Deshalb fühle ich mich nicht schlecht, aber ...

Unsere Autorin Julie Schmidt schreibt in „SEX VOR NEUN“ über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus.

Die Nummer mit dem Ehering

Auch wenn ihr das jetzt nicht glauben werdet, aber ich bin eine verdammt treue Seele. Mein Herz ist eine harte Nuss, deshalb ist es auch echt nicht so einfach, es zu erobern. Wer es allerdings einmal geschafft hat, der kann sich um seinen Platz darin wirklich sicher sein. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass ich jemals einem Typen fremdgehen würde, mit dem ich eine feste Beziehung führe.

Auch wenn meine Vagina sich etwas leichter knacken lässt, ist es ausgerechnet sie, die mir Sex mit einem anderen oft versaut, wenn ich noch Gefühle für einen Mann habe. Dann will und kann sie keinen Sex haben und legt mir ohne Rücksicht auf Orgasmen einen imaginären Keuschheitsgürtel an. Das Problem: Er bleibt im Zweifelsfall deutlich länger verschlossen, als die Beziehung tatsächlich anhält. Solange ich einem Penis also noch hinterher trauere, bleibe ich sexlos ­– und das kann mehrere Monate dauern, scheiß Keuschheitsgürtel! 

Nicht jeder ist so treu wie ich

Allerdings scheint dieser imaginäre Keuschheitsgürtel nicht bei allen Männern und Frauen so gut zwischen den Beinen zu sitzen, wie bei mir ... Nicht umsonst gibt es Ehebruch mindestens schon genau so lange wie die Ehe selbst.

Ich habe zu dieser Sache eigentlich eine recht klare Einstellung: Ich betrüge niemanden, aber ich bin auch nicht dafür verantwortlich, wenn jemand seine Partnerin mit mir betrügen will. Ich höre den Aufschrei schon: "Wie kannst du nur?!" Sorry not sorry. Ich bin von keinem Mann die scheiß Babysitterin ... aber um meine Aussage etwas zu entschärfen: Ich lege es natürlich auch nicht darauf an, mit einem vergebenen Typen im Bett zu landen. Wenn ich sehe, dass er einen Ring am Finger hat, friert meine Vagina in 98 Prozent der Fälle eigentlich direkt ein ...

Letzen Sommer gab es da diese Geschichte mit Philippe. Ich saß mit einer Freundin in einer Bar und feierte ihre Beförderung: Neben uns saßen zwei Typen, die sich irgendwann in unser Gespräch einmischten. Ich erzählte meiner Freundin gerade davon, wie bescheuert sich der Typ, den ich gerade datete, mal wieder verhalten hatte, und guckte, ohne jegliche Flirtabsicht, zu den beiden Typen rüber:

 "Und? Was ist euer Problem? Alle Männer haben entweder einen an der Klatsche, sind vergeben oder sind schwul!"

 "Verheiratet", lachten die beiden und präsentierten meiner Freundin und mir mit einem Lachen ihre Eheringe. Damit war für mich eigentlich klar: Die sind raus. Eine Flasche Wein später hatte ich meine Meinung zwar noch nicht geändert, mich aber in ein sehr tiefgründiges Gespräch mit Philippe verstrickt, indem ich ihn fragte, ob er einen Tipp für eine langfristige, funktionierende Beziehung hatte. "Man muss sein eigenes Leben weiterleben ... und auch mal etwas für sich tun", hatte er mir daraufhin geantwortet, ich nickte.

Erst eine weitere Flasche später verstand ich, was er damit meinte. Inzwischen standen wir vor der Bar, ich rauchte und genoss es, dass er sanft meine Hüften umfasst hatte. Was soll ich sagen? Der Alkohol hatte meine Vagina anscheinend dann doch etwas aufgetaut, weshalb ich mich nicht wehrte, als er mir einen Kuss auf die Lippen drückte. Erst als er mich dann ansah und mir vorschlug, in sein Büro zu fahren, fror sie auf der Stelle wieder ein. Daraufhin drehte sich um und ging – und das war auch gut so.

Über meine Einstellung lässt sich streiten

Als ich am nächsten Tag meiner besten Freundin von diesem Abend erzählte, verdrehte sie die Augen: "Findest du das jetzt schlimm?", wollte ich von ihr wissen.

"Ich finde, dass es einfach gar nicht geht, wenn er verheiratet ist. Ich verurteile dich deswegen jetzt nicht, aber ich finde es einfach nicht gut", sagte sie darauf nur.

