In Wirklichkeit wollen wir doch alle nur das eine.

Unsere Autorin Julie Schmidt schreibt in „SEX VOR NEUN“ über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus.

Die Nummer mit den Typen, die irgendwie nicht vögeln wollen

Ich packe Gelegenheiten eigentlich gerne beim Schopf – oder besser gesagt: beim Schwanz – und ziehe einfach gnadenlos durch, was ich mir in den Kopf gesetzt habe. Okay, die Sache mit den Schwänzen fällt mir nicht immer ganz so leicht. Denn auch wenn es schwer vorstellbar ist, aber selbst das Selbstbewusstsein einer Sex-Kolumnistin schwächelt in zwischenmenschlichen Beziehungen manchmal.

Hier ein kleines Geheimnis über mich: Ich spreche wirklich so gut wie nie einen Typen an, der mir gefällt. Rationale Gründe gibt es dafür kaum, irrationale genug: Ich hab zum Beispiel Schiss, dass er mich nicht will und versuche es dann gar nicht erst. Nein, eigentlich mache ich es noch viel schlimmer... indem ich es Typen, die ich wirklich nice finde, absichtlich noch schwerer mache und in die Rolle der Unnahbaren schlüpfe. Paradoxerweise bin ich dann übrigens extrem angepisst, wenn er sich nicht traut, auf mich zuzugehen.

Ja, ich weiß ... Das Ganze ist nicht nur ziemlich kompliziert, sondern auch extrem dämlich. Eigentlich finde ich es nämlich total bescheuert, wenn man sich selbst solche Steine in den Weg legt.

"Ich verstehe einfach nicht, warum es manchmal so scheiße kompliziert mit diesen Kack-Typen ist", habe ich meiner besten Freundin erst kürzlich wieder beim Kaffeeklatsch in der Mittagssonne vorgejammert.

"Boar, ich auch nicht ...", stimmte sie mir zu, während sie in ihrem Kaffee herumrührte.

"Ich meine: Im Endeffekt wollen wir doch eh alle nur Vögeln und vielleicht einen Typen, auf den man sich zu hundert Prozent verlassen kann, mit dem man entspannt im Bett liegen und am nächsten Tag die Weltherrschaft an sich reißen kann. Warum ist das denn bitte so fucking kompliziert?", wollte ich jetzt wissen.

Sie bereute, dass sie keinen Sex mit ihm hatte

"Ich weiß es doch auch nicht. Ich ärgere mich auch so, dass ich diesen Typen letztens einfach nicht gevögelt habe", seufzte sie und zündete sich eine Zigarette an. "Diesen Typen" hatte sie im Urlaub kennengelernt und sich kurzfristig einfach mal schockverknallt: Er war groß, muskulös, hatte ein hübsches Gesicht und war zudem nicht nur extrem entspannt, sondern auch noch witzig, hatte sie mir zuvor erklärt.

"Warum hattest du keinen Sex mit ihm?" – "Ich weiß es nicht ... In dem Moment konnte ich irgendwie nicht. Obwohl ich mega Bock auf den hatte ...", sagte sie jetzt etwas ernüchtert.

"Aber warum denn?" – "Keine Ahnung, wir sind ja im Club schon fast übereinander hergefallen – ich sag dir, so auffällig in der Öffentlichkeit geknutscht, habe ich schon echt lange nicht mehr ... Alle um uns herum haben bestimmt gewettet, dass wir an dem Abend noch Sex haben werden ..."

"... Und dann hast du ihn alleine nach Hause gehen lassen ..." – "Ja Mann, ich bereue so, dass ich nicht mit dem geschlafen habe! Der war echt geil! Aber ich glaube, ich bin einfach nicht der Typ für sowas ..." Ich nickte: "So eine Scheiße ..." Mehr fiel mir dazu ehrlich gesagt nicht ein.

Wer macht die Sache mit dem Sex eigentlich so kompliziert?

"Hattest du schon mal einen Typen, mit dem du nicht im Bett gelandet bist, obwohl du Sex mit ihm wolltest?", fragte sie mich jetzt.

Ich überlegte. Eine Sekunde, zwei, drei. Mir fiel auf Anhieb wirklich niemand ein. Wenn ich einmal so begeistert von einem Typen war, dass ich mir Sex mit ihm vorstellen konnte UND er sich zuvor dazu durch gerungen hatte, mich anzusprechen, dann hatte ich noch nie einen von der Bettkante gestoßen.

Das heißt natürlich nicht, dass ich mit jedem Typen, mit dem ich irgendwann mal geknutscht habe, auch wirklich in der Kiste gelandet bin. Zwischen ein bisschen Rummachen und eine Nummer schieben, liegen dann eben doch noch ein paar Welten. Aber mit jedem Typen, der den Dämon zwischen meinen Beinen geweckt hatte, war ich früher oder später eben doch in der Kiste gelandet. An mir lag es also nicht, dass sich die Sache mit dem Sex manchmal so schwierig gestaltete.

"Mir fällt niemand ein, außer vielleicht Marc ..." – "Der zählt nicht", intervenierte sie.

