... und vielleicht auch meinen Verstand.

Autorin Julie Schmidt schreibt in "SEX VOR NEUN" über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus. Übrigens: Folg Julie Schmidt doch auch bei Instagram: @julie.schmidt.autorin

Die Nummer mit dem Ausnahmezustand

ICH LIEBE BLOWJOBS ÜBER ALLES … Habe ich jetzt eure Aufmerksamkeit? Super, dann kann ich euch ja mal ganz kurz etwas Wichtiges sagen: BLEIBT VERDAMMT NOCH MAL ZUHAUSE UND MASTURBIERT EUCH DIE SEELE AUS DEM LEIB! Und wenn es nicht anders geht, dann denkt wenigstens daran, nicht nur regelmäßig eure Penisse und Vulven zu waschen, sondern auch jedes Mal eure Hände, wenn ihr euch in der Öffentlichkeit aufgehalten habt!

Sorry, dass euch jetzt noch nicht mal eure allerliebste Sexkolumnistin mit dem Coronavirus in Ruhe lässt, aber das hier ist verdammt ernst. Denn so wie es aktuell aussieht, checken es viele Menschen nicht, dass sie mit ihren süßen Ärschen einfach auf der Couch bleiben sollen, damit die Infektionszahlen nicht durch die Decke schießen, wie meine Nippel beim Anblick von einem sexy Typen mit einer Zigarette im Mund. Älteren und Menschen mit Vorerkrankungen kann so vielleicht das Leben gerettet werden … Und wenn das nicht Argument genug für euch ist, dann tut es doch wenigstens für die Vagina eurer Lieblingssexkolumnistin!

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So wie es gerade aussieht, sind nicht nur wir unter Quarantäne gesetzt, sondern auch unsere Geschlechtsteile. Tröpfcheninfektionen sind einfach mies: Wenn Körperflüssigkeiten einer anderen Person an unsere Schleimhäute gelangen, ist das aktuell ein ziemlich unglückliches Unterfangen. Heißt für mich: Kein Knutschen, kein Küssen, keine Blowjobs.

Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit bin ich neidisch auf meine Freundinnen, die schon seit Jahren mit ihrem Freund zusammenwohnen und jetzt ihm in einer freiwilligen Isolation sitzen. Das sind vermutlich die Einzigen, die überhaupt eine Chance auf Sex haben. Und das lässt mich vor Neid fast zerplatzen.

Das Virus hat meine Sex-Pläne gekillt

Wie ich euch ja schon in der letzten Kolumne erzählt habe, sind in meinem Uterus schon vor ein paar Wochen die Frühlingsgefühle erwacht. Blöd, dass ich sie dank des Coronavirus jetzt erstmal wieder frosten müssen, damit ich überhaupt einen klaren Gedanken fassen kann und nicht alle drei Minuten in mein Bett verschwinden muss, um noch eine Runde zu masturbieren. Wobei ich da ja mal kurz sagen muss: eine gute Sache hat das mit dem #stayathome ja… Statt Raucherpausen auf dem Balkon können wir jetzt während der Arbeitszeit Masturbationspausen einlegen. Auch wenn es gerade echt nicht viele positive Dinge während dieses absoluten Ausnahmezustands gibt, die Masturbationspausen zählen definitiv dazu.

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Eigentlich dürfte gerade ICH mit der aktuellen Situation so gar keine Probleme haben, denn mit Ausnahmezuständen kenne ich mich bestens aus. Wenn ich es mir recht überlege, dann ist mein ganzes Liebesleben seitdem ich 14 Jahre alt bin ein emotionaler Ausnahmezustand.

Nach all den Jahren voller Herzschmerz und Hate-Fucks wollte ich 2020 eigentlich mal einen Gang runterschalten, endlich meine ganzen alten Lover hinter mir lassen (inklusive der Traumata und Bindungsängste) und nach vorne gucken, um jemanden in mein Leben zu lassen, der sich nach dieser jahrelangen Achterbahnfahrt mit mir ins Kettenkarussell setzt und lachend den Sonnenuntergang beobachtet.

