Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Autorin Julie Schmidt schreibt in "SEX VOR NEUN" über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus. Übrigens: Folg Julie Schmidt doch auch bei Instagram: @sex.vor.neun.

Die Nummer mit dem anderen Typen

Ich bin eigentlich ein sehr ehrlicher Mensch. Ich finde es zum Beispiel absolut dämlich, wenn man sich für andere Menschen verstellt, wenn man sich nicht traut, so zu sein, wie man eben ist, weil man Angst davor hat, nicht gemocht zu werden. Schon seit den frühen Tagen meiner Pubertät lebe ich eigentlich frei nach dem Motto: "Wer mich nicht mag wie ich bin, kann mich mal."

Bis vor kurzem habe ich mir selbst auch immer eingeredet, dass ich diese Ehrlichkeit in allen Lebensbereichen durchziehe. Bis mir in einem Gespräch mit einer Freundin klar geworden ist, dass ich mich in Bezug auf Männer dann doch manchmal sehr konträr zu diesem Motto verhalte.

Ich bin nicht die Frau, die sich morgens nach dem Aufwachen ins Bad schleicht, weil sie sich ihrem Typen nur geschminkt präsentieren will, ich bin auch nicht die, die zu allem Ja und Amen sagt, ich bin nicht die graue Maus, die sich anbiedert und mit großen Augen den starken Mann bewundert. Aber ich traue mich tatsächlich sehr häufig nicht, einem Typen meine wahren Gefühle zu offenbaren. Liegt vermutlich daran, dass ich große Angst davor habe, dass er es nicht erwidern oder sich über mich lustig machen könnte. An dieser Stelle möchte mein 13-jähriges Ich noch mal Grüße an die Jungs aus der 7D richten, die meinen ersten echten Liebesbrief durch die Reihen gereicht haben als wären es die Lösungen für die nächste Mathe-Arbeit.

Statt geradeheraus zu sagen, was ich fühle, rutsche ich für Typen auch gerne mal auf die Wartebank und denke mir insgeheim: "Lass ihn mal machen, irgendwann kommt er schon zur Besinnung und erkennt, dass Julie eben doch in Wirklichkeit die einzig korrekte Frau in seinem ganzen Universum ist und dass er nur sie haben will."

Ich will jetzt nicht arrogant klingen, aber ich bin fest davon überzeugt, dass ich für jeden Mann ein großer Gewinn bin. Ich trage mein Herz am rechten Fleck, manchmal auch auf der Zunge, bin herzlich, spontan, emotional, liebevoll und auf eine komplizierte Art ziemlich unkompliziert.

"Weißt du, es könnte alles so chillig sein mit mir, aber irgendwie schnallen die Typen das nicht“, erklärte ich vor Kurzem meiner Freundin bei einem Glas Weißweinschorle.

Denn im Gegensatz zu vielen anderen Frauen erwarte ich von einem Typen eigentlich nicht so viel: Ich will einfach nur (mindestens) zweimal die Woche gevögelt werden, mit ihm lachen können, und wenn wir zusammen sind, einfach so tun, als würde die Zeit stehen bleiben. Ich erwarte nicht, dass er sich alle drei Sekunden meldet, ich will ihm nichts vorschreiben müssen, ich will kein Theater veranstalten müssen, wenn er beruflich oder mit seinen Jungs mal unterwegs ist, und gleichzeitig erwarte ich von ihm auch, dass er darauf klar kommt, dass mir sowohl mein Job, als auch meine Familie und Freunde extrem wichtig sind. Viel mehr will ich eigentlich nicht, und wenn wir jetzt mal ehrlich sind, dann kann das ja wohl nicht zu viel verlangt sein, oder?

"Ja, aber das wollen die nicht. Die wollen es lieber kompliziert", seufzte meine Freundin, nachdem sie einen Zug von ihrer Zigarette genommen hatte.

"Warum sind die so?", fragte ich sie und zog meine Schultern nach oben. Jetzt mal ganz ehrlich: Aus dem Teenie-Alter sind wir langsam raus, da hat man doch keine Lust mehr auf dieses Hin und Her, sondern will einfach nur einen Partner, dessen Kindheitstraumata irgendwie kompatibel zu seinen eigenen sind, damit er seinen Bullshit nicht auf einen projiziert.

