Sie waren unser Paradies auf Erden: Pokémonkarten. Doch die verlorenen Schätze unserer Kindheit begnügen sich heute nicht damit, als glitzernde Erinnerungen für Nostalgie und Tränen in unseren End-Zwanziger-Augen zu sorgen. Mittlerweile sind sie hunderttausende Euro wert – und ein eigener Investmentmarkt. Der Weg vom Schulhof-Glurak zur 200.000-Euro-Wertanlage.

Ende der 90er auf irgendeinem x-beliebigen Schulhof in Deutschland. Sechs oder sieben Drittklässler*innen drängen sich in der Pause Kopf an Kopf um ein paar schimmernde Pappkarten. Jedes Kind hat seinen eigenen lädierten, zerkratzten, zerknitterten Stapel in der Hand, buhlt und feilscht komplett überdreht um die Karten der anderen. Einer hat einen roten Drachen – Glurak, 1. Edition – die beste Karte, alle wollen Glurak.

Wer vor 20 Jahren selber zwischen acht und 18 Jahren alt war, der war dabei, kennt das unfassbare Gefühl, eine schimmernde Karte aus einem Booster Pokémonkarten zu ziehen. Kennt die viel zu kurzen Pausen auf dem Schulhof, hat gut und schlecht getauscht und vielleicht sogar mal selbst ein Glurak besessen.

Während unsere Eltern schon daran gescheitert sind, "Pokémon" halbwegs korrekt auszusprechen ("Der Junge spielt ja nur noch Pokkamon!"), war die Welt von Ash Ketchum, die Blaue und Rote Gameboy-Edition und das Sammelkartenspiel unser Paradies auf Erden.

Und wer hätte gedacht, dass sich erst jetzt, 20 Jahre später, zeigen soll, was für ein unfassbarer Reichtum damals tatsächlich täglich von unseren dreckigen Schulkindfingern begrapscht wurde. Pokémonkarten sind heute ein eigener Investmentmarkt, und wer sein Handwerk versteht, kann mit Ihnen Millionen scheffeln.

Vom glitzernden Glurak der Drittklässler*innen zur eingeschweißten 200.000-Euro-Anlage: Das ist die Geschichte der Pokémon-Karten.

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Leonhart ist YouTuber und Pokémonkartensammler. Er kauft für Unsummen alte Editionen, die schon ewig nicht mehr produziert werden, packt sie vor laufender Kamera aus und zieht im Tagesrhythmus rechteckige Pappkärtchen aus den alten Plastikverpackungen, die er entweder selber sammelt oder für gigantische Geldbeträge an andere Sammler*innen verkauft.

Mit über einer Million Abos auf YouTube ist er zwar der größte Sammler, aber bei Weitem nicht der Einzige. Er ist Aushängeschild einer eigenen Börse, die gerade den Boom ihres Lebens erfährt.

Millionär*in werden mit Pokémonkarten: So funktioniert das Game

Pokémonkarten-Sammlen folgt den gleichen Prinzipien wie das Investment in Aktien und die Spielregeln sind einfach. Regelmäßig kommen neue Editionen mit neuen Karten raus. Manche werden mehr gekauft, manche weniger, und nach einiger Zeit werden sie wieder aus der Produktion genommen. Damit gibt es ein begrenztes Kontingent jeder einzelnen Karte. Je älter die Karten, desto weniger gibt es in der Gegenwart davon, und je seltener eine Karte, desto teurer. Bestimmte Pokémon sind zudem besonders beliebt, zum Beispiel: Glurak, der Heilige Gral der Pokémonkarten, und das in jeder einzelnen Edition.

Der Moment, wenn du ein Glurak ziehst, das über 50.000 Dollar wert ist – Tendenz steigend

Pokémonkarten sammeln – die*der Klügste gewinnt den Jackpot

Sammler*innen haben alles im Blick: die aktuelle Verfügbarkeit, die Beliebtheit, die gesamte Population einzelner Karten, die Nachfrage, ungeöffnete Kontingente anderer Sammler*innen und so weiter. Und mit diesen Informationen kalkulieren und investieren sie – in neue Booster-Boxen (Pakete mit 20 bis 30 Booster-Packs mit jeweils circa zehn Karten) oder in Einzelkarten. Wer richtig kalkuliert, kauft günstig ein, wartet ein paar Jahre und verkauft viel teurer weiter.

