"Ja ja, schon klar ... Du bist nicht so einer!"

Unsere Autorin Julie Schmidt schreibt in „SEX VOR NEUN“ über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus.

Die Nummer mit dem Anruf

Ich verrate euch jetzt etwas, auf das ich nicht besonders stolz bin: Was Verhütung angeht, bin ich lange Zeit ziemlich inkonsequent gewesen. Entweder habe ich meine Pille ständig vergessen oder sie in mich reingestopft wie Smarties. Von Kondomen brauchen wir gar nicht sprechen – bei One-Night-Stands habe ich immer darauf geachtet, aber bei längeren Geschichten? Lag die Packung mit den Gummis irgendwann in der Ecke.

Spätestens als beim Sex mit meinem Ex das erste Mal das Kondom gerissen ist, haben wir uns stillschweigend darauf geeinigt, dass wir ab jetzt sowieso keins mehr brauchen würden. Meine Gedanken dazu waren ein Mix aus "Das passt schon irgendwie " und "Jetzt ist es eh zu spät".

Bis ich irgendwann einen sehr aufgebrachten Anruf von einem Kumpel Louis bekommen habe. Er war mit seinen Nerven völlig am Ende: "Ich glaube, ich hab mich angesteckt", heulte er lautstark und ohne Vorwarnung ins Telefon.

"Angesteckt? Womit? Genitalherpes?", scherzte ich noch, weil ich nicht einschätzen konnte, ob er gerade einen kleinen Hypochonder-Anfall hatte oder er mir nur etwas überdramatisch von einer Männergrippe erzählen wollte.

Als er daraufhin allerdings nur "HIV" sagte, pustete ich die Luft laut aus meinem Mund heraus.

"Ernsthaft? Wieso?" Wie hatte ich nur so unsensibel sein können.

Bis zu diesem Zeitpunkt war die schlimmste Geschlechtskrankheit, mit der ich mich rumschlagen musste,  ein Pilz ... Und der kam noch nicht mal vom Vögeln, sondern von den Antibiotika, die ich wegen einer "Honeymoon Zystitis" aka Sex-Blasenentzündung eigenommen hatte. HIV? Darüber hatte ich mir, um ehrlich zu sein, noch nie größere Gedanken gemacht.

Louis erklärte mir, dass er Sex mit einem Tinder-Typen hatte und sich jetzt seit ein paar Wochen gar nicht gut fühlen würde. Die Panik belegte seine Stimme und sorgte in meinem Magen dafür, dass er sich einmal komplett umdrehte: HIV war jetzt wirklich nicht die erste Sache an die ich gedacht hatte.

Heteros sind viel zu blauäugig

Das ist ein typisches Problem von Heteros: Wir können noch so aufgeklärt erscheinen, über Geschlechtskrankheiten machen sich die wenigsten Gedanken. Das ist in der Gay-Szene ganz anders. Eben weil diese Gruppe in der Vergangenheit tendenziell häufiger betroffen war, sind sexuell übertragbare Krankheiten bei ihnen ein viel größeres Thema.

Seit diesem Anruf von Louis hat mich das Thema nicht mehr losgelassen.

Jedesmal, wenn ich mit jemandem in die Kiste steige, erinnere ich mich daran, wie leichtsinnig ich früher gewesen bin und komme nicht drumherum, mich zu fragen, ob der Typ wohl genau so leichtsinnig ist.

Kondome sollte man übrigens tatsächlich mit jedem Typen benutzen – es sei denn, ihr macht einen Test. Denn nur weil der Typ mir schon den einen oder anderen Orgasmus verschafft hat, ich ihn ganz sympathisch finde oder er sich jetzt "Mein Freund" nennt, ändert das nichts an seinem Gesundheitszustand.

Auch wenn ich nichts beschissener finde, als eine ziemlich heiße Nummer abzubrechen, weil gerade kein Gummi griffbereit ist – aber lieber einen Orgasmus weniger, als mich mit 'ner ernsthaften Geschlechtskrankheit anstecken!

Das sehen viele Typen leider gar nicht so: Im Sommer während eines Partywochenendes habe ich mir mal den Spaß gemacht und nach ein paar Bier bei ein paar Typen nachgefragt, ob sie sich schon mal auf sexuell übertragbare Krankheiten testen lassen haben. Alle gackerten los. "Also, nein?", schloss ich daraus.

„Nee“, schüttelte der Typ, den ich bis dahin eigentlich ziemlich süß fand, mit dem Kopf. „... Aber ich pass ja immer auf!“, setzte er nach.

„Wie willst du denn da aufpassen?“

„Die Frauen mit denen ich Sex hatte, sind ja nicht so welche!“, erwiderte er. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er auffällig stark mit mir geflirtet: Wenn ich gewollt hätte, wäre er an dem Abend sicher mit mir in der Kiste gelandet. Und auch, wenn das jetzt blöd klingt: Aber ich war mal so eine – und damit bin ich ganz sicher nicht alleine.

„Und das weißt du genau woher?“ – „Sieht man denen doch an!“

„Nein, mein Freund das siehst du denen nicht an! Oder glaubst du, dass die alle einen pinkfarbenen Punkt auf der Stirn tragen der blinkt und lautstark schreit: Hallo i bims 1 Geschlechtskrankheit - bitte vögel mich nicht ohne Kondom?!"

Er fing an, zu lachen, zuckte mit den Schultern und nahm noch einen Schluck von seinem Bier.

"Mit wie vielen Frauen hattest du bisher Sex?" – "Neun!", kam es wie aus der Pistole geschossen.

Ich tippte kurz auf meinem Handy herum – es gibt eine App, die dir ausrechnet, wie viele indirekte Sexualkontakte du hattest.

"Herzlichen Glückwunsch, dann hattest du indirekten Sex mit 1.872.436 Menschen!"

"Wie bitte?" Er riss seine Augen auf.

"Na, hast du vielleicht schon mal darüber nachgedacht, dass ich auch schon ein paar Sexpartner in meinem Leben hatte und die natürlich auch schon ein paar hatten? Was meinst du wie schnell man da auf so eine Zahl kommt", seufzte ich.

Er schien kurz darüber nachzudenken: "Du hast recht ... Eigentlich ziemlich leichtsinnig!", seufzte er dann.

Denkzettel sind manchmal befriedigender als Orgasmen

Ich nickte und lächelte ihn dann noch mal an: "Schönen Abend noch." Ich zwinkerte. Meine Vagina war über das Gespräch hinweg zum Eisklotz gefroren. Sorry not sorry. Auch wenn ich ihn mit dem Thema nicht gerade den heißesten Dirty Talk geliefert hatte, fühlte ich mich hinterher gut.

Denn Aufklärung ist wichtig. Ach ja, apropos Aufklärung: Louis Testergebnisse kamen übrigens ein paar Tage nach unserem nervenaufreibenden Telefonat: Er war kerngesund – kein Wert erhöht, dem Schicksal gerade noch mal so von der Schippe gesprungen.

Das feierten wir mit einer Flasche Sekt und einem Kondomregen bei einer Folge "Sex and the City" in meinem Bett.

Deine Sex-Fragen

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Quelle: Noizz.de