Corona wirkt sich sogar auf meine Masturbations-Fantasien aus!

Autorin Julie Schmidt schreibt in "SEX VOR NEUN" über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus. Übrigens: Folg Julie Schmidt doch auch bei Instagram: @julie.schmidt.autorin

Die Nummern in der Krise

Ich lebe noch. Ja, Julie Schmidt ist wieder da! Sorry, aber die Corona-Krise hat mir einfach jegliche Inspiration für eine Kolumne genommen. Jetzt mal ganz ehrlich? Bei wem von euch war Sex in den letzten Wochen wirklich mal ein Thema? Statt Männer, ihre Schwänze und die große Frage, wann endlich mein Traumprinz auf seinem weißen Pferd um die Ecke geritten kommt, habe ich mich in den letzten Wochen doch nur über ein einziges Thema unterhalten. Corona hier, Corona da, Corona trallala.

Für einen kurzen Moment habe ich sogar gedacht, dass die weltweite Krisensituation dazu führen könnte, dass persönliche Krisen, oder eben solche Situationen, die wir bis dato mal gerne als Krise bezeichnet haben, nicht mehr allzu schwer wiegen und an Bedeutung verlieren. Tja, da habe ich wohl falsch gedacht. Denn tatsächlich bin ich in den letzten Wochen in eine absolute Krisensituation hinein geschlittert. Auf einmal war ganz schön viel los: zwar nicht in meinem Bett, aber dafür umso mehr in meinem Kopf.

Das liegt wohl auch daran, dass ich sehr viel Zeit mit Solo-Sex verbracht habe. Puh, also dass meine Vibratoren noch keinen Kurzschluss bekommen haben, ist wirklich ein Wunder! Ich habe masturbiert, wenn ich Bock auf Sex hatte, aber niemanden Treffen konnte; ich hab masturbiert, wenn ich auf meine wohlverdiente Portion Sushi gewartet habe; wenn ich nicht einschlafen konnte, wenn ich mit schlechter Laune aufgewacht bin, wenn ich am Wochenende alleine Zuhause auf der Couch Serien geguckt habe, wenn ich mich dafür belohnen wollte, dass ich es nach zwei Tagen in die Dusche geschafft habe – um es kurzzufassen: Ich habe einfach sehr viel masturbiert!

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Und dabei ist mir etwas aufgefallen: Obwohl Solo-Sex eigentlich dafür da ist, um mit sich selbst Spaß zu haben, sich von den miesen Corona-Gedanken abzulenken, um seinen eigenen Körper zu genießen, um sich fallen und sich mit ein paar einfachen Handgriffen einen Glückscocktail durchs Blut schießen zu lassen – hat es mich von Mal zu Mal nur nachdenklicher gemacht.

Soll ich euch verraten warum?

Jedes Mal, wenn ich meinen Kopf ins Kissen gedrückt und meine Beine angefangen haben zu zittern, ist mir irgendeiner meiner Verflossenen in den Sinn gekommen. Leider blieben die Typen im Gegensatz zur Realität nicht nur bis zum Orgasmus, um sich dann zu verpissennein, sie sind in den letzten Wochen immer wieder in meinem Kopf rumgegeistert und haben mich dazu angeregt, mir besonders viele Gedanken über mich selbst zu machen.

In den ersten Wochen, als sich immer neue alte Protagonisten in meine Masturbationsfantasien schlichen, habe ich mir noch einen Spaß daraus gemacht, einfach mal nachzuschauen, was aus den Typen wohl so geworden ist. Meine Recherchen haben ergeben, dass bisher noch keiner von ihnen verheiratet ist … na ja, außer die Typen, die schon verheiratet waren, als sie ihren Penis in meine unmoralische Vagina gleiten ließen (Jaja, shame on me!).

Tatsächlich hat mich diese Information irgendwie erfreut, noch mehr hat mich erfreut, dass die meisten von ihnen ein ziemlich veraltetes Social-Media-Profil haben. Denn das kann nur zwei Dinge bedeuten: Entweder leben sie inzwischen A) ein geordnetes Leben abseits von Selbstinszenierung im Internet (was ihnen bestimmt irgendein gütiger Teil von mir gönnen würde) ODER sie sind B) einfach nur furchtbar FETT geworden (was ihnen ein nicht ganz so gütiger Teil in mir vermutlich noch mehr gönnen würde).

