Seit einem halben Jahr setzt der 30-Jährige damit ein Zeichen gegen Judenhass.

"Ich kann Juden nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen. Das muss ich leider so sagen." Zwei Sätze, die unsere Republik alarmierten. Zwei Sätze, die Mike Samuel Delbergs Leben auf den Kopf stellten. An dem Tag, als der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, mit diesen Sätzen vor dem Tragen der Kippa warnte, setzte Mike sich eine auf. Und am nächsten Tag wieder. Seit fast genau einem halben Jahr trägt Mike die jüdische Kopfbedeckung nun – und tut damit täglich genau das, wovor Klein warnte: sich öffentlich als Jude outen.

Nicht aus religiösen Gründen. "Ich bin gläubig, aber nicht orthodox. Ich gehe freitags auch mal in die Synagoge und danach zum Feiern in den Club", sagt der 30-Jährige, als ich ihn treffe. Auch heute trägt er die kleine Stoffhaube auf dem Kopf, die sonst nur orthodoxe Juden tragen. Warum?

"Ich hatte schon zwei oder drei Jahre vor meiner Entscheidung überlegt, ob ich nicht Kippa tragen möchte", sagt er. "Ich lebe offen und selbstbewusst als Jude und glaube, dass sowieso jeder Mensch in meinem Umfeld weiß, dass ich jüdisch bin. Warum also nicht diesen Schritt auch noch gehen – ein Zeichen auf mich legen, womit ich die Jüdischkeit in keiner Situation mehr abstreifen kann. Das tue ich innerlich sowieso nicht." Doch etwas habe ihn immer abgehalten: Die Anonymität, die ihn als Juden ohne Kippa in der Öffentlichkeit schützt. Vor schiefen Blicken. Vor Angriffen.

Doch dann erschien das Interview mit Klein, der vom Tragen der Kippa abriet. Einem Beauftragten, der sich hauptsächlich darum kümmern soll, dass der Zustand, als Jude Angst haben zu müssen, nicht eintritt. "Dass genau diese Stelle eine solche Aussage trifft, war wirklich niederschmetternd. Ich war wütend", sagt er. "Das war der Moment, in dem ich entschied: Du musst etwas machen."

Diesen Post setzt er noch am gleichen Tag ab: "Ab heute trage ich Kippa!", schreibt er darin. Und Sätze wie: "Die Zeiten des Versteckens sind vorbei."

Mike ist eines der bekanntesten Gesichter jüdischen Lebens in Deutschland: Er ist Mitgründer der Jüdischen Studierendenunion, Präsidiumsmitglied des jüdischen Sportverbands "Makkabi Deutschland" – und seit Kurzem auch einer der "30 bis 30", einer vom Magazin "ZEIT Campus" aufgestellten Liste für einflussreiche, junge Deutsche.

"Der Unterschied ist, ob du innerhalb eines Engagements gegen Antisemitismus kämpfst und dann nach Hause gehst und deine Ruhe hast. Oder ob du es zum hundertprozentigen Teil deines Alltags machst", sagt Mike. Mit der Kippa hat er genau das getan. Vielleicht sogar mehr, als er es am Anfang vermutet hatte.

Sein anfängliches Ziel war es gewesen, jüdisches Leben in Deutschland sichtbarer zu machen. Zu zeigen, "das ist unsere Heimat, wir gehen hier nicht weg". Oder schlicht zu erreichen, dass Menschen in der U-Bahn, die noch nie Berührungspunkte mit dem Judentum hatten, sagen können: "Jetzt habe ich mal einen Juden gesehen." Er wollte orthodoxe Juden schützen, die aus religiösen Gründen die Kippa tragen und es sich nicht, so wie Mike, ausgesucht haben – ein bisschen was von dem Hass auf der Straße abfangen, den sie ertragen müssen.

Doch er ist viel mehr als der "Jude, den man live Bahn fahren sieht". Durch seine Kippa ist Mike zur Ansprechperson geworden. "Wenn dich beim Zigaretten rauchen ein Fremder fragt, ob das denn koscher sei – dann ist das ein Zeichen dafür, dass die Person endlich mal jemanden gefunden hat, dem sie diese Fragen stellen kann. Jemanden, der nicht dem klischeehaften Bild eines religiösen Juden entspricht."

S-Bahn-Talk und Flugzeug-Luxus

Die Kippa funktioniert also auch als eine Art Signal, das die Barriere zwischen Fremden durchbricht. Wie bei einem Erlebnis, das Mike eines Abends am Bahnhof Charlottenburg hatte. Ein junger, arabisch aussehender Mann sah ihn lange an, mit einem freundlichen Gesichtsausdruck. Mike erzählt weiter: "Auf einmal kam er zu mir rüber und sagte 'Shalom'. Und ich antwortete 'Shalom, bist du auch jüdisch?'. Dann unterhielten wir uns, und er erzählte, dass er Syrer sei, aber auch jüdische Vorfahren habe und vor dem Krieg nach Deutschland geflüchtet ist. Das war ein wirklich spannendes Gespräch, das ich ohne Kippa nie geführt hätte. Sie war der Auslöser."

