Ein Besuch in der Sauna zeigt uns unverhohlen die Realität: Dellen im Po, Haare am Rücken, hängende Busen. Wer viel auf Social Media abhängt, kann bei einem Thermenbesuch vor nackte Tatsachen gestellt werden. Im Gegensatz zu der Welt auf Instagram ist die textilfreie Zone echt, ehrlich – und gut für unser Selbstbewusstsein.

Stell dir vor, du fährst U-Bahn und alle sind nackt. Eine unangenehme Situation? Dabei unterscheidet sie sich kaum von dem, was wir unter Wellness verstehen: viele schwitzende Menschen auf engem Raum. Die Sauna ist ein Ort des Ausnahmezustandes. Das Berghain für Spießer. Überall sind Penisse, Popos und Brüste zu sehen. Wer ein paar Stunden in der "textilfreien Zone" verbringen möchte, der bekommt eine geballte Ladung Nacktheit vor die Augen geknallt. Alles natürlich. Alles unzensiert. Alles – so wunderschön real?

Was ist eigentlich normal?

Einen Saunabesuch habe ich mir das letzte Mal vor der Pandemie gegönnt. Der Anblick von vielen fremden, nackten Menschen auf einem Haufen ist somit lange her. Mein Instagram-Konsum hat sich seitdem erhöht, mein Selbstbewusstsein ist gesunken. Ich bin nun wie einer der Menschen in Platons Höhlengleichnis. Ich war längere Zeit von der Außenwelt abgeschottet und habe das, was mir jeden Tag angezeigt wurde, als Realität wahrgenommen: Außergewöhnlich schöne Frauen und Männer, die sich in Szene setzen und ihre Fotos mit Filtern bearbeiten.

Normal ist für uns das, was wir kennen. Mein Spiegelbild passte nach mehreren Tagen und Stunden am Smartphone nicht mehr in diese Norm. Ich empfand meinen Körper zwar nicht hässlich, aber auch nicht schön. Er war anders.

Wenn man sich selbst im Spiegel betrachtet und unsicher ist

Wer Platons Gleichnis kennt, weiß: Als die Menschen aus ihrer Höhle klettern, merken sie, dass ihnen etwas vorgegaukelt wurde. Auch ich verließ vor wenigen Tagen meine Social-Media-Welt und schlenderte mit Badelatschen in die Therme. Die Erkenntnis: Überraschung, die Wirklichkeit sieht anders aus als auf Social Media. Die Wirklichkeit sitzt mit ihrem nackten Körper vor mir und schwitzt.

Die nackte, baumelnde Wahrheit

Was ich sah, waren Hängebusen, Dellen im Po, Haare am Rücken und aufgeblähte Bäuche. Bäuche, die weder angespannt noch eingezogen waren. Bäuche, die Falten schlagen, wenn man sich im Sitzen nach vorne bückt. Die Nippel waren nicht steif und sexy, wie wir es von Erotikcovern kennen, sie waren groß und flach. Die Penisse der Männer standen nicht stramm wie Soldaten, sie baumelten vor sich hin. Die Frauen hatten sich nicht geschminkt, ihre Haare zu einem zotteligen Dutt geknotet. Trotzdem wirkten sie für mich genauso schön wie die Frauen, die abends in feinen Kleidern ausgehen. Empfinde ich das Gleiche bei mir? Bin ich in der Sauna genauso schön wie bei einem Dinner-Date im Restaurant? Auf keinen Fall!

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Manchmal schaue ich in den Spiegel oder in die Frontkamera und würde am liebsten "ach du heilige Scheiße" brüllen. Dann setze ich noch einen drauf, forme meinen Hals zu einem Doppelkinn und grinse dämlich. Warum? Um dem Ganzen einen drauf zu setzen, über mich zu lachen und mich nicht so ernst zu nehmen.

Wenn ich aber einen guten Tag habe, mir dazu noch meine Wimpern tusche, ein Kleid überwerfe, die Brüste in den BH quetsche und dann bei Sonnenuntergangslicht ein Selfie mache – ja, dann erkenne ich mich manchmal nicht mehr wieder, so hübsch sehe ich da aus. Und welches "Ich" poste ich auf Instagram? Mein fabelhaftes Ich, richtig.

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Hinter jedem perfekten Selfie stecken 30 beschissene Fotos

An dieser Stelle eine Notiz an mich selbst: Das machen fast alle so. Was wir auf Social Media, Tinder und im ganzen World-Wide-Web sehen, ist das Best-of unserer selbst. Eine Kuration aus Hunderten Fotos, von denen nur die allergeilsten im Netz landen. Dabei stecken hinter jedem beneidenswerten Selfie 30 andere, auf denen man so richtig scheiße aussieht.

Das Problem: Wir vergleichen. Was wir zum Vergleichen haben, ist aber meist nur die perfekte Version der anderen. Wenn ich eine schöne Frau auf Instagram sehe und mich dann im Spiegel anschaue, würde ich mir am liebsten ein neues (schöneres) Gesicht bestellen. Bei Amazon Prime mit dem 24 Stunden Expressversand.

Wenn ich mich aber mit anderen Leuten in der Sauna vergleiche, fühle ich mich wohl. Nicht, weil sie weniger schön sind. Weil ich sehe, dass jeder Körper anders aussieht und jede*r irgendeinen Makel hat. Ich erkenne, dass es nicht nur eine Form und Norm gibt, die für "schön" wahrgenommen wird.

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Ein schönes Beispiel für Realität auf Instagram an dieser Stelle ist "Novalanalove Fails", ein Account von Farina Opuku mit dem ein oder anderen "normalen" Foto und Video, wie sie jeder von uns kennt:

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Hört auf, euch zu vergleichen!

Wir müssen aufhören, uns mit anderen zu vergleichen. Ich vergleiche sogar mich selbst, mein hässliches "Ups-Front-Kamera-An"-Ich mit meinem schönen "Selfie-Bei-Sonnenuntergang"-Ich. Dabei bin ich beides gleichermaßen. In der Sauna werde ich mir aber dessen, mir selbst, bewusster – und das sorgt für Stolz.

Sauna ist die nackte Wahrheit. Unzensiert. Ungestellt. Ungeschminkt. Ehrlich. Natürlich. Unser Leben sollte auch abseits der "textilfreien Zone" ein wenig mehr Sauna sein. Hängt weniger auf Social Media ab, geht ins heiße Dampfbad und lasst eure Popos und Brüste baumeln! Um ein wenig den Hippie raushängen zu lassen: Wir sind alle wunderschön – nackt und angezogen.

Behaltet eure Klamotten in der U-Bahn beim nächsten Mal trotzdem an. Danke.

  • Quelle:
  • NOIZZ