In Beziehungen werden wir wieder zu Steinzeit-Menschen

"Keine Ahnung, vermutlich kommt dann der Steinzeit-Jäger wieder aus ihnen raus", sagte meine Freundin, worauf ich anfing zu lachen, weil ich mir vorstellte, wie sich die Männer um uns herum plötzlich in halbnackte, nur mit einem Lendenschurz aus Mammutfell bekleidete Jäger verwandelten, die sich wie ein wilder Gorilla auf die Brust trommelten, bevor sie sich einfach eine Frau schnappten, sie über die Schulter schmissen und dann mit ihr davon rannten.

"Aber irgendwie ist es doch dämlich, dass man es ihnen unnötig kompliziert machen muss, nur damit ihre Triebe befriedigt werden", warf ich nach meinem kurzen Ausflug in diese Steinzeit-Fantasie ein.

"Wem sagst du das? Ich hab da auch keine Lust drauf, ich will den doch nichts vorspielen, was ich nicht bin", sagte meine Freundin jetzt, worauf ich nickte und das Thema wechselte.

Der Gedanke an die Steinzeit-Theorie lässt mich seitdem trotzdem nicht mehr los. Wenn Männer eine Frau entdecken, die sie richtig toll finden, wollen sie sich am Anfang extrem ins Zeug legen, bis sie sich sicher sind, dass sie jetzt ihnen "gehört", um dann ihr wahres Ich zu zeigen, das in den seltensten Fällen so engagiert, romantisch und charmant ist, sondern viel lieber die Zahnpasta-Tube offen und die Socken auf dem Tisch liegen lässt.

Bei Frauen ist das genau anders: Sie gehen anfangs erst mal auf Abstand und testen aus, ob der Typ zu ihnen passen könnte, hat er diese Phase überstanden, fangen sie an, Gefühle zuzulassen und bemühen sich dann um einen Typen, der plötzlich so gar nicht mehr wie der Kerl vom Anfang des Flirts ist und ihnen im schlimmsten Fall die Aufmerksamkeit entzieht.

Tja, dieses ungeschriebene Gesetz bringt Frau natürlich in eine ziemlich beschissene Situation. In der ich mich schon ziemlich oft wiedergefunden habe und auf die ich ehrlich gesagt keinen Bock mehr habe. Denn meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich mich natürlich auf dieses Theater einlassen kann, es aber langfristig absolut nichts bringt ...

Er dachte, dass ich einen anderen habe

Es wird euch nicht überraschen, dass es ausgerechnet Basti war, bei dem ich mich mal auf so ein Spielchen eingelassen habe. Sein ständiges Hin und Her und die dauerhafte Unsicherheit, was unsere Beziehung anbelangte, verleitete mich irgendwann dazu, mit seinen Waffen zu kämpfen.

Er hatte mir mal wieder erzählt, dass es ihm mit uns gerade nicht passen würde, weshalb ich anfing, einen Fick auf ihn zu geben, und das einzig Richtige zu tun, was frau in so einer Situation tun kann: Ich schmiss Tinder an. Wenn er nicht wollte, irgendein anderer würde es schon tun ... auch wenn er nicht mein Basti war.

Also tinderte ich halbherzig drauf los, vermutlich auch, um mir selbst zu beweisen, dass Basti nicht der einzige tolle Hecht im Männerteich war. Ich matchte und matchte und matchte, bis irgendwann ein Typ mit braunen Locken und ziemlich durchtrainiertem Sixpack auf meinem Display erschien, Swipe nach rechts, Match.

So trat Lukas in mein Leben. Wir schrieben einige Abende hin und her, verstanden uns ganz gut: Er war nett, zuvorkommend und ziemlich begeistert von mir ... aber er war eben nicht Basti. Ich war noch nicht ganz überzeugt, ließ mich aber trotzdem auf einen Kaffee einladen. Das Date verlief mittelmäßig gut, was aber hauptsächlich daran lag, dass ich eigentlich viel lieber mit Basti dort in dem kleinen Café gesessen hätte. Trotzdem ließ ich unseren Kontakt nicht einschlafen, weil ich Lukas eine Chance geben wollte.

