Wie ein junger Berliner genau daran arbeitet – mitten in Los Angeles ...

In einem schmucklosen Industriegebäude im Schatten der Skyline haben der 31-jährige Caspar Boehme und seine Kollegen einen Greenscreen eingerichtet, aus dem man in Virtual Reality live streamen kann.

Um sich von einem beliebigen Ort zu einer der Shows von Navel.live dazuzuschalten, benötigt man nur ein Smartphone mit der Navel-App und ein Google-Cardboard.

Vor zwei Jahren hat Boehme Navel.live gemeinsam mit Freunden ins Leben gerufen. „Wir haben uns damals gefragt, wie wir in Zukunft miteinander Zeit verbringen können, obwohl wir nicht am selben Ort sind.“ So entstand die Idee, einen Greenscreen mit 360-Grad-Kameras und Livestreaming-Technik auszustatten. Auf diese Weise loten Boehme und sein rund 20-köpfiges Team nun die Grenzen des Möglichen in Virtual Reality aus.

Ins Museum gehen, ohne Schlange zu stehen

Besonders deutlich wird das Potenzial von Navel.live an einer Kunstausstellung, die dort vergangenes Jahr stattfand. Zu Gast war der US-Fotograf Henry Diltz, der in den 60ern und 70ern Popstars wie Jimi Hendrix oder Frank Zappa fotografiert hatte.

Auf die Wände des Greenscreens wurden verschiedene Portraitfotos von Diltz projiziert, der gemeinsam mit seiner Assistentin auf dem Boden fläzte, trank und rauchte. User aus der ganzen Welt schalteten sich in den Raum und fingen an, mit dem Künstler zu schreiben. Mit Hilfe des Cardboards konnten sie sich im 360-Grad-Winkel umschauen und die Fotos an den Wänden betrachten.

Abgesehen davon, dass es in Navel.live technisch noch nicht möglich ist, seine Position zu verändern und näher an die Bilder heranzutreten, war diese Ausstellung beinahe so authentisch, als hätte sie in einem echten Museum stattgefunden.

Doch sie war um einiges einfacher zu verwirklichen, denn die Bilder mussten nicht umständlich ausgeliehen und verschickt werden, Besucher mussten nicht Schlange stehen, geschweige denn Eintritt zahlen. Und ihr Erlebnis in der Ausstellung war intimer, da sie direkt mit dem Künstler in Kontakt treten konnten.

Boehme sagt: „Diese Ausstellung war ein Aha-Moment für uns: Wir haben durch sie verstanden, dass wir es einem weltweiten Publikum möglich machen können, mit einem Künstler live durch seine eigene Ausstellung zu gehen, während er die Geschichten hinter seinen Bildern erklärt.“

Filmemacher und Studiobosse kommen persönlich vorbei

Doch Navel.live beschränkt sich nicht auf Kunstausstellungen. Noch befinde man sich in einer Experimentierphase mit offenem Ausgang. In dem Greenscreen finden momentan Comedyshows, Nachrichtensendungen und auch Konzerte statt.

Besonders interessant dürfte der Dienst auch für Architekten werden. „Auf Navel.live können sie ihre Visionen mit Kunden besprechen oder das, was sie sich in Renderings wünschen, live stattfinden lassen“, so Boehme.

Jetzt interessiere sich auch die Unterhaltungsindustrie dafür. Zahlreiche Filmemacher und Studiobosse seien bereits persönlich vorbeigekommen und wollten investieren.

Gemeinsam ist allen Veranstaltungen auf Navel.live jedoch das Fliege-an-der-Wand-Prinzip: User müssen in der Virtual Reality ohne einen virtuellen Körper auskommen. „Wir glauben nicht an Avatare, sondern an die menschliche Erfahrung, wenn wichtige Influencer unserer Zeit im Raum sind. Für viele ist das interessant, gerade weil man mit ihnen kommunizieren und das Geschehen durch Chat und Stimme beeinflussen kann.“

Navel.live könnte noch aus einem weiteren Grund zukunftsweisend sein: 80 Prozent der Beitragenden seien weiblich. Visionär Caspar Boehme: „Im Virtual-Reality-Bereich gibt es momentan so gut wie nichts für Frauen – alles ist von Männern für Männer. Wir sehen das anders. Wir glauben, dass die Zukunft weiblich ist!“

Quelle: Noizz.de