Tja, blöderweise wird daraus jetzt erst mal nichts, weil mir ein fucking weltweiter Ausnahmezustand einfach dazwischen gegrätscht ist

Dabei sah es vor ein paar Wochen alles noch so gut für mich aus. Eigentlich kann ich mich über 2020 bisher echt nicht beschweren: Ich habe innerhalb der ersten zwei Monate schon mehr Dinge auf meiner To-Do-List durchstreichen können, als andere in einem ganzen Jahr: Ich habe eine neue Wohnung, ich habe mir einen Traum erfüllt und bin wie Carrie Bradshaw durch New York stolziert und ich habe mich in den letzten Wochen schon so vielen alten Dämonen gestellt, dass ich bis vor Kurzem echt noch davon ausgegangen bin, dieses Jahr endlich mal ins Kettenkarussell steigen zu können.

Wenn nur noch Sexting bleibt...

Apropos alte Dämonen… an dieser Stelle muss ich euch dringend etwas erzählen! Könnt ihr euch noch an Leon erinnern? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich euch schon mal von ihm erzählt habe: Der Typ war meine erste große Liebe! Ich war wirklich sehr viel länger verrückt nach ihm, als er es verdient hatte. Trotzdem haben mich seine stechend blauen Augen, seine dunklen Haare und seine vollen Lippen jahrelang durch meine feuchtesten Träume begleitet. Was vielleicht auch daran lag, dass wir jahrelang eine Sexting-Beziehung übers Handy führten. Ich weiß nicht wie viele unzählige Dickpics ich von ihm auf meinem Handy hatte ... bis es mir letzten Sommer geklaut wurde. Ich weiß auch nicht, wie viele Nächte er mir geraubt hat, weil ich an nichts anderes, als seinen schönen Schwanz denken konnte.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da reichte Leons Name auf meinem Display aus, um meinen Slip in ein Planschbecken zu verwandeln. Wenn er mir schrieb, wie er mich an eine Wand drücken wollte und meinen ganzen Körper mit Küssen bedecken würde, dann verzauberten sich meine Nippel in steinharte Diamanten. Wenn wir darüber diskutierten, wer dem anderen zuerst zwischen die Beine krabbeln und es ihm mit dem Mund besorgen würde, dann bekam ich nicht nur eine Gänsehaut, sondern konnte seine weichen Haare, in die ich mich so gerne festgekrallt hätte, zwischen meinen Finger fühlen. Und wenn er mir mal wieder ein Foto von seinem Penis schickte, dann wünschte ich mir nichts mehr, als das Gewicht seines Körpers auf mir zu spüren, sodass ich in der darauffolgenden Nacht unter einem ganzen Berg von Decken und teilweise sogar Büchern schlafen musste, um mich der Illusion noch ein bisschen länger hinzugeben, dass Leon eigentlich doch irgendwie ganz nah war.

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Und dann ist er vor über einem Jahr aus meinem Leben verschwunden, weil wir beide irgendwie weder die Muse noch die Zeit hatten, um unsere Sexting-Beziehung weiterhin aufrecht zu erhalten. Es war so still und heimlich, dass es uns beiden nicht mal auffiel, und das war auch vollkommen okay, denn wenn ich heute ganz ehrlich zu mir selbst bin, dann hat mich das ganze Sexting ja nirgends hingebracht. Die Fantasien, die wir damals teilten, waren zwar heiß, aber ein Handy befriedigt eben nicht so sehr wie eine Hand und ein Dickpic nicht so sehr wie ein echter Schwanz.

Zurück zu den alten Dämonen…

Letzte Woche bin ich aufgewacht, habe auf mein Handy geguckt und bin zusammengezuckt. Denn plötzlich stand da wieder Leons Name auf meinem Display.