Ich nickte. Es ist ja nicht so, als wäre ich besonders stolz darauf – ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, wenn eine Beziehung kaputt geht, aber jetzt mal ganz ehrlich: Wenn es eine Beziehung zerstören kann, dass er seinen Schwanz in eine andere Vagina gesteckt hat, dann stimmt doch von vorneherein etwas mit der Beziehung nicht.

Ich bin der Meinung, dass ein Seitensprung nichts damit zu tun hat, ob man den Partner liebt oder nicht. Kein Sex der Welt schafft es (noch nicht mal ein Blowjob von Julie Schmidt), einem Menschen so nah zu kommen, wie durch eine wirklich innige Bindung zueinander. Wie man die bekommt? Indem man sich voreinander emotional komplett nackt macht und ihm einen Blick in seine Seele gewehrt. Wenn man über Erlebnisse, Gefühle, Ängste spricht, über die man sonst mit niemand anderem gesprochen hat, dann ist das das krasseste, was man miteinander teilen kann. 

Jedenfalls hat diese Einstellung dazu geführt, dass mir zum Beispiel bei Basti völlig egal war, wenn er mit einer anderen Frau in die Kiste gestiegen ist. Wir hatten ein stillschweigendes Abkommen getroffen, dass ich keine Exklusivrechte an seinem Schwanz hatte. Und das war für mich auch immer okay, weil ich wusste, dass ihm durch keinen Sex der Welt eine Frau so nah kommen könnte, wie ich ihm gekommen bin.

Schuldgefühle? Nein danke!

Deshalb fühle ich mich, um ehrlich zu sein auch nicht schlecht, dass ich auch schon mal mit einem Typen in der Kiste gelandet bin, der einen Ring am Finger trug ...

Zwischen Lars und mir hatte es sofort gefunkt: Er war groß, hatte ein hübsches Gesicht und einen top Körper. Er war ein entfernter Bekannter von einem Freund aus meiner Heimatstadt, der uns zu seiner Geburtstagsparty eingeladen hatte. Da standen wir beide also schon seit Stunden im gleichen Raum und warfen uns immer mal wieder einen verstohlenen Blick zu. Erst als ich aufbrechen wollte, stoppte er seinen Gesprächspartner mit einem Handzeichen und zeigte mit dem Finger auf mich.

"Hey, du ... warte mal", hatte er gesagt und mich schief angegrinst.

"Ich?", tat ich unschuldig und guckte mich um, ob er wirklich mich meinte, obwohl mir klar war, dass er nur mich meinen konnte. Er nickte und verwickelte mich in ein Gespräch: Wo ich zu so später Stunde denn noch hin wollte, woher ich meinen Kumpel kannte und was ich so beruflich machte.

Nach 15 Minuten entschieden wir uns, gemeinsam noch ein Getränk zu holen. In der Küche trafen wir auf ein paar Freunde von ihm, die ich alle nicht kannte und auf ein paar Freunde von mir. Die Stimmung war ausgelassen und entspannt. Er hatte sich neben mich an die Küchenwand gelehnt und seinen Arm, als ich einen Witz gemacht hatte, um meinen Hals gelegt, wo er auch noch Minuten später verweilte.

Wir witzelten herum, ich hatte längst vergessen, dass ich eigentlich nach Hause wollte, als das Thema auf unseren Beziehungsstatus zu sprechen kam.

"Wer von euch hat eigentlich alles eine Freundin?", wollte mein Single-Gastgeber-Kumpel nun wissen.

Ich war in dem Moment damit beschäftigt, darüber nachzudenken, dass ich selten einen Typen getroffen hatte, bei dem sich die Berührungen von Anfang an, so vertraut anfühlten, wie die von Lars, dass ich seine Antwort auf die Frage nicht mitbekam.

Es war seine Hand auf meinem Oberschenkel, die mich im nächsten Augenblick wieder zurück in die Realität holte.

"Wollen wir eine rauchen gehen?", fragte er mich, worauf ich nickte.

Er passte zu 100 Prozent in mein Beuteschema

Erst als wir auf dem Balkon standen, wurde mir klar, dass er gar nicht rauchte. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt, er zog mich an sich und ich konnte nicht anders, als die Situation einfach nur zu genießen. Dieser Typ strahlte eine Sicherheit und ein gesundes Selbstbewusstsein aus und das gefiel mir. Er war höflich, freundlich, großzügig und offen – alles Attribute, die meiner Vagina ein Grinsen auf die Schamlippen zauberten.