Dann kam der Moment an einem Novembertag, als Bastis Name, nach zwei Wochen ohne Kontakt, plötzlich wieder auf meinem Display erschien.

"Geht's dir gut?", stand in der Nachricht. Ich grinste. Ja, mir ging es sogar sehr gut. Nicht nur, weil er mir schrieb, sondern, weil alles andere auch ziemlich rund lief.

"Ja, und dir?"

"Ach ... geht so. Läuft alles nicht so, mir fehlt irgendwie was ..." Als ich diese Worte las, breitete sich ein wohliges Kribbeln in meiner Magengegend aus. Das ließ ich mir anhand meiner Nachrichten aber nicht anmerken.

"Aha. Und was?"

"Keine Ahnung. Irgendwie läuft es gerade einfach nicht so. Wie läuft es denn bei dir? Was machen die Männer?", schrieb er sehr interessiert zurück. Ich hatte ziemlich schnell geschnallt, was er hier gerade versuchte und überlegte, ob ich ihm jetzt von Lukas, den ich ja eigentlich gar nicht sooo toll fand, erzählen sollte oder nicht.

"Läuft alles sehr gut", entschied ich mich dazu, die Antwort erst mal offen zu lassen.

Es dauerte keine drei Sekunden, bis er schrieb: "Hast du jemanden kennengelernt?"

Tja. Ja, eigentlich hatte ich jemanden kennengelernt, dass ich während unseres Dates aber nur an Basti gedacht hatte, wollte ich ihm dann aber doch nicht stecken.

"Ja", antwortete ich also sehr knapp.

"Ist das was Ernstes?", fragte er mich. In meinen Gedanken schrie ich ein lautes: "Nein, natürlich nicht, du Idiot! Ich will doch bloß dich." Allerdings entschied ich mich in unserem Gespräch für eine andere Variante. Nicht weil ich dabei etwas in Basti auslösen wollte, sondern weil ich mir nicht wieder die Blöße geben wollte, ihm zu sagen, dass mein Herz immer noch an ihm hing und vermutlich auch für immer hängen würde.

"Ja, könnte schon etwas Ernsteres werden. :)"

Ich beobachtete, wie etwa drei Minuten lang "Basti schreibt ..." angezeigt wurde, das Ergebnis war ein: "Wow, echt?"

In dem Moment fing ich an zu lachen und wünschte mir sehnlichst, jetzt sofort all die Worte lesen zu können, die er anscheinend vorher sehr eifrig in sein Handy getippt hatte.

"Ja."

"Dann sollten wir vielleicht noch mal einen echten Abschiedsfick haben, oder?", war die nächste Nachricht die folgte. Ich grinste. Dass sich unser Gespräch so entwickelte, davon war ich nicht ausgegangen.

Tja, ihr könnt euch denken, was passiert ist. Noch am gleichen Abend stand ich mit breitem Grinsen vor seiner Tür. Er lächelte, als er mich sah. Dann schloss er mich in seine Arme, nahm mein Gesicht in seine Hände und drückte mir einen Kuss auf die Lippen. Danach landeten wir in der Kiste, zu meinem Erfreuen jagte er mir einen Orgasmus nach dem nächsten durch den Körper und kuschelte sich nach dem Sex wie ein Hund bei Gewitter an mich.

In diesem Moment dachte ich mir: Wow, wie einfach es doch manchmal ist. Die Lösung für unser Beziehungsdrama war es dennoch nicht. Denn auch wenn mein Verhalten seinen Jagdinstinkt weckte, fühlte ich mich langfristig eben doch viel wohler mit meinem Wartebank-Verhalten. Und das brach mir leider irgendwann mein Genick, aber das erzähle ich euch dann in der nächsten Kolumne ...

Deine Sex-Fragen

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Quelle: Noizz.de