SEX VOR NEUN: Ich hatte ein Fetisch-Date und wusste nichts davon

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Unsere Autorin Julie hat sich via Tinder mit einem Typen verabredet und ist bei einem Fetisch-Date gelandet
Unsere Autorin Julie hat sich via Tinder mit einem Typen verabredet und ist bei einem Fetisch-Date gelandet Foto: Nuno Silva / unsplash.com

Soviel vorab: Es fand in einer Raucherkneipe statt.

Unsere Autorin Julie Schmidt schreibt in „SEX VOR NEUN“ über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus.

Die Nummer mit dem Fetischisten

Ich bin ein sehr aufgeschlossener und neugieriger Mensch. Das hat Vor- und Nachteile: In meinem Job ist das zum Beispiel super, egal auf welche Person ich treffe, ich trete ihr mit Offenheit und Respekt gegenüber, was häufig dazu führt, dass die Menschen mir gerne ihre Geschichten erzählen. Privat kann das dagegen manchmal etwas anstrengend sein, weil ich anscheinend so viel Offenheit ausstrahle, dass die Menschen mir ihre dunkelsten Geheimnisse und tiefsten Verlangen schon beim ersten Date auf dem Silbertablett präsentieren.

Niko war zum Beispiel so ein Typ. Sein Tinder-Profil wurde mir angezeigt, als ich mein Tinder-Experiment gestartet hatte. Er stach sofort heraus, wegen seiner strahlend blauen Augen. Voll mein Ding, dachte ich, als ich sein Bild, wie alle anderen, nach rechts swipte, ohne die Absicht zu haben, wirklich etwas mit ihm anzufangen. Aber wie das eben manchmal so ist, seine erste Nachricht machte mich neugierig, weshalb ich mich tatsächlich dazu breitschlagen ließ, mich mit ihm zu treffen.

Wohin es gehen sollte, verriet er mir nicht. Das fand ich irgendwie creepy, aber dank der Standort-Funktion bei Whats App und drei Freundinnen, die den ganzen Abend vor ihren Smartphones saßen und auf Hilferufe von mir warteten, fühlte ich mich halbwegs sicher.

Er entführte mich in eine Raucherbar

Als wir uns dann trafen, kam die erste Ernüchterung, die sich mit etwas Erleichterung gepaart hatte: Er sah definitiv nicht so geheimnisvoll wie auf seinem Tinder-Bild aus, gruselig war er aber auch nicht, dafür strahlten seine Augen genau so blau wie auf dem Bild ... Mein Gefühl sagte mir: Der ist okay. Also folgte ich ihm in eine Bar, die sich auch nicht als Spelunke, in der Menschen verschwinden, herausstellte: Eher so abgefuckte Studentenkneipe mit Sofas und vielen Hipstern, in der man rauchen durfte: WIE WUNDERBAR!

Um ehrlich zu sein, habe ich glaube ich noch nie einen Nichtraucher geratet, weil es mich extrem einschränken würde, wenn der Typ Rauchen als ekelig empfindet. Deshalb habe ich in meinem Tinder-Profil auch extra ein Foto mit einer Zigarette, damit strenge Anti-Raucher sofort abgeschreckt werden!

Niko schien kein Problem damit zu haben: das gab einen Pluspunkt! Wir bestellten unsere Getränke, und ich zündete mir nach ein paar Worten die erste Kippe an, ohne mir auch nur ansatzweise Gedanken darüber zu machen.

Wir plauderten über unsere Heimatstädte, Traumjobs, Ex-Beziehungen und Schamhaare ... Worüber man bei einem ersten Date eben so redet. Mal erzählte er mir etwas Spannendes, mal gab es Strecken, in denen ich mehr über meinen nächsten Aufräum-Marathon nachdachte, als ihm zuzuhören. Was mir sofort auffiel: Er war ein Besserwisser, ohne es besser zu wissen ... FETTER Minuspunkt!

Obwohl Niko in das eine oder andere Fettnäpfchen reinsprang wie ein Labrador in eine Pfütze, versuchte ich, das Positive zu sehen. Auch, weil mir erst vor kurzem eine Freundin geraten hatte, dass ich nicht immer so wählerisch mit meinen Typen sein solle.  

Unser Gespräch entwickelte sich in eine ... interessante Richtung

Also machte ich gute Miene zum bösen Spiel, bestellte mir noch einen Moscow Mule und wehrte mich auch nicht, als er mich das erste Mal an sich zog, um mich zu küssen. Das war gar nicht schlecht, also entschied ich mich dafür, unser Date noch etwas laufen zu lassen.

„Worüber schreibst du eigentlich so?“, wollte er wissen. – „Sex, Beziehungen, Penisse“, sagte ich ganz beiläufig. – „Echt jetzt?“ Er grinste – allerdings nicht schmierig, sondern eher interessiert.

„Ja.“ Das Thema ist mir beim Dating alles andere als angenehm, weil viele Typen glauben, nur weil ich über Sex sprechen, schreiben und Witze machen kann, das gleich ein Freifahrtschein in mein Bett sei ... Aber das ist ein anderes Thema.

