachricht von Basti bekam: "Hey Julie, wie geht es dir?" In dem Moment spürte ich zum ersten mal seit unserer Trennung wieder mein Herz pochen, meine Finger huschten schneller über das Smartphone, als mir lieb war. Kurz darauf stand ich auf seiner Matte. Er grinste, als er seine Julie nach all den Wochen wieder aus dem Auto steigen sah, nahm mich kurz in den Arm und ich dachte zu diesem Zeitpunkt noch: "Jetzt wird alles gut".

Unser Weg führte uns direkt in sein Bett. Er wollte sich bei mir ausheulen, ich zuckte nur mit den Schultern – mich interessierte die andere Frau nicht, mich interessierte nur, was mit uns war. Weil ich nicht auf sein Gejammer reagierte, versuchte er mich zu provozieren: "Glaubst du etwa, dass ich dich vermisst habe, dass ich doch gecheckt habe, dass du die einzige Frau bist, die mich je glücklich machen wird?" Seine Worte rauschten durch meine Ohren, schossen mir in die Blutbahn und verknoteten sich direkt unter meine Brust auf Höhe des Zwerchfells zu einem Klumpen.

Die alte Julie hätte jetzt angefangen mit Basti zu diskutieren, hätte ihm gesagt, dass sie wirklich daran geglaubt oder zumindest gehofft hatte, dass er sich seine Gefühle doch endlich eingestanden hatte. Doch die neue Julie atmete erst einmal tief ein und aus, lächelte und sagte: "Was willst du jetzt von mir?"

Mit dieser Reaktion hatte Basti nicht gerechnet. Als er sich wieder gefangen hatte, sagte er: "Sex."

Ich nickte, trotz all der Gefühle, die in mir brodelten, war unser Sex das, was ich in den letzten Monaten am meisten vermisst hatte.

"Nur Sex. Du glaubst ja wohl nicht, dass das hier mehr ist, dass mir unsere Gespräche etwas bedeuten, dass wir hier zum Reden sind, oder?", schoss er noch einen weiteren Kommentar nach.

Basti wollte mich damals aus der Fassung bringen, aber irgendwas in mir dachte sich nur, dass ich keine Lust mehr auf sein Theater hatte und dass seine Worte nur dazu gedacht waren, um mich zu verletzen. Zwar wurde mein Innerstes aus einer Mischung von Abgebrühtheit, Wut und einer "Halt deine Schnauze und bums mich jetzt einfach"-Stimmung beherrscht, aber das sorgte nur dafür, dass mich seine verdammten Worte nicht treffen konnten. 

Ich zog mein Top aus: "Du hast eine halbe Stunde", sagte ich stumpf und streifte mir die Hose von den Beinen. Jetzt verlor Basti völlig seine Fassung. Ich weiß, dass diese Geschichte ziemlich abstrus klingt, damals war mir auch gar nicht bewusst, was meine Reaktion für eine Auswirkung auf unsere Beziehung haben würde, aber dennoch war es das BESTE, was uns in diesem Moment passieren konnte.

Nach dem Sex stand ich auf, zog mich an, setzte mich in mein Auto und holte meinen Papa von einer Party ab. Warum ich euch in einer Kolumne davon erzähle, in der es darum geht, dass man manchmal auch keinen Sex haben sollte?

Tja, ratet wer mir am nächsten Morgen eine Nachricht schrieb? Genau, Basti! Er entschuldigte sich bei mir, dass er das nicht so gemeint hatte. "Ok", war meine einzige Antwort darauf. Und genau diese Reaktion schien ihn so sehr zu triggern, dass ich am gleichen Abend wieder vor seiner Tür stand. Diesmal hatte ICH aber keine Lust auf Sex mit ihm, stattdessen ließ ich ihn in mein Auto einsteigen.

Wenn man mit Sex nicht mehr weiter kommt, hilft nur noch eins ...

Auf der Fahrt durch den Spätsommersonnenuntergang lächelte er mich von der Seite an, beobachtete mich immer wieder und legte seine Hand auf mein Knie. Ich ließ sie dort kommentar- und reaktionslos verweilen, obwohl ich mich innerlich freute, dass er jetzt wieder meine Nähe suchte. Dann parkte ich auf einem Parkplatz – ich hatte uns einen der schönsten Orte in unserem Heimatkaff ausgesucht: Eine kleine Kirche, ein Mühlenrad, ein kleiner See auf dem zwei Schwäne trieben und sich jetzt so langsam das Mondlicht spiegelte.