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Wir alle kennen ja wohl den Gedanken, dass wir den wenigsten unserer Verflossenen wirklich etwas Gutes wünschen. Wobei nein, so stimmt das auch wieder nicht. Es gibt natürlich Typen, den wünsche ich sogar einen Sechser im Lotto, aber es gibt eben auch genügend, denen ich es gönnen würde, wenn sie ihr Leben heute nicht ganz so unter Kontrolle hätten, weil sie meins damals völlig außer Kontrolle gebracht haben.

Jeder der irgendwann in seinem Leben schon mal eine typische Frauenserie geguckt hat, wird mal über die "Gewinner und Verlierer"-Theorie gestolpert sein: Niemand will im Nachhinein feststellen, dass es dem Ex oder der Ex-Affäre nach einem besser geht als mit einem. Meinend wegen darf es dem anderen gut gehen, aber doch bitte niemals besser als mir selbst.

Und tatsächlich scheine ich, zumindest nach meiner Social-Media-Recherche , in den meisten Fällen als Siegerin aus den Nummern rausgegangen zu sein: Julie Schmidt, die Frau, die von der Vorstadt in die Hauptstadt umzog, die sich den besten Job der Erde unter den Nagel gerissen hat, die so viel Kohle verdient, dass sie sich einen fucking Weinkühlschrank leisten kann (ok, den habe ich im Sonderangebot bei einem Restpostenverkauf geschossen), die die besten Freunde dieser Erde hat und heute immer noch reihenweise mit Komplimenten von Verflossenen überschüttet wird. Ja, wenn ich das mal so ganz nüchtern betrachte (lol), dann ist es schon schwer, mein Leben zu übertrumpfen.

Und tatsächlich tun das auch die wenigsten von den Typen, mit denen ich mal in der Kiste gelandet bin: Von dem einen weiß ich, dass er immer noch Single und inzwischen sogar arbeitslos ist, von dem anderen, dass er als langweiliger BWLer irgendwo bei einem kleinen Vorstadtunternehmen arbeitet und bei wieder einem anderen, habe ich erst vor wenigen Tagen auf einem Instagram-Foto gesehen, dass sein Gesicht kugelrund und er damit wahrscheinlich ziemlich fett geworden ist!

Meine Schadenfreude hat mich Karmapunkte gekostet

Denn leider war er nicht der einzige Typ auf dem Foto. Neben ihm konnte ich einen anderen Mann erkennen, der seinen Arm kumpelhaft um seine Schulter gelegt hatte – es war ausgerechnet Basti.

Interessanterweise versetzte mir Bastis Anblick nicht mal einen Stich ins Herz. Auch als ich dann auf seinem Social-Media-Profil herumscrollte – tat sich in meinem Herzen nichts. Nicht mal der Anblick der Pärchen-Fotos mit seiner Freundin löste etwas in mir aus. Erst als ich auf seinem Profil immer weiter runterscrollte und ein Foto fand, das ich von ihm gemacht hatte, konnte ich dann doch diesen harten Stich in meiner Brust fühlen, als hätte sich gerade ein Messer, zwischen meinen Rippen, direkt ins Herz gebohrt.

Das Foto zeigte ihn von hinten vor einer Wand, auf die ein Beamer ein Fußballspiel projizierte. An der Wand hing eine gerahmte goldene Schallplatte, die ich ihm nicht nur geschenkt, sondern auch gebastelt hatte – als Motivation und Bestätigung, dass ich seine geplante DJ-Karriere vollkommen unterstützte – an dieser Stelle muss ich wohl nicht erwähnen, dass er natürlich keine Karriere als DJ gemacht hat … ich glaube, dass der niemals Karriere in irgendwas machen wird.

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Jedenfalls war es einer der letzten gemeinsamen Abende von Basti und mir: Nach zwei Jahren Kampf, nach ewigem Hin und Her, On und Off hatten wir beide bereits seit einiger Zeit das Gefühl, dass das mit uns endlich aufhören musste, wir konnten aber immer noch nicht so richtig voneinander lassen. Ich weiß nicht, was es war, was uns damals noch zusammengehalten hat, aber aus irgendeinem Grund waren wir beide nicht bereit dazu, endlich einen Cut zu machen und Lebewohl zu sagen.