Leon: "Hey Julie, es ist zwar schon wieder so lange her, aber ich habe dich nicht vergessen."

Ich zog die Luft scharf zwischen meinen Zähnen ein und musste dann lachen. Ich lachte ihn nicht aus, ich lachte einfach nur über die Absurdität unserer komischen oder fast tragischen Beziehung. Jahrelang hatte ich dafür gekämpft, dass Leon endlich mehr in mir sah, als Julie, die mit den Penissen spielt, wie andere Mädels mit ihren Haaren. Ich habe Badewannen mit Tränen gefüllt, ich habe fast den Verstand verloren, weil ich einfach nicht verstehen konnte, wieso wir beide irgendwie nicht voneinander loskamen, ich habe mir von ihm mein Herz in tausend Teile brechen lassen, weil er sich nie ganz offiziell und mit vollem Herzen für mich entscheiden konnte. Und jetzt nach all den Jahren, in denen ich mich mit Ängsten und toxischen Beziehungsmustern, die Leon mir eingepflanzt hat, rumgequält habe, UND ENDLICH DAMIT ABSCHLIEßEN WILL, kommt Leon um die Ecke, um mir zu stecken, dass nun er derjenige ist, der nicht mit uns abschließen kann?

Das ist doch irgendwie absurd, oder?

Noch viel absurder ist es übrigens, dass ich jetzt in Quarantäne festsitze, weil New York blöderweise am Tag meiner Rückkehr zum Corona-Risikogebiet erklärt wurde, eine Zigarette nach der anderen rauche und mich plötzlich wieder mit den alten Dämonen rumschlagen muss, die Leon mir vor so vielen Jahren mal in mein Herz eingepflanzt hat.

Dadurch dass das Smartphone plötzlich das einzige Kommunikationsmittel ist, mit dem ich in Kontakt zu einem Menschen (oder besser gesagt: zu allen Menschen) treten kann, fühle ich mich jetzt wieder in Zeit zurückversetzt, als mir Leons Nachrichten noch die Welt bedeuteten. Wie ihr euch vielleicht denken könnt, ist es heute nicht mehr Leons Name auf meinem Display, der für Aufregung sorgt, das Gefühl, wenn der richtige Name aufleuchtet, hat sich nach all den Jahren aber nicht geändert.

Das ist eigentlich verdammt schön. Denn wenn ein Mensch dir alleine mit einer einzigen Nachricht ein Lächeln auf die Lippen zaubern kann, dann hat er irgendwas verdammt richtig gemacht. In einer der vielen Corona-Talkshows hat eine Psychologin übrigens einen sehr schlauen Satz dazu gesagt, der seit Tagen in mir rumgeistert und den wir uns alle zu Herzen nehmen sollten: "Nicht der persönliche Kontakt definiert unsere Beziehung zueinander, man kann sich auch übers Smartphone ganz nah sein." (Ok, ich muss wohl kurz anmerken, dass es nur ungefähr das Zitat war... vielleicht hatte ich an dem Abend schon ein paar Gläser Wein intus).

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Was ich dagegen gerade absolut gar nicht schön finde, ist die Tatsache, dass ich innerlich ein bisschen durchdrehe, eben weil sich der Kontakt gerade ausschließlich aufs Handy beschränkt. Das hat zwei Gründe: Auch wenn ich heute lachen muss, wenn ich über Leons und meine Beziehung nachdenke, hat sie mich nachhaltig doch ganz schön kaputtgemacht. Denn offensichtlich hat Leon es mit wenigen Ausnahmen nie von meinem Smartphone-Display in mein Bett geschafft – vermutlich weil er es nicht wollte (so richtig weiß ich bis heute nicht, warum wir ständig gesextet haben, aber nur selten Sex hatten).

