Der gruselige Typ aus der Netflix-Serie "You" ist nichts gegen mich.

Autorin Julie Schmidt schreibt in "SEX VOR NEUN" über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus. Übrigens: Folg Julie Schmidt doch auch bei Instagram: @sex.vor.neun.

Die Nummer mit dem Sicherheits-Check

Wenn ich mein Geld nicht damit verdienen würde, Texte über Männer und über Sex zu schreiben, wäre ich vermutlich Psychotherapeutin geworden ... Ok, vielleicht hätte ich auch einen Laden für Hundezubehör aufgemacht oder wäre zur FBI-Agentin mutiert ... Nein, schon gut... Ich wäre sicherlich Psychotherapeutin geworden.

Denn herauszufinden wie eine Person tickt und vor allem warum sie so tickt, ist neben Schwänzelutschen eines meiner Hobbys. Ich habe mich kürzlich erst mit meiner besten Freundin darüber unterhalten. Ich weiß gar nicht mehr so recht, wie wir auf das Thema kamen, aber wir haben auf jeden Fall darüber gequatscht, ab welchem Alter man aufgehört hat, ganz klassische Hobbys zu haben.

"Also ich habe keine. Und ich finde es irgendwie peinlich, wenn ich gefragt werde, was ich in meiner Freizeit mache und dann keine Antwort hab", sagte meine beste Freundin, während wir bei unserem Sushi-Date kurz vor die Tür gegangen waren, um in der Kälte eine Zigarette zu rauchen.

"Mein Hobby ist... Arbeiten", lachte ich. Ah, stopp, stopp! Jetzt fällt mir auch wieder ein, wie wir auf das Thema kamen: Es ging natürlich um einen Typen, bei dem wir uns fragten, ob er sein Leben wohl schon unter Kontrolle hatte oder ob er ein Troublemaker war.

"Na ja, wir gehen ja auch regelmäßig raus und zum Sport und so..."

"Ja, aber das würde ich nicht als Hobby bezeichnen. Zum Sport gehe ich nur, damit ich Wein trinken kann, ohne fett zu werden. Ich glaube, mein Hobby ist einfach, mit dir das Verhalten von Typen zu analysieren und auszuwerten, ob da eventuell emotionale Vibes sein könnten", grinste ich jetzt, während ich einen Zug von meiner Zigarette nahm.

Meine beste Freundin fing an zu lachen: "Ja, das ist wirklich typisch du! Du führst mit denen immer Gespräche, die ich nicht mal in einer Beziehung führen würde, so viel will ich gar nicht über die wissen..."

Einen Menschen nicht einschätzen zu können, ist für mich Folter

Tatsächlich unterscheiden wir uns was das angeht sehr. Es ist nicht so, dass sie nicht mindestens genauso gerne über Männer und ihre liebevollen und weniger liebevollen Eigenarten spricht wie ich, aber diese Psycho-Analyse, die sofort in meinem Kopf beginnt, sobald auch nur ein halbwegs interessantes männliches Wesen den Raum betritt, hat bei mir wirklich Dimensionen angenommen, bei denen man sich wirklich fragt, warum ich mir kein anderes Hobby suche. Tja, was soll ich machen? Eine Fremdsprache lerne ich nebenbei schon und wenn man nach "Reitstunden in Berlin" googelt, werden einem mehr Fetischclubs, als echte Reiterhöfe angezeigt.

Zurück zum Thema: Für mich grenzt es an eine reinste Foltervorstellung, dass ich irgendwann mal auf einen Typen treffe, den ich kurz kennenlerne, der sich dann innerhalb kürzester Zeit in mich verliebt und nach wenigen Dates eine Beziehung mit mir führen will. Alleine beim Gedanken daran bekomme ich Herzrasen und Schweißausbrüche.

Bei einem Date im letzten Sommer hat mich ein Typ mal gefragt, ob ich mich schnell verlieben würde. Obwohl unser Date bis dato wirklich perfekt verlaufen war und ich mich sogar ein bisschen der Illusion hingeben konnte, dass meine oben beschriebene Horrorvorstellung vielleicht doch gar nicht so ein Horror ist, lachte ich fast hysterisch auf: "Oh mein Gott, NEIN! Im Schritt dauert es locker ein halbes Jahr, bis ich mich mal auf jemanden einlassen kann." Er zuckte etwas enttäuscht mit den Schultern und wechselte schlagartig das Thema.

Meine reflexartige Reaktion beschreibt es allerdings nicht detailliert genug: Es stimmt, dass ich mich nicht schnell verliebe, dafür verknalle ich mich um so schneller. Wenn ich auf jemanden treffe, der mir den Keim des Interesses (also nicht an mir, sondern an ihm) in meinen Kopf pflanzt, dann kann es schon mal sein, dass meine natürliche Begeisterungsfähigkeit die Überhand nimmt und ich mich Hals über Kopf verknalle. Bis ich dann aber wirklich mal ein ernsthaftes Gefühl zulassen will oder eher kann, dauert es sicherlich einige Monate.

