Nie wieder stundenlanges-Kataloge rumblättern.

68 Jahre lang Frühjahr/Sommer, Herbst/Winter und wieder aufs Neue. Deutschland war Katalog-Versandhaus-Land. Bis jetzt. Denn der Otto-Versand stellt seinen Katalog ein. Im Dezember ist Schluss, dann erscheint die letzte Ausgabe des Wälzers.

Danach gibt es Kühlschrank, Klamotten, Schuhe, Waschmaschinen und was man sonst so braucht nur noch online.

Nach Quelle im Jahr 2009, Neckermann 2012 (von beiden Versandhäusern trägt Otto übrigens die Markenrechte) verabschiedet sich auch der älteste Versandhandel Deutschlands vom antiquierten Katalog. Könnte uns Digital Natives doch eigentlich egal sein. Oder doch nicht?

Der erste Katalog aus dem Jahr 1950 war improvisierte Handarbeit: 24 Seiten mit eingeklebten Produktbildern und handgeschriebenen Texten zu 28 Paar Schuhen. 300 Stück gab es davon.

So sah der erste Katalog von Otto aus. Foto: Otto-Pressebild

Was heute dilettantisch wirkt, war eine Revolution für die deutsche Nachkriegsgesellschaft. Erstmals konnte man sich Waren nach Hause bestellen, ohne in ein Geschäft zu gehen. Wie krass!

Und: Ohne Otto-Katalog kein Zalando und Co. Online-Versandhandel macht nichts anderes als der gute, alte Katalog in Papier-Form. Nur, dass ich ihn überall „öffnen“ kann, wo ich Internet habe.

„Unsere Kunden haben den Katalog sukzessive selbst abgeschafft, weil sie ihn immer weniger nutzen und schon längst auf unsere digitalen Angebote zugreifen", sagt Bereichsvorstand Marc Opelt von Otto zum Ende des Katalogs. Rund 95 Prozent aller Otto-Kunden bestellen mittlerweile online.

Der Otto Katalog hatte in seiner fast sieben Jahrzehnten aber auch andere kulturelle „Zweckerfüllungen“. Für viele deutsche Haushalte war der Katalog in Zeiten bevor es das Internet überhaupt gab, das Trend-Barometer. Den Katalog schmückten Top-Models wie Heidi Klum, Claudia Schiffer, Eva Padberg und Sängerin Nena.

Cindy Crawford auf dem Cover des Otto-Kataloges von 1994. Foto: Otto-Pressebild

Und nicht nur für modisch bewusste Frauen war der Katalog wichtig: Manch ein pubertierender Junge hat in der Unterwäschenabteilung des Katalogs das erste Mal Frauen in Dessous gesehen. Der Otto-Katalog als billiges Pornoheftchen?

Nein, Spaß bei Seite. Ich, Jahrgang 1990, erinnere mich selbst daran, wie für mich als Kind vor allem zwei Teile des Katalogs immer besonders interessant waren: Spielzeug (gibt es das heute noch? Also Spielzeug-Kataloge?) und Schmuck.

Den konnte ich mir von meinem Taschenegld eh nicht leisten, fand Diamanten auf Bildern aber schon immer ziemlich faszinierend. Und wenn ich oft genug Opa die Katalogseite zeige, schenkt er es mir vielleicht irgendwann (hat er tatsächlich, als ich aufs Gymnasium gekommen bin).

Den neuen Katalog durchblättern hat mich bestimmt für zwei Stunden ruhig gestellt. Und ich bin fest davon überzeugt, dass meine Leidenschaft, sinnlos Prospekte am Wochenende durchzublättern eine Reminiszenz an früheres Katalog-Sichten ist.

Was uns bleibt? Der Ikea-Katalog. Aber das ist nicht das Gleiche!

Quelle: Noizz.de