Kann ich deshalb keine Beziehungen führen?

Unsere Autorin Julie Schmidt schreibt in „SEX VOR NEUN“ über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus.

Die Nummer mit der ausgeprägten Libido

Wahrscheinlich glaubt ihr alle, dass sich mein Leben vor allem um eine Sache dreht: Sex. Wer so aufrichtig über seine Vorliebe fürs Schwänzelutschen schreiben kann, der muss ja eine versaute Aufreißerin sein, der nichts auf dieser ganzen Welt wichtiger ist als die schönste Nebensache der Welt. 

Tja, was soll ich sagen? Es stimmt! Sex ist mir wichtig – ich schreibe nicht nur viel, ich rede auch gerne darüber, vom Sexhaben mal ganz zu schweigen. Es wäre gelogen, wenn ich an dieser Stelle verneinen würde, dass ich gerne mal dreckig und versaut bin. Natürlich stehe ich darauf, wimmernd und stöhnend auf dem Bett zu liegen, wenn er mir an den Haaren zieht und dabei so feste auf den Arsch haut, dass man es noch am anderen Ende der Stadt klatschen hört. Liebe Berliner, das ist kein Sommergewitter – das ist Julie Schmidt, die gerade verdammt guten Sex hat. Sorry, not sorry.

Allerdings bin ich eben nicht nur die versexte Aufreißerin … Irgendwo in mir schlummert eben doch auch ein ganz verletzlicher Teil, der beschützt werden will, der ab und zu mal eine Schulter zum Anlehnen braucht und gerne einfach jemanden hätte, auf den er sich verlassen kann.

Männer sehen in mir nur die Aufreißerin

Leider scheinen das vor allem Männer überhaupt nicht wahrzunehmen: Sowohl potenzielle Sexpartner, Beziehungsmaterial, aber auch Freunde von mir. Erst letztens habe ich mich mit einem Kumpel auf ein Feierabendbier getroffen – er ist in einer Beziehung und kennt von Julie Schmidt eigentlich auch schon etwas mehr als die witzigen Sexgeschichten –, und dennoch verglich er mich an dem Abend mit einer dauerrolligen Katze, die immer auf der Suche nach dem nächsten Fick ist, OBWOHL ich ihm nur wenige Minuten zuvor mein Herz ausgeschüttet hatte. In dem Moment kicherte ich seine Bemerkung weg, ich wusste ja, wie er es meinte, und es ist ja auch nicht so, dass ich meine Rolle als sexy Aufreißerin nicht mag.

Trotzdem ließen mich seine Worte die nächsten Tage nicht mehr los, ich grübelte viel darüber nach und erzählte schlussendlich meiner besten Freundin von diesem Moment ...

"Es ist echt witzig, dass so viele Menschen ihren Fokus bei dir echt nur auf dieses eine Thema legen ...", kommentierte sie, nachdem ich ihr von der Situation erzählt hatte. Vor ihrem inneren Auge sah sie in diesem Moment wahrscheinlich all die Momente, in denen ich heulend neben ihr auf der Couch saß und ihr von meinem Liebeskummer berichtete und nicht die Julie, die sich sexy im Bett räkelt. Denn auch das bin ich – Julie, das größte Liebeskummeropfer aller Zeiten. 

"Ich bin es ja irgendwie selbst schuld, wenn ich jemanden kennenlerne und direkt mit lustigen Lach- und Sachgeschichten aus meinem Bett um mich werfe, dann ist ja irgendwie klar, dass sie dieses Bild von mir haben. Was mich in dem Zusammenhang aber wundert: Dieser Typ kennt mich jetzt schon so lange und trotzdem, kommt er nicht auf die Idee, dass mein Leben aus mehr besteht als aus Sex?!"

"Anscheinend sind die so davon geblendet, dass sie die echte Julie gar nicht mehr sehen", kam meiner besten Freundin jetzt ein Gedanke, mit dem ich mich in den letzten Tagen auch schon rumgeschlagen hatte.

Versaut einem der Sex die Chance auf eine Beziehung?

Natürlich geht es mir hier nicht um den Kommentar meines Kumpels. Ob er mich letzlich als die versexte Julie wahrnimmt oder nicht, ist mir doch völlig egal, solange wir uns gut verstehen und coole Gespräche führen können. Es geht mir viel mehr um die Typen, die ich gerne als Partner in Crime in meinem Leben hätte. Zum Beispiel Linus – ein Typ, den ich vor ein paar Wochen in einer Bar kennengelernt hatte und den ich bis dato ziemlich nice fand. 

