Ich habe Ghosting noch nie so sehr bereut…

Unsere Autorin Julie Schmidt schreibt in „SEX VOR NEUN“ über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus.

Die Nummer mit dem Karma

Ich glaube an Karma. „Du kriegst, was du gibst“ – fasst dieses spirituelle Konstrukt wohl am einfachsten zusammen. Deshalb achte ich auch darauf, dass ich nicht unnötig böse Kommentare über fremde Menschen ablassen, dass ich meinen Müll in einen Mülleimer schmeiße, dass ich meine Freunde so behandele, wie ich von ihnen behandelt werden will und meinem Lover einen blase, wenn er mir vorher seine Zunge in die Vagina gesteckt hat.

Denn auch wenn das Karma im Alltag nicht immer die Richtigen trifft: Im Bett schlägt das Sex-Karma ungefiltert zu! Bisher ist mir mein Sex-Karma noch nie zum Verhängnis geworden: Wie gesagt, wenn ich in einer langfristigen Liaison mit einem Typen bin, dann achte ich stark darauf, dass wir es uns gegenseitig besorgen.

What goes around, comes around like a hula hoop 

Karma is a bitch, well just make sure that bitch is beautiful 

Lil Wayne – She Will

Wer ein erfülltes Sex-Leben will, der muss geben, aber er muss sich auch nehmen, was er gerade braucht. Ein klassisches Sex-Date mit mir läuft eigentlich immer ähnlich ab. Irgendwann fängt man an, miteinander rumzumachen: Hier wird ein bisschen der Hals geküsst, da mit den Fingern über den Rücken gekratzt und dann ein bisschen rum geknutscht. Bevor ich mich mit einem breiten Grinsen und voller Vorfreude zwischen seine Beine verabschiede. Dass Blowjobs mein persönliches Highlight beim Sex sind, wissen wir inzwischen alle. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerne noch mal die Kontrolle habe, bevor ich sie beim Sex dem Typen übergebe.

Karma-Punkte sammelt man nur mit Selbstlosigkeit

Tatsächlich genieße ich Blowjobs sehr! Und zwar nicht nur, weil ich weiß, dass mir der Typ mit seiner Zunge später wahrscheinlich auch noch einen Orgasmus besorgen wird, sondern ganz selbstlos! Spaß ist das Stichwort und das ist in diesem Fall entscheidend. Denn echtes Sex-Karma können wir alle nur sammeln, wenn wir das, was wir da machen, wirklich aus purster Leidenschaft tun und dabei unseren Kopf ausschalten können.

Bisher habe ich ehrlich gesagt gedacht, dass ich mit genug Selbstachtung und voller Überzeugung an genug Schwänzen gelutscht habe (stellt euch bitte mich, als den schwulen Typen vom Fyre-Festival vor), dass mein Sex-Karma nie wieder aus den Fugen geraten könnte.

Bis ich vor einigen Tagen mit meiner geliebten Mitbewohnerin auf dem Balkon saß und ihr jetzt schon zum fünften Mal in sehr kurzer Zeit erzählte, dass mir ein Typ mal wieder nicht geantwortet hatte.

Ich meine, sorry … vielleicht ist meine Vagina gerade mal wieder etwas divenhaft, aber gerade sind zwischen meinen Beinen schon die Frühlingsgefühle ausgebrochen. Erst vor kurzem habe ich ihr auf dem Rückweg nach der Arbeit geschrieben, dass sie doch bitte schon mal meinen Vibrator aufladen soll.

Blöd nur, wenn die Typen, die meine Vagina hypothetisch in ihren engeren Kreis erwählt hat, mir dann plötzlich nicht mehr antworten.

„Ich glaube mein Sex-Karma ist kaputt!“, beschwerte ich mich gegenüber meiner Mitbewohnerin lautstark, bevor ich einen tiefen Zug von meiner Zigarette nahm.

„Was soll denn bitte Sex-Karma sein?“, wollte sie wissen.

„Geben und nehmen … Und mir gibt es ja gerade augenscheinlich niemand!“ Den letzten Satz knirschte ich zwischen meinen Zähnen hervor und fuhr direkt fort: „Also muss da ja irgendwas kaputt sein! Meine Vagina springt seit Tagen im Dreieck und ich bin immer noch ungebumst!“ Ja, ich war völlig aufgebracht. Aber ganz ehrlich: Jede Frau, die es schon mal mit so einer reaktionären Vagina zu tun hatte, wird mich verstehen.

„Und woran liegt das?“, fragte sie nun in Seelenruhe.

„Was weiß ich denn?!“

„Schon mal darüber nachgedacht, dass dein Hobby Ghosting ist? Wie viele Nachrichten auf Tinder hast du nie wieder beantwortet?“ 

Puh … Darüber hatte ich noch nie nachgedacht: „Jaaa, ABER … die Typen, die ich wirklich will, die ghoste ich ja nicht!“

„Karma is a bitch“, grinste sie nur.

Schön für das Karma, schlecht für meine Vagina

Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und schmollte. Das war unfair. Ja, vielleicht schrieb ich den Typen bei Tinder meistens schon nach drei Wortwechseln nicht mehr zurück und vielleicht ist es auch schon vorgekommen, dass ich einem Typen, mit dem ich einen Tag zuvor auf einer Party rumgeknutscht habe, keine Antwort mehr gegeben habe, ABER das liegt auch nur daran, dass die Typen uninteressant waren und ich meine Nummer per se so gut wie nie rausgebe. Und wenn es dann doch mal passiert, dann muss ich den Typen schon echt nice finden … oder er erwischt mich in einem sehr schwachen Moment.

„Ich schwöre dir, wenn ich jetzt für immer ungevögelt bleibe, nur weil ich jetzt mal ein bisschen mein Single-Leben ausgekostet habe … dann drehe ich durch!“

Meine Mitbewohnerin grinste breit: „Julie, alles wird gut.“ 

Ich seufzte, zündete mir noch eine Zigarette an und warf dann einen Blick auf mein Handy, das ich während meines kleinen Tobsuchtsanfalls kurzzeitig mal ignoriert hatte. Tja, was soll ich sagen: da leuchtete die Antwort auf meinem Display. Ich schickte einen Stoßsegen gen Himmel: THANK GOD! Noch bevor ich eine Antwort tippte, löschte ich die Tinder von meinem Handy: Wenn man niemanden ghosten kann, dann kann das Karma ja auch nicht aus den Fugen geraten.

Deine Sex-Fragen

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Quelle: Noizz.de