Die Krankheit ist viel zu oft noch tabu.

Depressionen sind ein ernsthaftes Problem, das uns, unsere Freunde und Familie betrifft. Man entscheidet sich nicht bewusst für sie. Depressionen betreffen Schüler, Studierende, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Aktivisten, Ärzte, aber auch Prominente – Rapper, Sportler, Influencer, Models.

Es wird der Tag kommen, an dem du eine lähmende Angst verspürst, irgendetwas zu machen, und du dich davor fürchtest, einem Freund über den Weg zu laufen. Du wirst reden wollen und das Gefühl haben, dass du es nicht kannst. Alles scheint in Ordnung, auf der Arbeit, in der Schule und zu Hause hat es noch niemand bemerkt, aber du weißt, dass dir langsam dein Leben entgleitet. Du hörst auf, zu verstehen, was du liest, was du schaust. Du meidest deine Freunde, du hast keine Lust mehr auf Dinge, für die du früher gebrannt hast.

Du versuchst, es kleinzureden, bis du es eines Tages nicht mehr aus dem Bett schaffst. Oder andersherum: Du schläfst nicht, du bist unruhig, bist ständig wach und lachst – bis dich dieser irre Augenblick direkt an die psychische Wand fährt.

Depressionen sind keine flüchtigen Stimmungstiefs, gegen das ein Treffen mit Freunden, ein Glas Wein oder ein Netflix-Abend helfen, sondern eine Krankheit, mit der immer mehr Menschen zu kämpfen haben. Eine Krankheit, die uns von der Welt abschneidet, die es uns unmöglich macht, uns selbst und die Wirklichkeit zu beurteilen. Wir verstehen unsere Gefühle nicht mehr, oft fangen wir an, uns selbst zu hassen. Depressionen sind schwer greifbar: Sie entstehen aus verschiedenen Gründen, und jeder erlebt sie anders.

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Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit über 300 Millionen Menschen an Depressionen leiden – jeder Dritte von ihnen wird nicht behandelt. Erwachsene, Jugendliche und sogar Kinder erleiden Depressionen – alle von uns haben Freunde oder Bekannte, die es nicht schaffen, sich der Wirklichkeit zu stellen, die sie umgibt. Junge Menschen sind besonders gefährdet. Die Zeit, die wir jeden Tag in jenen künstlichen Welten verbringen, welche die sozialen Netzwerke geschaffen haben, der ständige Druck von Familie und Freunden, der Stress auf der Arbeit oder in der Schule, tragen zu einer psychischen Belastung bei, die es uns extrem schwer macht, normal zu funktionieren.

Der Lebensabschnitt, in dem wir erwachsen werden, ist psychisch sehr belastend. Auf der einen Seite stehen wir den Erwartungen unserer Entscheidungen und Zukunftspläne gegenüber, auf der anderen Seite versuchen wir, unsere Identität zu finden und zu akzeptieren. In unserer Kultur wird jeder Bestandteil unseres Aussehens, Verhaltens oder unserer sexuellen Orientierung sofort beurteilt, kritisiert oder gar mit Hass bedacht. Soziale Medien sind nicht so sozial, wie sie klingen. Sie könnten eine Möglichkeit sein, sich gegenseitig zu unterstützen. Stattdessen werden sie viel zu oft zu einer Quelle für zusätzlichen Druck und Aggressivität. Es ist leicht, sich darin zu verlieren.

Junge Menschen fühlen sich mit ihren Problemen allein gelassen, schämen sich, dass es ihnen nicht so gut geht wie anderen und können nicht um Hilfe bitten. Lehrer und Eltern wiederum haben oft nicht genug Wissen darüber, wie man Menschen mit Depressionen helfen kann. Sie erkennen sie nicht, ihnen fehlt die Fähigkeit zur Kommunikation und Reaktion auf Situationen, die vor dem Schlimmsten warnen.

In Deutschland sterben jedes Jahr circa 10.000 Menschen durch Suizid – das sind mehr als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten, illegale Drogen und Aids zusammen. Junge Menschen fallen in dieser Statistik besonders auf: Jeden zweiten Tag bringt sich ein deutscher Jugendlicher um. Depressionen sind eine der Ursachen dafür. Im Nachhinein können Verwandte oft nicht verstehen, wie es dazu kommen konnte: "Sie sprühte doch vor Energie!", "Ich wusste, dass sie mit Problemen zu kämpfen hatte, aber dass es so erst war ...", "Er war doch gerade noch Vater geworden ...". Wie kann ein gesunder Mensch begreifen, dass jemand aufhören will, zu leben?

Die Leadsänger von Linkin Park und Prodigy, Star-DJ Avicii, Kult-Koch Anthony Bourdain, Schauspiel-Legende Robin Williams: Die Liste der berühmten Menschen, die in den letzten Jahren Suizid begangen haben, ist schockierend lang. Junge depressive Rapper, Lil Peep und Mac Miller, starben an den Folgen einer Überdosis Drogen. Obwohl ihr Leben aus der Ferne betrachtet aussah wie in einem Märchen, mussten sie permanent beweisen, dass sie die Besten sind, gegen Algorithmen kämpfen, um sichtbar zu sein, unter Druck leben, den sie nicht ertragen konnten. Todesfälle, die von sich Reden machten, und Stars, die sich geöffnet haben, um über ihre Krankheit zu sprechen, haben immer mehr Menschen dazu gebracht, über das Problem zu reden.

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Besuche beim Psychotherapeuten sowie der Einsatz pharmakologischer Mittel sind daher glücklicherweise nichts Ungewöhnliches mehr. Wir müssen lernen, offen über unsere mentale Gesundheit zu sprechen, denn nur so können wir gemeinsam das Schlimmste verhindern.

NOIZZ will deutlich machen, dass Depressionen ein ernstes Thema sind, das nicht ignoriert werden darf. Wir hoffen, dass ihre Behandlung zu einem Thema wird, über das wir in Zukunft offen reden können: ohne Tabuisierung und Stigmatisierung der Kranken, ohne Ratschläge wie "Reiß dich zusammen!" oder "Lach doch mal!".

Auf NOIZZ werden wir das Thema Mental Health aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und darüber reden, dass es sich lohnt, auf die Hilfe von Spezialisten zurückzugreifen. In den nächsten Monaten werden wir mit Experten wie mit Menschen mit Depressionen sprechen. Wir werden Interviews und persönliche Geschichten aus ganz Europa teilen und zeigen, dass es sich lohnt, über psychische Gesundheit zu reden.

Wenn du selbst depressiv bist, Suizid-Gedanken hast, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de).

Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

Quelle: Noizz.de