Irgendwann entschied mein Gastgeber-Kumpel, dass wir jetzt in eine Bar umziehen würden. Lars griff nach meiner Hand und zog mich mit sich, als wäre es eine ganz klare Sache, dass wir beide diesen Abend von nun an gemeinsam bestreiten würden.

Die Bar war ein Mix aus Kneipe und Club – die Musik war laut, der Alkohol floss. Lars hatte uns einen Platz am Tresen organisiert und mich zu sich gezogen, um mir einen Kuss auf den Hals zu geben. Ich kicherte in mich hinein und ließ meine Hände über seinen Oberschenkel bis zwischen seine Beine wandern ... da war das gute Stück, und obwohl ich noch nicht mal richtig angefangen hatte, konnte ich durch die Hose schon fühlen, dass ich heute einen guten Fang gemacht hatte.

Das dachte ich zumindest so lange, bis ich ihm einen süßen Kuss auf die Lippen hauchte und dabei meine Finger in seinen verschränkte. Dabei fielen mir zwei Ringe auf – einer am rechten Ringfinger, der andere am linken.

"Was sind das für Ringe?", fragte ich locker. Er streckte seine Hände aus und ließ sie mich kurz betrachten.

"Ehering?", deutete ich auf den einen, er nickte und fixierte kurz meinen Blick.

"Ist das ein Problem?", fragte er jetzt ebenso locker, wie ich. Er schien sich nicht ertappt zu fühlen oder sich dafür zu schämen, dass er sein Bett sonst mit einer anderen Frau teilte.

Vielleicht war es genau diese Reaktion, die dazu führte, dass ich nach einem kurzen Check-up meines Bauchgefühls, mit den Schultern zuckte und dann antwortete: "Für mich nicht."

War es für mich ja wirklich nicht: Ich war schließlich Single, ungebunden, wohnte eigentlich über 500 Kilometer weit entfernt und wollte ihm hier heute vielleicht einen Cock- aber keinen Ehering anstecken. Er lächelte und kassierte dafür einen weiteren Kuss von mir, der uns beiden Lust auf mehr machte.

Wieder wanderte meine Hand ganz unauffällig zwischen seine Beine, während wir uns quer über den Tresen, mit einem anderen Kumpel von ihm unterhielten. Ich ließ meine Finger in kreisenden Bewegungen über seine Jeans fahren – erst sanft, dann fester, dann wieder sanft.

Er griff unter Tisch nach meiner Hand und hielt sie kurz fest: "Lass uns gehen", raunte er mir ins Ohr, während ich so tat, als würde ich seinem Kumpel weiter zuhören. Als zustimmendes Zeichen drückte ich meine Hand noch einmal in seinen Schritt, schnappte mir dann meine Jacke und meine Handtasche und stand auf.

Zwischen uns zählte nur der Moment

Als ich seine Hose öffnete, zitterten nicht nur meine Finger. Ich hatte Bock auf ihn und längst vergessen, dass seine Lippen, die er nun wieder auf meinen platzierte, sonst eigentlich eine andere Frau küssten. Sein Blick auf mir war nicht von Geilheit geprägt, sondern irgendwie liebevoll, was mich dazu befeuerte, jetzt erst ein paar Küsse auf seinem Bauch und schließlich auch auf die Spitze seines Penis zu platzieren.

Ich war sowas von bereit für diese Nummer mit ihm, dass ich mich einige Sekunden später auf seine Mitte setzte und kaum erwarten konnte, mich auf ihm zu bewegen. Wir zogen die Nummer voller Genuss durch: Das einzige, was zwischen uns zählte, war der Moment. Kein Gedanke an gestern oder morgen - wir waren hier, gemeinsam ... und das war auch verdammt gut so.

Nach dem Sex lagen wir Arm in Arm da und sahen uns einfach nur für ein paar Momente an, während er mir mit der Hand, an der sein Ehering steckte, seicht über den Oberarm fuhr.

"Warum ist eine Frau, wie du eigentlich nicht vergeben?", fragte er mich jetzt.

Bis ich antwortete, dauerte es etwas: "Weil ich anstrengend bin", sagte ich, dachte aber: weil ich mit Vergebenen ins Bett steige ... Karma, Baby!

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Quelle: Noizz.de