"Rauchen?", fragte ich mit einem Lächeln auf den Lippen, als ich das Auto ausgeschaltet hatte und ihn jetzt zum ersten Mal seit Beginn der Fahrt anlächelte.

"Gerne", er nickte, wollte gerade aussteigen, doch ich ließ einfach nur die Scheiben runter.

Er lachte in sich hinein. "Ich will ehrlich zu dir sein", sagte ich jetzt. Seine Augen blitzten auf, wahrscheinlich dachte er, dass Drama-Julie jetzt ihren großen Auftritt haben würde.

"Mich interessiert das mit deiner Perle nicht, aber erzähl mir gerne alles, was du in den letzten Monaten erlebt hast. War das Leben gut zu dir?", fragte ich immer noch mit einem Lächeln.

Basti schüttelte schmunzelnd den Kopf und erzählte mir dann alles, wirklich alles, was in der Zeit in der wir uns nicht gesehen hatte, bei ihm los war. Vom Streit mit seinen Eltern, vom Krach mit seinem besten Freund, vom Splash, wo er seinen Schlafsack vergessen hatte und deshalb nachts halb erfroren war, von seiner Cousine, die schwanger war, von seinen Prüfungen, die er mal wieder verkackt hatte und davon, dass er mich einfach nicht aus seinem Kopf raus bekam.

Ich hörte ihm wie immer geduldig zu, lachte laut, nickte, verzog mein Gesicht, verdrehte die Augen und spürte tief in mir drin, dass dieses Gespräch vielleicht eines der schönsten und ehrlichsten unserer gesamten bisherigen Beziehung war. Ich verzichtete während des gesamten Gesprächs übrigens auch darauf, ihn anzufassen, irgendwelche sexy Andeutungen zu machen (was mir verdammt schwerfällt, weil 70 Prozent meines Humors immer irgendwas mit Penissen zutun hat) und genoss einfach nur, dass ich jetzt endlich wieder hier mit meinem Basti sitzen und reden konnte. Denn das hatte ich, obwohl es mir erst an diesem Abend bewusst wurde, tatsächlich noch mehr vermisst, als seinen beschissenen Penis!

Nähe hat nichts mit Sex zu tun

Irgendwann stiegen wir von Zigaretten auf Gras um. Die Armlehne funktionierten wir kurzerhand zum Kiffer-Tischchen um. Es gab selten einen Abend in meinem Leben, an dem die Zeit so schnell verflog und an dem wir beide gar nicht mehr aufhören konnten zu quatschen. Tja und dann war es irgendwann fünf Uhr, Basti gähnte. "Wollen wir schlafen gehen?", fragte er mich. Ich nickte, dann zog er den Schlüssel aus der Zündung, öffnete die Tür, eilte ums Auto herum und hielt mir meine Tür auf.

Das Haus seiner Eltern lag nur wenige Gehminuten von dem Ort entfernt. Er griff nach meiner Hand, zog mich mit sich und krabbelte nur wenig später neben mir ins Bett. Ich grinste, als er sein Shirt auszog und drückte ihm einen unschuldigen Kuss auf die Wange. Dann drehte ich mich zur Seite und schloss die Augen.

"Gute Nacht, Julie", sagte er, bevor er mich in seine Arme zog, mir noch einen Kuss auf meiner Schulter platzierte und dann seinen Arm zum einschlafen, um sich legte.

"Gute Nacht, schön, dass wir heute nur geredet haben", hatte ich noch geflüstert – die Anspielung auf unser letztes Gespräch konnte ich mir in diesem Moment nicht verkneifen. Von wegen ich war ihm nicht wichtig, von wegen er wollte nur SEX mit mir ...

Wenn ich heute daran zurückdenke, dann weiß ich – es muss nicht immer Sex sein. Manchmal sagt ein Gespräch tatsächlich mehr, als jeder Blowjob und manchmal bringt einem eine kleine Sex-Diät einer Person letztendlich dann doch wieder näher als jeder noch so gute Fick.

Deine Sex-Fragen

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Quelle: Noizz.de