Und dann gibt es noch das Glücksspiel: Booster geschlossen lassen und darauf warten, dass der Preis in die Höhe geht? Dieser Zweig nennt sich "Sealed Products" und ist die sichere Variante. Oder die Booster aufmachen und eventuell eine Karte ziehen, die noch viel mehr Wert ist als das gesamte geschlossene Booster? Aber was, wenn keine gute Karte drin ist?

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Glurak ist nicht gleich Glurak

Oder was, wenn der Zustand der Karten nicht so gut ist? Glurak ist nicht gleich Glurak. Gibt es weiße Flecken an den Kanten oder Ecken? Sind Kratzer oder Punkte auf der Oberfläche? Ist die Karte richtig zentriert oder minimal verschoben? All das entscheiden offizielle Prüfstellen – PSA und Beckett –, bei denen man seine Schätze für circa 20 Euro pro Karte bewerten ("graden") und in hartes Plastik verpacken lassen kann – ein internationales Gütesiegel und Echtheitszertifikat.

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Glitzernde Gluraks: So teuer wie ein Einfamilienhaus, teilweise sogar schlicht nicht verkäuflich

Oberfläche, Kanten, Ecken, Zentrierung: Jedes Kriterium wird mit einer Punktzahl von eins bis zehn bewertet. Zehn heißt: perfekt. Auf der ganzen Welt gibt es nur zwei Gluraks der ersten Edition, die von Beckett mit "Prestine 10" gegradet wurden – eine in jeder Hinsicht perfekte Karte. Beide Gluraks besitzt der Sammler Gary. Ihr Preis: kaum zu sagen. Neben den beiden Unikaten hat er auch noch diverse Gluraks mit einem "normalen" 10er-Grading in petto. "Normal" heißt, dass eine oder zwei der vier Kriterien "nur" eine 9,5 haben. Einen dieser roten Drachen hat er vor Kurzem dem YouTuber Logan Paul verkauft – für 150.000 US-Dollar in Cash.

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Neben Logan Paul ist auch Rapper Logic ins Pokémongame eingestiegen. Er besorgte sich auf einer Auktion ebenfalls ein PSA-10-Glurak, und legte dafür über 200.000 Euro auf den Tisch.

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Klar, dass das plötzliche Interesse der Rapstars und YouTube-Millionäre für einen gigantischen neuen Boom sorgt. Kartensammler und Spezialist Rudy vom Kanal "Alpha Investments" erklärt in einem seiner Videos, wie sich so ein Boom auf "The Hobby" – wie das Sammeln von Karten von Insidern genannt wird – auswirkt: Es führt dazu, dass die Kartenpreise noch viel teurer werden. Größere Anfrage gleich höhere Preise. Easy. Wenigstens vorerst.

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Gluraks für über 100.00 US-Dollar, wo soll das enden? Viele YouTuber*innen und Szenekenner*innen spekulieren auf noch höhere Preise. Nach Rudys Einschätzung ist das anders. Er glaubt, dass die Einzelkarten nach dem aktuellen Boom preislich wieder abfallen, die sealed Products hingegen weiter steigen.

Denn was passiert, wenn immer mehr Menschen große Summen für Karten bezahlen wollen? Collector machen zunehmend ihre gehorteten Booster auf, um die Karten zu ziehen, zu graden und dann verkaufen zu können. Sie wollen abcashen. Doch dadurch gibt es plötzlich einen riesigen Anstieg in der Population – der die Einzelkarten schlussendlich deutlich weniger wertvoll macht, als sie aktuell scheinen.

Rudy lässt seine Boxen geschlossen. "Wer seine sealed Products trotz Boom geschlossen hält, gewinnt." Denn die Anzahl von sealed Boostern der 1. Edition wird in der aktuellen Welle drastisch sinken, was sie wiederum noch seltener und damit wertvoller macht, als sie es aktuell sind.

  • Quelle:
  • NOIZZ