Eine Kopfbedeckung, die nicht nur Gespräche auslöst – sondern sogar Upgrades im Flugzeug. "Wegen meiner Ehrenämter reise ich sehr viel", sagt Mike. "So kam es, dass ich einmal innerhalb von zwei Wochen zweimal von Berlin nach Frankfurt flog. Beim ersten Flug war alles normal, ich trug meine Spiderman-Kippa, setzte mich hin – nichts Ungewöhnliches."

Und dann? "Eine Woche später flog ich mit dem gleichen Unternehmen wieder nach Frankfurt, und auf einmal kam ein Steward zu mir und sagte: 'Sie sind doch letzte Woche schon einmal mit uns geflogen', und ich antwortete: 'Ja, das stimmt.' Und er wieder: 'Ich habe Sie an Ihrer Kippa erkannt. Wenn Sie möchten – ich habe vorne noch einen Platz mit ein bisschen mehr Beinfreiheit'." Das habe er natürlich dankend angenommen, sagt Mike und muss beim Gedanken an dieses Erlebnis noch immer lachen. "Es ist einfach schön, wie so ein kleines Ding zu einem so interessanten Gespräch führen kann und Leute zusammenführt", sagt er. "Genau das ist mein Ansatz: Leute zusammenbringen. Und Leute dazu zu bringen, sich zu trauen, auf eine jüdische Person zuzugehen. Damit Juden in Deutschland nicht mehr abstrakten Wesen sind, über die man viel spricht, die man aber im Alltag nie wahrnimmt."

Das Kaugummi-Problem

Ein Fulltime-Job als Ansprechperson – das ist wichtig, aber nicht immer einfach. Denn ständig aufzufallen, als Vertreter einer Religion identifiziert zu werden, das strengt an. "Natürlich repräsentiert man nicht das gesamte Judentum", sagt Mike. "Aber in dem speziellen Moment, in dem du neben einer Person stehst, die noch nie bewusst einen Juden gesehen hat, hast du eine gewisse Verantwortung. Dann überlegt man sich zweimal, ob man das Kaugummi in den Gulli spuckt – oder doch lieber ein paar Meter weiter zum Mülleimer geht. Oder ob man über eine rote Ampel geht oder laut anfängt, zu fluchen. Weil das möglicherweise der allererste Eindruck wäre, den die Person von einem jüdischen Menschen hätte. Und das will ich natürlich nicht."

"Ich benehme mich tatsächlich besser", sagt Mike.

Aber nicht nur aus gesellschaftlichem Druck. "Die Kippa soll einen daran erinnern, dass es etwas gibt, das über einem steht. Ich denke an diesen Faktor bewusster, seit ich sie trage. Ich will nicht sagen, dass ich religiöser geworden bin. Ich habe einfach einige religiöse Dinge bewusster im Kopf – weil ich sie auf dem Kopf trage."

Nette Gespräche, besseres Benehmen – hat das Tragen der Kippa also nur Vorteile? War Kleins Warnung vor Judenhass in Deutschland völlig unbegründet?

Definitiv nicht. Auf Facebook schreibt Mike von antisemitischen Angriffen, die anderen Juden in dem halben Jahr passiert sind, in dem er die Kippa trug: "Seitdem ich angefangen habe, die Kippa zu tragen, wurde mein Rabbiner bespuckt, einem Freund wurde die Kippa in einem Fitnessstudio vom Kopf gerissen, und die Synagoge in Halle ist beinahe von einem mordwilligen, schwer bewaffneten Nazi gestürmt worden." Hat er denn gar keine Angst vor Angriffen wie dem auf seinen Rabbiner?

"Angst? Nein. Gedanken gemacht, habe ich mir", sagt er. "Ich laufe natürlich nicht blauäugig durch die Straßen." Wie auch – allerspätestens nach dem Angriff des sogenannten "Gürtelschlägers" auf einen Kippa tragenden Mann in Berlin im April 2018 weiß jeder: Wer jüdische Symbole offen trägt, ist in Deutschland alles andere als geschützt.

Das Risiko selbst auf sich zu nehmen, ist das eine. Seinen Sohn oder Enkel durch die Kippa in Gefahr zu wissen, ist noch mal eine andere Nummer. Deshalb erzählte Mike seiner Familie erst im Nachhinein von seiner Entscheidung, die Kippa zu tragen. "Ich treffe meine Entscheidungen mit Bedacht und war mir sicher, dass meine Familie versucht hätte, es mir auszureden", sagt Mike. "Das haben sie tatsächlich auch versucht. Aus Angst um mich. Sie sagten: "Mike, du machst dein Ding doch schon, musst du dich jetzt auch noch dieser Gefahr aussetzen?" Er musste.