Das Thema Trennung waberte trotzdem jetzt schon seit Wochen zwischen uns umher. Wir redeten immer mal wieder kurz und nüchtern darüber, dass es so nicht weitergehen konnte, dass wir uns gegenseitig nur unglücklich machten, dass es weder gesund noch zukunftstauglich war, dann schalteten wir den Gedanken für den Rest des Abends wieder aus und kicherten über blöde, alte Witze.

Irgendwas ließ uns aneinander festhalten

"Wieso liege ich hier eigentlich noch?“, hatte ich ihn irgendwann an diesem Abend gefragt, als ich mit meinem Kopf auf seinem Bauch lag und ihn einfach nur dabei beobachtet hatte, wie er sich auf das Fußballspiel konzentrierte und bei jeder vertanen Chance mehr litt, als bei all den vertanen Chancen, die wir in den letzten zwei Jahren nicht ergriffen hatten, um unsere Beziehung endlich mal auf etwas stabilere Beine zu bauen.

Statt mir einen fragenden Blick zu schenken, strich Basti mir übers Haar – obwohl meine Frage so zusammenhangslos im Raum stand, wusste er ganz genau, worum es ging: "Weil wir noch nicht so weit sind, meine Kleene."

Meine Kleene – egal wie bescheuert das klingt, aber jedes Mal, wenn er mich so nannte, wusste ich wieder ganz genau, warum ich bei ihm blieb. Kein Mann wäre jemals auf die Idee gekommen, mich so zu nennen: Weder bin ich klein, noch wirke ich besonders unschuldig oder in irgendeiner Weise schutzbedürftig – trotzdem sah Basti, dass irgendwo in mir ein Teil schlummerte, der sich danach sehnte nicht immer nur die starke Julie mit der großen Klappe zu sein, die alles alleine auf die Kette bekam und dabei auch noch so verdammt sexy war.

"Meinst du, dass es irgendwann diesen Moment geben wird?", fragte ich an ihn gewandt und versuchte seinen Blick einzufangen, was gar nicht so einfach war, weil ich immer noch auf seinem Bauch lag.

Statt eines überfragten oder genervten Pustens, lächelte er und neigte seinen Kopf nach unten, um mich anzusehen.

Es blieb still zwischen uns.

"Eines Tages werden wir so weit sein", sagte Basti irgendwann nachdenklich, während er es sich aber nicht nehmen ließ, weiter liebevoll über mein Haar zu streicheln. Dann huschte ihm wieder ein Grinsen über die Lippen: "Aber bis dahin … haben wir erstmal noch ein paar heiße Nummern."

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Ich kicherte. Bastis Humor fand sicherlich nicht jeder lustig, aber mich brachte er mit jedem noch so blöden Satz zum Lachen.

Sein Satz sorgte im Übrigen auch dafür, dass ich auf der Stelle Lust auf Sex bekam. Also rappelte ich mich auf, warf ihm noch einmal einen herausfordernden Blick in seine braunen Augen zu, dann ließ ich mich zwischen seine Beine gleiten und zuppelte an der grauen Fuckboy-Jogginghose, um jetzt auf der Stelle eine dieser heißen Nummern mit ihm zu schieben.

Bis heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich an unseren Sex denke

Hätte ich damals gewusst, dass es eine unserer Letzten sein sollte, hätte ich sie vermutlich noch etwas hinausgezögert und länger den Moment genossen, einfach nur auf seinem Bauch zu liegen und seinem friedlichen Herzschlag zu lauschen. Aber: Ich wusste es in diesem Moment eben nicht. Deshalb kicherte ich vor mich hin, als ich unter der Jogginghose einen aufrechten Penis entdeckte, und ließ es mir natürlich nicht nehmen, ihn mit meinen Lippen sanft zu umschließen. Basti ließ seinen Kopf in den Nacken fallen, ließ sich in den Moment fallen, griff wie automatisiert in mein Haar und übernahm nach ein paar Sekunden der friedlichen Atmosphäre wieder die Kontrolle, um mich an meinen Haaren noch näher an sich zu ziehen. Mich machte es jedes Mal aufs neue rattenscharf, wenn er mir zeigte, dass ich die Kleene war, die ihm gefälligst zu folgen hatte.