Auch eine Julie Schmidt ist mal unsicher

Das hat dazu geführt, dass es mich ziemlich stark verunsichert, wenn ich keinen persönlichen Kontakt zu einer Person habe. Noch verrückter macht es mich, wenn ich nicht die gewünschte Aufmerksamkeit bekomme und tagelang auf eine Nachricht, die mich zum Lächeln bringt, warten muss (selbst wenn ich ganz genau weiß, dass da jetzt keine Boshaftigkeit, sondern legitime Gründe hinter stecken!!!). Auch das hängt wieder mit Leon zusammen, denn nur weil wir in der einen Nacht noch unsere heißen Fantasien teilten, hieß das noch lange nicht, dass er mir auf meine Nachricht am nächsten Tag noch antwortete. Manchmal musste ich Tage warten, manchmal Wochen und im schlimmsten Fall sogar Monate, bis ihm wieder einfiel, dass es da ja noch diese Julie irgendwo in seinem Handy, aber nie so richtig in seinem Leben gab.

Das war die reinste Folter von ihm und der Gedanke daran, dass jemand, den ich wirklich gerne habe, von heute auf morgen einfach so aus meinem Leben verschwindet, löst immer noch Panik unter meiner Brust aus. Das führt leider zu einer ziemlich bescheuerten Schutzreaktion: Ich male mir Horrorszenarien aus, die mir nicht nur meinen Schlaf, sondern auch meinen Verstand rauben.

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Heute bin ich mir ziemlich sicher, dass ich froh sein kann, dass es mit Leon nie geklappt hat, das ändert aber rein gar nichts daran, dass mir meine Unsicherheit, ob mich jemand wirklich mag oder nicht bis heute geblieben ist. In den letzten Tagen habe ich festgestellt, dass das absolut gar nichts mit der Person am anderen Ende der Leitung zu tun hat, sondern ausschließlich mit mir – und das geht mir ordentlich auf die Nerven. Denn im schlimmsten Fall führt es dazu, dass ich alleine auf meiner Couch sitze, meinen ganz eigenen Film schiebe und heulend meine Freundinnen anrufe und ihnen die Ohren volljammere, dass mich der Typ, mit dem ich jetzt seit Monaten in regem Kontakt stehe, niemals wirklich so leiden kann, wie ich bisher dachte.

"Julie? Jetzt mal ganz ehrlich…", hat letztens eine Freundin zu mir gesagt, nachdem ich sie mal wieder völlig aufgebracht angerufen hatte.

"Hm?"

"Selbst der Typ, der die ganze Scheiße in deinen Kopf gepflanzt hat, schreibt dir nach Jahren noch, dass er dich nicht vergessen kann… Dann wird dich der Typ, mit dem du gestern noch telefoniert hast, sicherlich auch nicht so schnell vergessen…", sagte sie dann und fing an zu lachen.

Ich dachte kurz über ihre weisen Worte nach, seufzte und sagte etwas beschämt: "Ich bin doof, oder?"

"Nein, du bist nur im Ausnahmezustand", beschwichtigte sie mich dann liebevoll, worauf ich nur nickte und meine hektisch gerauchte Zigarette im Aschenbecher ausdrückte.

Deine Sex-Fragen

Übrigens: Wenn du mir Fragen zum Thema Sex stellen willst, kannst du das jederzeit machen – und zwar komplett anonym! Schreib mir dazu einfach eine Message auf Tellonym. Du willst noch mehr aus der versexten Welt der Julie Schmidt mitbekommen, willst ihr ein Dickpic schicken (SPASS!) oder hast Fragen und Anregungen? Dann check doch mal ihren Instagram-Account (@julie.schmidt.autorin).

Julie Schmidt hat ihr erstes Buch geschrieben! In "To all the boys I’ve fucked before" (erscheint am 13.10.20 im mvg Verlag) erzählt sie noch mehr über ihre Vorliebe für Fuckboys und Zigaretten

>> Mario Adrion über seine asexuellen Tendenzen: "Fast alle meine Fans glauben, dass ich schwul bin"

  • Quelle:
  • Noizz.de