Mit 21 auf einer NSU-Todesliste

Für ihn habe es im Leben einen Moment gegeben, in dem er eine Grundsatzentscheidung für sich traf, sagt Mike. Sein Gesichtsausdruck wird erst. Damals sei er 21 gewesen. Mit Freunden habe er zu der Zeit das Jüdische Studentenzentrum in Berlin wieder aufleben lassen. Nach einiger Zeit liegt ein Brief in seinem Briefkasten. Er ist vom Bundeskriminalamt. Der Inhalt: Mike steht auf einer Liste des Nationalsozialistischen Untergrund, kurz NSU . Die rechtsextreme Terrororganisation ermordete zwischen 2000 und 2007 neun Migranten und eine Polizistin. "Das sind Todeslisten, das weiß man", sagt Mike. Danach zieht er sich zwei Wochen lang zurück. Denkt nach. Und fasst den Entschluss: Die wissen sowieso, wie du aussiehst und wo du wohnst. Wenn du jetzt mit allem aufhörst, wirst du nicht aus ihrem Visier verschwinden. Sie werden es nur leichter haben, dich zu finden.

Er beschließt, dass sein Weg die Flucht noch vorn, in die Öffentlichkeit ist. "Lieber etwas dafür tun, dass sie geschnappt oder zumindest aus der Gesellschaft verdrängt werden. Weg vom Verstecken, hin zum Mehrmachen", sagt er.

"Die Entscheidung, Kippa zu tragen war im Grunde eine Konsequenz aus der damaligen Entscheidung."

Als seine Großmutter ihn fragte, ob er statt der Kippa nicht lieber eine Sonnenbrille tragen wollte, antwortete er deshalb: "Nein – das ist meine Aufgabe, die habe ich für mich angenommen und die möchte ich auch durchsetzen."

Todeslisten und brutale Angriffe auf der Straße – das will so gar nicht zu der bunten Kippa passen, die Mike heute trägt. "Super Jew" steht darauf neben einem quietschgelben und roten Symbol. Ein starker Kontrast auch zur Ernsthaftigkeit, die religiöse Symbole normalerweise mit sich bringen. Untergräbt das nicht seine Bedeutung?

"Wir Juden nehmen alles mit einem Schmunzeln", sagt Mike. "Auch die Kippa darf stylish sein, das mindert nicht ihre Bedeutung. Manchmal hat die Kippa eine Message, manchmal passt ihre Farbe auch einfach nur gut zur Hose. Ich kann für mich sagen: Die Sammlung wächst, und sie wird immer kreativer." Wie viele er schon hat? "Gut über 150." Sein Liebling darunter: "Die Captain-America-Kippa."

Ein erklärendes Wort

Als sich Mike vor sechs Monaten für die Kippa entschied, löste er eine Diskussion aus. Viele Menschen drückten ihm seinen Respekt aus, wünschten ihm Glück. Andere warfen ihm vor, ein religiöses Symbol zu Öffentlichkeitszwecken zu missbrauchen. "Wer mir das vorwirft, hat den Sinn meiner Entscheidung nicht verstanden", sagt Mike. "Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich die Kippa nicht allein aus religiösen Zwecken trage." Doch anstatt angesichts der Vorwürfe dicht zu machen, schrieb Mike den Kritikern zurück. Er wolle keine religiösen Gefühle verletzen, sondern im Gegenteil: Dafür sorgen, dass das Religiöse als Teil der deutschen Gesellschaft akzeptiert wird. "Es bedarf manchmal eines erklärenden Wortes", sagt er. "Am Ende waren die Reaktionen durchweg positiv."

Und zwar fast noch positiver, als erwartet. "Mir schrieben Leute, die sich durch meine Aktion auch trauten Kippa zu tragen – und sei es nur von der Synagoge nach Hause", sagt Mike. Besonders schön: "Ein guter Freund von mir aus Schweden hat sich entschieden, es mir gleichzutun und auch täglich Kippa zu tragen. Damit hat er in Schweden eine riesige Welle angestoßen. Mein Ziel, Leuten die Angst zu nehmen, wenn sie den Schritt gehen wollen, habe ich also schon bei vielen erreicht."

Für immer Kippa?

Widerspricht Mike nach seiner sechsmonatigen Erfahrung nun dem Antisemitismusbeauftragten Klein und sagt "Ich kann Juden auf jeden Fall empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen"? Nein. "Ich spreche ungern Empfehlungen aus, dazu habe ich nicht das Recht. Alles, was ich tun kann, ist, meine Erfahrung zu teilen. Und wenn sich davon jemand motiviert fühlt, kann er die tief persönliche Entscheidung aufgrund meiner Erfahrung treffen."

In seinem Facebook-Post anlässlich seines halbjährigen "Kippa-Jubiläums" schreibt Mike: "Das Tragen der Kippa ist in Deutschland noch keine Normalität – ebenso wie Juden noch kein gänzlich "normaler" Teil unserer Gesellschaft sind. Deshalb werde ich meine Kippa erst mal weitertragen."

Erstmal weitertragen – wenn er sein Ziel erreicht hat, setzt er die Kippa also wieder ab? Mike schüttelt den Kopf: "Ich sage es mal so: In dem Moment, wo Judentum zur öffentlichen Normalität des Alltags in Deutschland gehört, brauche ich sie nicht mehr auszuziehen. Aber das ist der Moment, den ich erreichen möchte."

Und: "Vielleicht werde ich sie bis zum Ende meines Lebens tragen."

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Quelle: Noizz.de