Linus und ich waren nach einem ziemlich langen Abend in seinem Bett gelandet, hatten gequatscht und festgestellt, dass wir sehr ähnliche Vorstellung davon hatten, wie sich unser Leben so in Zukunft mal gestalten sollte. Obwohl diese Nacht als Abenteuer anfing, endete sie mit dem Gedanken, dass es sich mit ihm vielleicht sogar lohnen würde, ein viel größeres Abenteuer (um hier jetzt mal das Wort Beziehung zu vermeiden) zu starten.

Leider hatte es einige Tage und viele Gespräche mit meiner besten Freundin gebraucht, um mir das einzugestehen. Denn als mir bewusst wurde, dass Linus ein wirklich cooler Typ war, mit dem ich mir durchaus mehr vorstellen konnte als stumpfen Sex, waren wir schon zum vierten Mal ganz ungezügelt und ohne auch nur einmal das Wort "Gefühle" in den Mund zu nehmen (dafür hatte ich lieber etwas anderes in meinen Mund genommen) miteinander in der Kiste gelandet.

Eine Zwickmühle: Denn Linus kannte nur die sexy Aufreißer-Julie, nicht aber die Frau, die auch noch ganz andere Facetten hatte. Und jetzt mal ehrlich: Wie realistisch ist es, dass ein Typen mit dem man schon mehrmals in der Kiste gelandet ist, sich freiwillig Gedanken darüber macht, dass hinter dieser sexy Perle vielleicht auch noch etwas mehr steckt?!

Dass diese Fantasie von der versexten Aufreißerin ein großes Problem bei meiner Suche nach einer Beziehung darstellt, ist mir erst während des Gespräches mit meiner besten Freundin bewusst geworden. Im Gegensatz zu mir hat sie nämlich noch echte Dates ... so ganz ohne Sex.

"Wie war dein Date?", fragte ich sie, als wir nach kurzer Diskussion über mein Image und zwei Gläsern Aperol immer noch in der Abendsonne saßen.

Sie zögerte kurz: "Puh, es war echt ganz … süß. Aber der hat halt Bock auf eine Beziehung, und das passt mir ja eigentlich nicht so gut – ich wollte bloß ein bisschen Spaß haben."

"Das ist doch verrückt! Jetzt willst du einmal einfach nur vögeln und dann kommt wieder ein Typ, der unbedingt eine Beziehung will."

"Ja, es nervt! Ich dachte, das könnte etwas Lockeres werden", seufzte sie.

"Gut, dass man immer das kriegt, was man gerade nicht gebrauchen kann. Ich verstehe nicht, wieso die bei mir nie auf die Idee kommen, vielleicht doch mal etwas Festes auszuprobieren", lachte ich.

Meine Freundin intervenierte: "Na ja, es bringt mich ja auch nicht weiter. Die haben Erwartungen an mich, die ich sowieso nicht erfüllen kann. Letztendlich trennen sie sich ja dann doch wieder von mir."

"Warum sind Männer so? Das ist doch verrückt: Bei mir denken sie immer, dass ich der Teufel höchstpersönlich bin und bei dir, dass du der Unschuldsengel bist", ich zuckte ratlos mit den Schultern und zündete mir eine Zigarette an.

"Dabei sind wir einfach nur zwei ganz normale Frauen, die sich an einem Sonntagabend betrinken", lachte meine beste Freundin und prostete mir zu.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich noch etwas über unser Gespräch nach: Oberflächlich betrachtet passte der Vergleich von Engel und Teufel – das lag nicht nur daran, dass meine beste Freundin blond und ich brünett war.

Wir regten in den Köpfen der Typen zwei völlig unterschiedliche Fantasien an. Mit meinem selbstbewussten Auftreten, dem derben Humor und dem offenen Umgang mit meiner Sexualität war ich die verruchte Fantasie einer Frau für den besten Sex ihres Lebens. Blöd nur, dass diese Fantasie eben eher so FSK18 und weniger so Geburtstagsbrunch mit Schwiegermutti war.

Wenn ich durch einen Raum stolziere, schwirrt ein Hauch von Sex um mich herum wie eine Parfümwolke – das weiß ich inzwischen, dafür kann ich aber auch nichts. Da kann ich mir auch noch so schicke Blusen oder unschuldige weiße Kleidchen anziehen – der Sex ist mein ständiger Begleiter. Und das ist auch okay so, denn manchmal ist es mein größter Vorteil, in anderen Situationen eben mein größter Feind.

