Unsere Sex-Kolumnistin beantwortet Fragen der NOIZZ-User.

In ihrer wöchentlichen Kolumne SEX VOR NEUN schreibt unsere Autorin Julie Schmidt jede Woche über – dreimal darfst du raten – Sex. Und wenn sie nicht an ihrem Schreibtisch sitzt? Dann plaudert sie über die schönste Nebensache der Welt. Mit ihren Arbeitskollegen, mit ihren Mädels, mit ihrem schwulen besten Freund und jetzt auch mit den NOIZZ-Lesern!

Denn ab sofort kannst du Julie Schmidt deine Fragen zum Thema Sex stellen – jederzeit und komplett anonym! Schreib ihr dazu einfach eine Message auf Tellonym. Die beste Frage beantwortet sie jeden Montag auf NOIZZ.

Diese Woche: Warum will er keinen SM-Sex mehr, seitdem wir zusammen sind? 

Liebe Julie, 

hier mal eine Frage mit längerer Erklärung und Vorgeschichte: Mein Freund und ich sind seit anderthalb Jahren zusammen. In der Zeit ist wahnsinnig viel passiert, und wir leben zusammen und sind unfassbar glücklich. Im Bett kann ich mich völlig wohl fühlen, und wir haben keinerlei Probleme. Außer, dass es eine Sache gibt, die wir am Anfang unserer Beziehung gemacht haben und jetzt nicht mehr.

Ich kann ziemlich dominant werden und genieße das Gefühl, meinen Freund zu triezen, leicht zu foltern und so weiter. Er war am Anfang nicht allzu offen, aber wir haben uns behutsam und langsam angetastet, und ich kann dir sagen: Er hat alles sehr genossen. Wir haben viel geredet, immer mehr ausprobiert und hatten unglaubliche Abenteuer.

Aber seit ein paar Monaten kommt es dazu nicht mehr, und wenn ich darüber reden will, dann verschiebt er es immer wieder. Das frustriert mich zunehmend, gerade WEIL wir so unglaublich viel in dem Bereich gemacht haben, was uns beiden Spaß gemacht hat und gerade ihm unglaubliche Orgasmen bereitet hat.

So, und nun ist es so, als würde er sich nicht trauen oder es wäre auf einmal unangenehm oder jetzt sei es ihm peinlich – dabei sind wir uns jetzt sogar noch viel näher als damals. Was kann ich tun, um das wieder zu beleben?

Liebe Grüße,

C.  

Liebe Unbekannte,

erst mal möchte ich dich kurz beglückwünschen: Wie schön, dass du einen Partner gefunden hast, mit dem du so glücklich bist ... Solche findet man in der heutigen Dating-Welt echt nicht mehr so häufig. Ihr versteht euch, ihr habt guten Sex zusammen, ihr vertraut euch: Das sind beste Vorraussetzungen für eine langfristig gute Beziehung.

Aber wie das eben immer so ist: Man will das, was man gerade nicht hat. Ich weiß, wie frustrierend es sein kann, wenn man mal richtig guten Sex hatte und der dann plötzlich und ohne Vorhersage nicht mehr so gut ist.

Das Problem, das du beschreibst, kennen wahrscheinlich sehr viele Paare mit SM-Vorliebe. Bevor sie eine Beziehung führen, ist der Sex der absolute Wahnsinn: Keiner von beiden macht sich Gedanken, ob es okay ist, wenn man dem Partner Schmerzen zufügt, in dem Moment zählt einfach nur der hemmungslose Genuss ... und dann kommt plötzlich die Liebe dazwischen und macht einem einen Strich durch die Rechnung!

Denn mit einer liebevollen Beziehung kommen plötzlich auch neue Gedanken, neue Anforderungen und Erwartungen. In unserer Gesellschaft wird auch heute immer noch ein Bild von #Couplegoals vermittelt, in dem SM-Sex und Schmerzen keinen Platz haben. Die (gesellschaftliche) Traumbeziehung besteht trotz Shades of Grey immer noch aus Typen, die ihr Girl liebevoll umarmen und ihr einen süßen Kuss auf die Stirn hauchen, oder aus Frauen, die mit leicht verwuschelten Haaren in seinem Arm einschlafen. 

Das ist zwar bescheuert und entspricht natürlich nicht ansatzweise der Wahrheit, kann aber dazu führen, dass sich jemand, der eigentlich Spaß an SM hat, nicht traut, das auszuleben. 

So wie du die aktuelle Situation zwischen dir und deinem Freund beschreibst, könnte ich mir vorstellen, dass genau dieser Punkt für ihn ein Problem darstellt:

Wer sich liebt, der quält sich nicht! 

Ich könnte mir vorstellen, dass ihr jetzt an einem Punkt eurer Beziehung seid, an dem es ihm immer schwerer fällt, zu differenzieren, zwischen dem, was bei euch im Bett abgeht und eurer alltäglichen Beziehung. 

Wie du schon sagtest: Ihr seid euch jetzt näher denn je – das kann gerade in SM-Beziehung dazu führen, dass der Wunsch nach Schmerzen schwindet. Wer will seinen geliebten Partner schon freiwillig verletzen? Wer will sich in einer gleichberechtigten Beziehung im Bett freiwillig unterwerfen? Wer will sich von einer Person, die man aufrichtig liebt, quälen lassen? Verstehe mich nicht falsch: Du und ich wissen, dass Sex und Beziehung zwei völlig unterschiedliche Dinge sind und sich das absolut nicht auf euer liebevolles Miteinander auswirkt, aber vielleicht ist dein Freund mit dieser Differenzierung momentan etwas überfordert. 

Ehrlich gesagt, fällt es mir jetzt auch nicht besonders leicht, dir eine Lösung zu bieten. Du und ich könnten hier jetzt noch zweihundert weitere Zeilen spekulieren, was genau sein Problem ist: Vielleicht bist du beim letzten Mal zu weit gegangen? Vielleicht schämt er sich, weil er sich seiner dominanten Männlichkeit beraubt fühlt? All diese Spekulationen bringen dich aber leider absolut nicht weiter! 

Die einzige Lösung, die es gibt: Redet gemeinsam darüber! Das Gespräch sollte am besten in einem Moment stattfinden, in dem ihr euch gerade nah und absolut zufrieden mit der Situation seid. Wichtig ist, dass du ihn nicht mit Vorwürfen konfrontierst ("Warum hast du keinen Bock mehr darauf?"), sondern mit Ich-Botschaften kommunizierst. Versuche während des Gespräches, nicht für oder gegen etwas zu argumentieren, sondern höre dir einfach alles einmal ganz genau an. Sag ihm ruhig auch, dass das was zwischen euch im Bett abläuft, nichts mit eurer Liebesbeziehung zu tun hat. 

Ich wünsche dir wirklich, dass er sich zu einem Gespräch bereit erklärt, aber ich kann mir vorstellen, dass ihr das hinbekommt! Ach ja: Und wenn du von ihm einen Grund genannt bekommen und du noch Fragen hast, meld dich gerne wieder. 

XOXO Julie Schmidt 

Quelle: Noizz.de