Meine Check-ups sind schlimmer als am Flughafen

Zuvor muss jeder Typ den Julie-Schmidt-Check-up durchlaufen. Man kann ihn fast mit einer Kontrolle am Flughafen vergleichen: Da ist nicht viel Zeit für Small-Talk und Co.! Nein, während der Handgepäckkontrolle werden gleich alle Unschönheiten auf den Tisch gelegt:

"Bitte ziehen Sie die Jacke aus und legen sie in diese Kiste. Den Handgepäckskoffer mit dem emotionalen Schrott, den man in den letzten Jahren so angesammelt hat, können Sie so aufs Band legen. Haben Sie elektronische Geräte, wie Handys, Laptops oder Tabletts dabei, mit all den Nummern und Nacktfotos von Ex-Freundinnen, die weitere Traumata ausgelöst haben? Sind die Taschen leer oder versteckt sich da vielleicht noch irgendeine Art von emotionalem Müll, in Form von Bindungsängsten oder psychopathischen Zügen? Ach, und haben Sie Flüssigkeiten, Messer oder Drogen mit dabei, die darauf schließen könnten, dass Sie auf eine sehr schiefe Bahn im Leben geraten sind? Legen Sie den Gürtel bitte auch ab und wenn wir schon dabei sind, dann gewähren Sie mir doch bitte schon mal kurz einen Blick auf Ihren Penis, damit ich ungefähr weiß, ob Sie überhaupt für einen Fick.. äh Flug ... in Frage kommen..."

Ich will den Menschen am liebsten schon auswendig kennen, bevor ich überhaupt ein kleines Gefühl für ihn entwickelt habe. Um beim Flughafen-Beispiel zu bleiben: Noch bevor der Typ in der Scan-Röhre mit leicht angewinkelten Armen steht und sich für zwei Sekunden nicht bewegen darf, will ich zumindest schon mal wissen, ob er kaputt genug ist, dass ich ihn interessant finde und inwieweit seine Traumata mit meinen kompatibel sind. Erst wenn dieser Check-up gemacht ist, gelangt er überhaupt auf die nächste Base.

Sex kann der beste Check-up sein

Übrigens: Ich habe hin und her überlegt, welches dieser Flughafen-Symbole wohl für Sex stehen könnte. Aber da habe ich unterschiedliche Erfahrungen gemacht: Mit dem einen Typen bin ich schon in der Kiste gelandet bevor er sich den Gürtel aus der Schlaufe gezogen und ihn in die Kiste gelegt hat; mit dem anderen erst, nachdem er durch die Röhre gelaufen ist und mit einem wieder anderen lande ich vermutlich erst in der Kiste, wenn sein Flieger schon abgehoben ist, weil die Check-ups so lange gedauert haben und ich ihm dann was schuldig bin.

Ich bin eigentlich eher Team-"Sex während des Sicherheitschecks" (hat übrigens nur wenig mit meinem leichten Öffentlichkeitsfetisch zu tun), denn Sex kann ein grandioser Indikator dafür sein, wie gut zwei Menschen harmonieren. Ich meine: Wie gut der Sex funktioniert, hat natürlich auch extreme Auswirkungen darauf, ob das Interesse überhaupt noch weiter besteht. Wenn ich daran denke, Kuschelsex mit einem Typen zu haben, der mich anfasst wie ein rohes Ei oder einen toten Fisch, dann geht mir mein imaginärer Ständer leider auf der Stelle flöten. Das liegt übrigens nicht am Kuschelsex an sich, der kann verdammt schön sein, es geht einfach nur darum, dass der Typ in dem Moment etwas ausstrahlt, was ich einfach nicht sexy finde.

Außerdem kann Sex auch so wunderbar entblößend sein ... okay, das wird viele von euch jetzt nicht sonderlich überraschend, schließlich schieben sich in dem Moment zwei meistens nackte Menschen Körperteile ineinander... Ich meine aber eher emotional entblößend: Da kann der Typ vorher die dicksten Eier und das größte Ego haben, in der Kiste zeigt sich eben noch mal eine ganz andere Seite von ihm, die auf einmal aufdeckt, dass er gar nicht so ein Macker ist, wie er immer tut. Versteht mich nicht falsch: das muss gar nicht schlecht sein. Ein paar meiner Lover konnte ich erst leiden, nachdem ich mit ihnen in der Kiste gelandet bin, weil ich sie vorher einfach nur für arrogante Arschlöcher hielt.

Ok, wo war ich stehen geblieben ...

Ach ja, eigentlich beim Gespräch von meiner besten Freundin und mir.

"Ich will halt immer erst wissen, wie ein Mensch tickt und wie er funktioniert, bevor ich mich auf ihn einlasse", erklärte ich ihr.

"Das finde ich so krass. Du nimmst immer in Kauf, ganz schön viel Lebenszeit und Energie für eine Person zu verschwenden, bei der du gar nicht weiß, ob da letztendlich was draus wird...", stellte sie dann fest.

Ich zog an meiner Zigarette und dachte kurz nach. Recht hatte sie damit auf jeden Fall, aber eine Beziehung mit jemandem einzugehen, bei dem sich erst nach Monaten herausstellt, wie er eigentlich wirklich tickt, kommt für mich einfach nicht infrage.