Meine Vagina spielt gegen mich

Für viele Männer macht eben diese Sexwolke, die Vorstellung etwas Ernstes mit mir anzufangen, einfach unrealistisch. Vielleicht sollte ich einfach mal eine Stufe runterfahren und nach so einer durchzechten Nacht wie er mit Linus eben nicht mit ihm nach Hause gehen, auch wenn meine Vagina meinen Slip schon zu einem Planschbecken verwandelt hat und ich absolut Bock auf eine Nummer mit ihm habe.

Wenn mir das mein Männerproblem löst, bin ich durchaus bereit das mal auszuprobieren. Deshalb machte ich auf dem Rückweg einen Pakt mit mir aus: "Liebe Vagina, halt dich im Zaum. Beim nächsten Mal wirst du dich so lange mit deinem Verlangen nach Sex zurückhalten, bis er auch mal die Chance bekommen hat, eine andere Facette von Julie kennenzulernen!"

Leider stellte das Schicksal mein beschissenes Versprechen direkt am nächsten Tag auf die Probe: Völlig unverhofft rannte ich vor dem Fitnessstudio in genau den Typen rein, der eigentlich der Grund dafür war, dass ich mir dieses verkackte Versprechen überhaupt gegeben hatte – Linus.

Als ich sah, wie er von weitem auf mich zu schlenderte, war es nicht mein Herz, das auf der Stelle anfing, Saltos zu schlagen, sondern meine Vagina. Vor mein inneres Auge spielte sich plötzlich ein Film ab …

Ich sah ihn, wie er mich an sich zog, die Hände an meinen Hals legte und mir einen Kuss auf die Lippen drückte. Ich sah, wie er vor mir auf dem Bett saß und grinste, als ich zwischen seine Beine verschwand. Ich fühlte das Prickeln, das seine Berührungen auf meiner nackten Haut hinterließen. Wie er mich gegen den Küchentisch drückte und meinen Kopf an den Haaren zurückzog. Der Geruch seines Duschgels vernebelte mein Gehirn. Seine Hände auf meinem Rücken, das Pulsieren zwischen meinen Beinen, das jedes Mal anfing, sobald meine Vagina einen Ständer auch nur ansatzweise auf dem Radar hatte. Seine Zunge, die an meinem Hals entlang streifte und spürte das Toben der Glückshormone in meinem Bauch …

Ich ließ mich auf einen Kampf gegen mich selbst ein

Es war ein freundliches "Hey", das mich aus meiner wilden Sex-Fantasie rausriss. Ich schnappte nach Luft – die Fantasie war ja das eine, aber das er jetzt auch noch genau vor mir stand, gab mir nun den Rest.

Ich lächelte verlegen: "Hey…" Tatsächlich bekam ich, Julie Schmidt, die Frau mit der größten Klappe aller Zeiten, in diesem Moment nichts Weiteres raus, als ein eintöniges "Hey".

"Wir sehen uns", zwinkerte er mir zu, streifte dabei kurz meinen Arm und eilte dann zur Bahn.

Ich nickte. Und merkte erst im nächsten Moment, wie scharf mich die Vorstellung, die mir eben den Moment versaut hatte, eigentlich gemacht hatte. Meine Vagina versuchte sich in diesem Moment als Profiboxtrainerin – sie schrie mich förmlich an, dass ich ihm doch jetzt bitte einfach folgen, ihn aufhalten und in die nächste stille Ecke ziehen sollte. Aber ich blieb standhaft, drehte mich um und ging ins Fitnessstudio.

Nach einer Runde auf dem Laufband, 302 verbrannten Kalorien, intensivem Beintraining und einer Session aggressivem, lautem Deutschrap hatte sich der Sturm, der in meinem Unterleib fegte, immer noch nicht gelegt. "Bock auf ‘ne Nummer?", hatte ich schneller getippt und noch schneller abgeschickt, als es mir lieb war.

Scheiße. Ich hatte den Kampf gegen meine Libido verloren: Meine Vagina war einfach eine miese Verräterin! Sie verriet mir nämlich, dass ich noch so sehr versuchen konnte, die unschuldige Julie zu spielen ... ich war es einfach nicht. Und da mussten die Typen eben mit klarkommen.

Deine Sex-Fragen

Übrigens: Wenn du mir Fragen zum Thema Sex stellen willst, kannst du das jederzeit machen – und zwar komplett anonym! Schreib mir dazu einfach eine Message auf Tellonym. Oder folge mir auch gerne bei Instagram. Die besten Fragen beantworte ich in den nächsten Woche auf NOIZZ!

Quelle: Noizz.de