Spoiler: Netflix, Partys und Drogen schon mal nicht.

Bewegungsunfähigkeit, Unsicherheit, Angst, Verwirrung: Das sind die Gefühle, die ich im Alter von 23 und 24 Jahren empfunden habe. Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, kommt sie mir fern vor. Wie ein anderes Universum, in dem ich jemand anderes war, eine Maske trug – nicht ich selbst war.

Ich war am Studieren, habe nebenbei gearbeitet und an den Wochenenden – ach, was sag' ich da: wann immer es ging – war ich in Clubs unterwegs. Das war mein Leben, und ich hatte vermeintlich eine Menge Spaß.

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Mein Leben klang so fancy – war es aber nicht

Ich dachte, dass das cool sei: Feiern gehen, am nächsten Tag verkatert einkaufen und die Kreditkarte zum Glühen bringen. Am darauffolgenden Abend saß ich dann wieder in einer Bar. In neuen Klamotten. In dieser Zeit umgab ich mich mit Leuten, die dasselbe Mindset hatten: Feiern, Shoppen. Mehr nicht.

Unsere Instagram-Stories sahen aus wie eine einzige große Party.

Das eine Wochenende in Paris, dann in Mailand oder Nizza. Zwischenstopps im Nikki Beach in Monaco – Champagnerpartys, Shoppingtouren und Mietwagen inklusive. Das klingt wahnsinnig fancy, war es aber eigentlich nicht. Ich war traurig. Ich dachte, ich müsste so jemand sein, um irgendwie gemocht zu werden – oder dass mich Menschen nur so attraktiv finden könnten. Ich habe lange Zeit geglaubt, nur so den Partner fürs Leben zu finden. Wenn ich mich nur genug anstrengen oder gut genug aussehen würde.

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Wer kennt dieses Hollywoodbild nicht: Der Protagonist läuft in eine Bar oder einen Club, und – boom! – da ist er. Der eine Mensch, der dich rettet, mit dem du eine direkte Verbindung fühlst. Funken sprühen, die Welt außen rum scheint zu verschwinden. Fabulous! So war es aber nicht. Ich war meinem Dispo näher als an meinen eigentlichen Gefühlen und Wünschen. Geschweige denn einem anderen Menschen. Ich mochte mich selbst nicht: dieses aufgesetzte Ich, das immer versuchte, ein Scheinbild zu kreieren. Das versuchte, Insta perfect zu sein.

Et voilà: Willkommen in der Quarterlife-Crisis.

Du bist durch die genannten Informationen jetzt sicher verwirrt und fragst dich: Was will der Autor mir eigentlich sagen? Tja, genau das: Ich war verwirrt. Ich steckte in einer Krise. Der sogenannten Quarterlife-Crisis.

„Krisen durchläuft jeder im Leben“, erklärt mir der Psychotherapeut Kevin Hall aus Wien am Telefon. Diese häufen sich besonders, so Hall, wenn eine Person sich im Übergang zu einer neuen Lebensphase befindet, also starke Veränderungen durchmacht. Das passiert zum Beispiel im Alter von zwölf Jahren (der Körper verändert sich), mit 18 (Studium, Ausbildung, Auszug bei den Eltern, neue Stadt), 25 (Beendigung des Studiums, erster Job) oder 40 (Midlife-Crisis!). Auch wenn die Eltern sich trennen oder man selbst eine Trennung durchmacht, kann es zu einer Krise kommen.

„Die Quarterlife-Crisis als solche kann ich jedoch nicht diagnostizieren“, erklärt der Psychotherapeut. Der Grund dafür ist, dass diese Krise mehr ein Phänomen unserer Zeit ist als eine Krankheit. Die Gegenwart stellt andere Anforderungen als das Leben vor 100 Jahren. Menschen widmen sich Aufgaben, die verschiedene Problematiken mit sich bringen. „Es ist ja keine Erkältung, die ich an bestimmten Symptomen festmachen kann.“ Eine Krise kann sich auf verschiedenste Arten äußern.