„Auch über Fetische?“ Okay, das war normalerweise nicht die Reaktion der Typen, wenn sie zum ersten Mal von meiner Karriere als Sex-Kolumnistin hörten. „Klar, gehört ja auch zum Thema.“ – „Hast du einen?“ Plötzlich war er sehr neugierig.

Ich überlegte kurz: Den meisten Menschen fallen beim Thema Fetisch entweder BDSM-Sex oder Füße ein. Von hartem Sex bin ich definitiv nicht abgeneigt, aber einen Fetisch würde ich das trotzdem nicht nennen. Per definitionem handelt es sich um ein Fetisch, wenn bei einer Person sexuelle Erregung durch Gegenstände, Materialien oder Körperteile ausgelöst wird, die grundsätzlich erst mal nichts mit sexuellen Handlungen zu tun haben. Füße oder Ohren sind nicht im klassischen Sinne Geschlechtsorgane, können eine Person aber extrem anmachen. Auch Textilien wie Latex, Lack oder Leder könne für Befriedigung sorgen ... allerdings nicht bei mir. Den einzigen Fetisch, den ich habe könnte: schöne, große, dicke Penisse.

Meine Antwort auf seine Fetisch-Frage: „Nein, ich würde nichts von dem, worauf ich im Bett stehe, als Fetisch beschreiben.“ Ich blies den Rauch meiner eben angezündeten Zigarette aus meinem Mund. – „Ich schon“, sagte er und lächelte selig. – „Echt? Was denn?“ – „Rauchen. Frauen, die rauchen, sind extrem sexy.“

Ich lachte laut auf. „Haha, das sagst du nur, weil ich hier sitze und eine nach der anderen rauche!“ – „Nein, echt jetzt. Statt Pornos guck ich mir Videos von Frauen an, die Zigaretten rauchen!“

OKAY, WOW! Obwohl ich schon von vielen Fetischen gehört hatte, ein Rauchfetisch war mir bisher noch nie untergekommen. Das überforderte mich jetzt etwas: Einerseits war es für mich ja nur von Vorteil, dass er meine kleine Sucht alles andere als eklig fand, und ich konnte ihn gut verstehen, denn ich finde es bei manchen Frauen und Männern auch extrem sexy, wenn sie Rauchen; allerdings zeigte er mir im nächsten Moment, wie ernst es um seinen Rauchfetisch bestellt war.

Ich kramte mir ein Pfefferminz aus der Handtasche – das war eine absolute Übersprungshandlung – und wollte es gerade einwerfen, als er meine Hand festhielt.

"Niiicht!“ Er hielt mich davon ab. Und jetzt dämmerte es mir: „Stehst du etwa auch auf den Geschmack von Zigarettenrauch?“ – „Ja!“ – „Okay ...“ Die Situation war so skurril und neu für mich, dass ich tatsächlich sprachlos war. Und natürlich wieder ... zur Zigarette griff.

Vom Tinder- zum Fetisch-Date

Er beobachtete mich mit Adleraugen – das fühlte sich jetzt erstmals komisch an. Ich war nicht hier, weil ich Julie, die sexy Tinder-Eroberung war, sondern, weil ich die Frau mit der Zigarette war, die für ihn als fleischgewordener Porno diente.

Sobald ich die Kippe ausgedrückt hatte, griff er nach meinem Hals, zog mich zu sich und gab mir einen Kuss. Der sich erst ganz gut anfühlte: Vielleicht konnte ich ja doch über diesen Fetisch hinwegsehen, es tat mir schließlich nicht weh und kam mir eigentlich nur entgegen.

Aber dann presste er seine Lippen immer fester auf die meinen, und ich konnte nur noch daran denken, dass er mich küsste wie ein Dementor bei Harry Potter: Doch anstatt meine Seele auszusaugen, war er wahrscheinlich einfach nur auf der Jagd nach dem Nikotin, das an meiner Zunge haftete. Das war der Moment, als ich ihn von mir wegdrückte, aufstand, dem Kellner 30 Euro auf den Tresen knallte und ging.

Nach dem Date rief ich völlig hysterisch und aufgekratzt meine beste Freundin an.

„Du glaubst es nicht ... Er hatte einen Rauch-Fetisch! Erst war das ja ganz okay, aber dann hat er mich ausgesaugt wie ein Staubsauger!“ – „Nicht im Ernst?“ – „Doch! Soll ja jeder seinen Fetisch haben, aber es wäre doch schön, vorher davon zu wissen, dass man nur als lebendes Sex-Objekt gilt! Wenn er mich wenigstens gevögelt hätte, aber ihm hat es wahrscheinlich schon gereicht, dass ich mir alle drei Sekunden eine Kippe in den Mund gesteckt habe ...“ Ich war immer noch aufgebracht.

Das Problem an ihm war nicht sein Fetisch – das Problem war, dass er mich einfach ins offene Messer hatte laufen lassen und es wahrscheinlich auch noch geil fand, dass ich nicht mal ansatzweise wusste, wie horny ihn die Situation machte.

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JULIE SUCHT DICH ...

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Quelle: Noizz.de