An diesem Abend schoben wir mal wieder eine unserer typischen Basti-Julie-Nummern: ausdauernd, intensiv, leidenschaftlich, grenzenlos, geil. Eine der Nummern, die mir heute immer noch beim Masturbieren in den Sinn kommen und die mich so sehr aufwühlen, weil ich nach Basti nie wieder einen Mann kennengelernt habe, der mich durch seinen Körper so sehr in andere Himmelssphären katapultieren konnte wie er.

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Das macht mich traurig, wütend und dankbar zugleich. Traurig, weil es mir anscheinend bis heute noch nicht gelungen ist, so ganz und endgültig von ihm loszulassen. Wütend, weil ich es ein Unding finde, dass anscheinend kein Typ auf dieser Erde so gut bumsen kann wie er. Und dankbar, weil ich seit Basti weiß, dass Sex heftiger sein kann als ein fucking Drogenrausch – das erleichtert meine Mama übrigens sehr ... ihr ist es lieber, wenn ich von irgendeinem Schwanz abhängig bin, als von irgendwelchen gestreckten Drogen, die es auf der Clubtoilette für einen Zwanni gibt!

Von wegen Gewinnerin ...

Trotzdem hat es mich in den letzten Wochen mit jeder neuen Solo-Nummer, die ich mit mir selbst geschoben habe, immer nachdenklicher gemacht. Denn nachdem ich bei all den anderen Typen feststellen konnte, dass ich als Gewinnerin aus der Sache rausgegangen bin, weiß ich es bei Basti leider irgendwie nicht so richtig. Will man seinem Instagram-Account Glauben schenken, passiert in seinem Leben nicht sonderlich viel. Ich konnte weder erstalken, ob er inzwischen sein Studium beendet hat, noch ob an seiner Wand immer noch die goldene Schallplatte hängt, ich weiß nicht, ob er noch in der gleichen Wohnung lebt, ob er glücklich ist, ob er manchmal noch an mich denken muss. Aber was ich weiß: Die Frau, die er nach mir kennenlernte, ist immer noch an seiner Seite.

Und das wiederum hat dazu geführt, dass ich irgendwann vor ein paar Wochen angefangen habe, mich zu fragen: Tja, Julie, was ist denn eigentlich inzwischen aus DIR geworden?

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Das ist wohl das Ding dieser Krise. Dadurch, dass wir uns nicht mit langen Besuchen in Bars, durch witzige Abende in Clubs, durch Shopping oder durch scham- und bedeutungslose One-Night-Stands ablenken konnten, hatten wir alle unfassbar viel Zeit uns mit uns selbst zu beschäftigen … und ja, damit meine ich nicht nur den körperlichen Aspekt, sondern auch den geistigen.

Eins ist mir inzwischen klar geworden: Ich bin zwar inzwischen die Frau mit dem Weinkühlschrank, aber ich bin trotzdem auch immer noch die Frau, die sich alleine bei der Erinnerung an den Sex mit Basti und bei dem Gedanken daran, dass ich mal seine Kleene war, nach ihm sehnt.

Deine Sex-Fragen

Übrigens: Wenn du mir Fragen zum Thema Sex stellen willst, kannst du das jederzeit machen – und zwar komplett anonym! Schreib mir dazu einfach eine Message auf Tellonym. Du willst noch mehr aus der versexten Welt der Julie Schmidt mitbekommen, willst ihr ein Dickpic schicken (SPASS!) oder hast Fragen und Anregungen? Dann check doch mal ihren Instagram-Account (@julie.schmidt.autorin).

Julie Schmidt hat ihr erstes Buch geschrieben! In "To all the boys I’ve fucked before" (erscheint am 13.10.20 im mvg Verlag) erzählt sie noch mehr über ihre Vorliebe für Fuckboys und Zigaretten
  • Quelle:
  • Noizz.de