Marc war einer der Typen, die mir in den letzten Monaten echt viele Nerven gekostet hatten. Für mich war eigentlich schon nach ein paar WhatsApp-Nachrichten klar gewesen, dass ich Bock auf ihn hatte. Zwar wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht genau, was ich mir von ihm eigentlich erwartete, aber ich wollte ihn unbedingt näher Kennenlernen, und das schien am Anfang auch ganz gut zu klappen ...

Für Marc war ich sogar mal über meinen Schatten gesprungen und hatte die Initiative ergriffen. Ich schickte ihm immer mal wieder einen kleinen Wink mit dem Zaunpfahl auf sein Smartphone, den er auch jedes Mal gerne angenommen hatte. Blöderweise war ich aber auch die einzige, die ständig Initiative zeigte.

Erst dachte ich, dass es ein kleines Spielchen zwischen uns war und er einfach absichtlich den Spieß umdrehte und sich zum Unnahbaren machte, dann verzweifelte ich irgendwann, weil die Situation so kompliziert erschien und ich einfach nicht verstand, wieso ein Typ so dumm war, sich den wahrscheinlich besten Sex seines Lebens durch die Finger gehen zu lassen. Letztendlich sorgte sein Desinteresse, sei es nun Teil seines perfiden Plans oder einfach wirklich nicht vorhanden gewesen, dafür, dass ich keine Lust mehr hatte, um seine Aufmerksamkeit zu kämpfen.

Okay, zugegeben ... gevögelt hätte ich Marc schon gerne: a) weil die Luft zwischen uns ab und zu eben doch ziemlich geknistert hatte, b) weil ich aufgrund seiner Erzählungen über Sex vermutete, dass er wahrscheinlich auch nicht der schlechteste Lover war und c) weil ich mir ab und an gerne bewies, dass ich sie am Ende doch alle rumbekomme.

Bedeutet kompliziert immer, dass es nicht sein soll?

"Vielleicht sollte es mit ihm einfach nicht sein", seufzte ich im Gespräch mit meiner besten Freundin und fuhr dann noch fort: "Ich meine, wenn es gleich am Anfang so kompliziert ist, dann wird das schon seine Gründe haben ..."

Sie zuckte mit den Schultern: "Aber was ist denn da mit diesem einen Typen, den du letztens hattest? Johnny ... vom Strand?"

Johnny hatte ich erst vor ein paar Wochen im Urlaub kennengelernt. Auch unsere Geschichte hatte nicht gerade unkompliziert angefangen ...

Gleich als ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte, stand für mich eigentlich schon fest: Jap, den nehme ich heute mit ... also zumindest, wenn er will ... und mich anspricht. Wie gesagt: Typen, die mir richtig gut gefallen, spreche ich von mir aus meistens nicht an. Tja, und dann lag ich da in meinem knappen Bikini am Strand, beobachtete ihn und wartete darauf, dass er sich traute, auf mich zuzugehen.

Es folgte ein Drama in drei Akten: Ich warf ihm einen verstohlenen Blick zu und guckte jedes Mal, wenn er meinen Blick erwidern wollte, demonstrativ in eine andere Richtung.

Ich weiß nicht, wie lange wir dieses Spiel spielten, aber irgendwann war meine Zigarettenschachtel leer, trotzdem rauchte ich weiter ... und zwar vor Wut, weil er mich auch nach Stunden immer noch nicht angesprochen hatte, und dass, OBWOHL er mir mindestens genau so viele verstohlene oder auch offensichtliche Blicke zugeworfen hatte.

Dieses kleine Drama trieb mich so sehr in den Wahnsinn, dass ich irgendwann schnaubend aufstand und meine Freundin dazu aufforderte, dass wir jetzt SOFORT gehen mussten. Einfach weil ich nicht glauben konnte, dass dieser geile Typ nicht die Eier in der Hose hatte, mich anzusprechen.

Glücklicherweise sorgte mein Rückzug aus Protest bei ihm dafür, dass er endlich handelte. Er sprang auf und deutete dann mit dem Finger auf mich: "Hey, du, warte mal ..." In diesem Moment dachte ich nur: "Thank God!" Und als ich dann vor ihm stand und feststellte, dass er von Nahem noch viel süßer war, als ich gedacht hatte, dachte ich: "Jackpot!"

Kompliziert kann auch sexy sein

Nach unseren kleinen Startschwierigkeiten stellte sich heraus, dass wir sowas von auf einer Welle schwammen, wie ich das wirklich schon lange nicht mehr bei einem Typen erlebt hatte. Als er seinen Arm das erste Mal um mich legte, fühlte es sich wie das natürlichste der Welt an, als er mich zum ersten Mal küsste, waren unsere Zungen gleich ein eingespieltes Team, und als ich seinen Schwanz zum ersten Mal in den Mund nahm, wusste ich intuitiv ganz genau, was ihn scharf machen würde.

Manchmal machen diese kleinen Spielchen am Anfang eben doch Spaß – sehr viel später an diesem Abend verriet er mir, dass er mich absichtlich so lange zappeln lassen hatte, obwohl er mich von der ersten Sekunde an mindestens genau so geil fand wie ich ihn. Dranbleiben lohnt sich manchmal doch ... auch wenn es kompliziert ist.

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Quelle: Noizz.de