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Während man vor 100 Jahren nicht so viele Optionen hatte, sieht das heute anders aus. Was möchte ich studieren? Wer bin ich? Wo möchte ich hin? Und wer kennt das nicht: Man sitzt an seinem Arbeitsplatz, geht seiner Tätigkeit nach und hält einen Moment lang inne. Die Frage, der man immer wieder versucht, aus dem Weg zu gehen, überkommt einen. Was mache ich hier eigentlich? Wozu mache ich das? Hat das überhaupt einen Sinn?

Was sind die Ursachen für solche Krisen?

Mit diesen Fragen muss sich jeder Mensch zu bestimmten Zeitpunkten in seinem Leben auseinandersetzen. Manche intensiver als andere. Besonders aber zu Zeitpunkten, zu denen Veränderungen bevorstehen.

Wie stark sich eine Krise auf den Betroffenen auswirkt – wie verloren, antriebslos, verängstigt er sich fühlt – hängt von vielerlei Faktoren ab. Kurz vor der Beendigung meines Studiums, auf der Suche nach Stabilität, habe ich mich zum Beispiel verloren. Partys, Dates, Shoppen, Essen waren tolle Ablenkungsmöglichkeiten. Ablenkung von einem Fakt: Ich fühlte mich unsicher, verloren und hilflos.

„Die sozialen Medien, Unruhen in der Welt … dies können auch Krisenfaktoren sein“, erklärt Psychotherapeut Kevin Hall. Weiter gibt er drei Punkte, an denen man die Gefahren für eine Krise ausmachen kann:

  1. Wenig Stabilität im Leben: Traumatisierende Erfahrungen in der Familie und ein fehlendes emotionales Sicherheitsnetz können die Anfälligkeit und Verletzlichkeit einer Person erhöhen.
  2. Ein zu leichtes Leben: Jemand, der nie Unbequemlichkeiten in seinem Leben überwinden musste, wird in der Realität ein Problem bekommen. Zum Beispiel ein Kind, das von den Eltern verhätschelt wurde, alles abgenommen bekommen hat. Wenn dieses Kind auszieht, ein eigenes Leben startet, wird es mit Enttäuschungen, Konfrontationen und Frustration umgehen müssen. Blöd nur, wenn es das nie gelernt hat. Solche Emotionen können schnell überwältigend wirken.
  3. Drogen- und Alkoholkonsum: Hierzu sagt Kevin Hall: „Nicht besonders stabilisierend.“ Stimmt wohl.

Wie kann ich Krisen vermeiden?

Natürlich, so Hall, gibt es auch Möglichkeiten, sich zu stabilisieren und Krisen entgegenzuwirken. „Hobbys sind gut“, sagt er. „Sport, Lesen, gemeinschaftliche Aktivitäten.“ Schwer hat es natürlich jemand, der auch nie gelernt hat, Hobbys und Kontakte zu pflegen. „Netflix ist übrigens keine gesunde Ablenkung. Partys und Drogen auch nicht“, sagt Hall. Das sei destruktive Abklenkung. Konstruktive Ablenkung hingegen sind aufrichtige Beziehungen: Intimität herzustellen, sich einem anderen Menschen anzuvertrauen.

Krisen können als Chance gesehen werden.

Neben Hobbys können auch ausgedehnte Spaziergänge helfen und, sich mal eine Auszeit zu nehmen – von destruktiver Ablenkung. Oder auf sich selbst zu hören. Die Modedesignerin Vivienne Westwood hat mal gesagt: „Die Zeit, in der wir leben, diese Non-stop-Ablenkung, macht es für die junge Generation unmöglich, Neugierde oder Disziplin zu entwickeln – denn man muss allein sein, um irgendetwas herauszufinden.“

Letzten Endes, diese Erfahrung habe ich auch gemacht, können Krisen tatsächlich – wie es im Berater-Sprech so schön heißt – als Chancen gesehen werden. Immerhin steckt hinter den Schwächen und Ängsten auch ein enormes Wachstumspotenzial. Und Ängste verraten uns in der Regel genau eines: wer wir sind und was wir wollen.

Quelle: Noizz.de