"Also findest du es schlauer, sich erst auf jemanden einzulassen, um dann erst nach Monaten festzustellen, ob diese Person vielleicht mein persönlicher Untergang ist, weil sie mich in Scheiße reinzieht, die mir nicht gut tut?", hakte ich zum Verständnis noch mal nach.

"Na ja, das muss jeder für sich entscheiden. Aber ich denke eher, dass man sich gut kennenlernen kann, wenn man schon zusammen ist..."

"Nee, das sehe ich überhaupt nicht so! Das ist doch voll gefährlich: Was, wenn er eigentlich voll gestört ist, man aber eine rosarote Brille auf hat und diese Störung erst nach Monaten feststellt, dann hänge ich doch schon voll da drin und komm im Zweifelsfall nicht mehr aus der Sache raus", hielt ich eine sehr überzeugte Brandrede und erntete von ihr nur ein Schulterzucken.

An diesem Abend kamen wir bezüglich dieses Themas nicht mehr auf einen Nenner. Der Gedanke an unsere unterschiedlichen Ansichten ließ mich die nächsten Tage trotzdem nicht mehr los. Weil ich mich ernsthaft fragte, welche Methode effektiver war, um das Herz zu schützen: Ist es schmerzfreier, wenn man eine Person erst kennenlernt bevor man sich auf sie einlässt oder wenn man direkt eine Beziehung eingeht?

Während mir dieser Hintergedanke in den letzten Tage im Kopf herum waberte, wie Zigarettenrauch im Kerzenschein, musste ich mir erstmal eingestehen, dass ich wohl eine sehr radikale Ansicht zu dem Thema hatte und an dem Abend vor der Sushibar vielleicht etwas zu heftig losgepoltert hatte.

Wieso will ich unbedingt wissen, wie er tickt?

Denn irgendwann fragte ich mich, wieso es mir eigentlich so verdammt wichtig ist, eine Person so gut zu kennen. Die Antwort fand ich in einem Gespräch mit einer anderen Freundin. Bei ihr hatte ich mich gerade darüber beschwert, dass ich bei einem Typen immer noch keinen blassen Schimmer hatte, wo ich bei ihm überhaupt dran war.

"Wieso willst du das eigentlich jetzt unbedingt herausfinden?", fragte sie mich irgendwann, nachdem ich ihr sehr aufgebracht ein paar Situationen aufgezählt hatte, die nur große Fragezeichen in meinem Kopf hinterließen.

"Ja, weil ich sonst durchdrehe. Ich will doch bloß wissen, was das da jetzt sein soll. Wenn ich das weiß, dann kann ich ihn in eine Schublade stecken und dementsprechend handeln", erklärte ich.

"Ja, aber manchmal muss man einer Sache doch auch mal Zeit geben...", intervenierte sie.

"Ja, eigentlich schon, ABER wenn ich nicht weiß, woran ich bin, dann stecke ich ihn vielleicht in die falsche Schublade und dann werde ich verletzt... und da habe ich keinen Bock drauf."

"Aber Julie, man kann nicht verhindern, dass man verletzt wird...", sagte sie jetzt und lächelte sanft, bevor sie noch hinzufügte: "Außerdem musst du auch nicht immer davon ausgehen, dass du verletzt wirst."

Am liebsten hätte ich ihr in diesem Moment mindestens zehn Argumente entgegnet, die ihre harmlose These widerlegen sollten, leider fiel mir in diesem Moment nicht mal ein einziges Argument ein.

"Ach, fuck man. Du hast Recht", musste ich dann zugeben, bevor mir ein ertapptes Lächeln über die Lippen huschte.

Sie hatte Recht. Und zwar sowas von! Denn um noch mal zurück zum Flughafen zu kommen: Trotz Kontrollen, Regeln und Körperscannern, kann man sich nie ganz sicher sein, ob irgendwo nicht doch ein kleines Messer versteckt oder etwas Dynamit in der Schuhsohle eingeschweißt ist. Wer eine fucking Bombe in ein Flugzeug schmuggeln will, schafft das verdammt nochmal auch. Und wer absichtlich dein Herz in die Luft jagen will, der wird es auch tun, egal wie viele Check-ups Julie Schmidt vorher durchgeführt hat.

Deshalb versuche, ich die Sicherheitskontrolle zu Julies Herzen jetzt etwas zu minimieren, damit der Flug schneller Richtung Vagina Island abheben kann... Ob das schmerzfreier wird? Das werden wir in den nächsten Monaten herausfinden.

Deine Sex-Fragen

Übrigens: Wenn du mir Fragen zum Thema Sex stellen willst, kannst du das jederzeit machen – und zwar komplett anonym! Schreib mir dazu einfach eine Message auf Tellonym. Du willst noch mehr aus der versexten Welt der Julie Schmidt mitbekommen, willst ihr ein Dickpic schicken (SPASS!) oder hast Fragen und Anregungen? Dann check doch mal ihren Instagram-Account @sex.vor.neun.

Quelle: Noizz.de