Toni L. hat sechs Monate lang LSD in Mikrodosierung zu sich genommen. Dabei ging es ihm*ihr nicht um ein angenehmes High, das ihn*sie durch den Alltag trägt, sondern darum, dass er*sie auf Basis einer mentalen Stabilität mit den Emotionen arbeitet, die das LSD verstärkt. NOIZZ berichtet er*sie von seinen*ihren Erfahrungen.

Ich habe schon viele unterschiedliche Drogen genommen. Natürlich nicht alles, nicht die ganz schlimmen Verfalls-Drogen, denen nachgesagt wird, dass du nach ein, zwei Mal komplett abhängig bist. Aber von Kokain und Speed über Ketamin bin ich ganz gut dabei, erfahren im Konsum sozusagen.

Bei meiner ersten LSD-Erfahrung war ich so 22. Ich besuchte das Fusion Festival mit meiner damaligen Freundin. Wir haben die Pappe in der Dämmerung genommen, es war kein heftiger Trip, ganz seicht. Unsere Sinne waren ein bisschen geschärft, die Farben waren intensiver, wir waren ein bisschen euphorischer, das war’s. Und trotzdem: Die ganze Nacht war wie ein Abenteuer. Eine echt schöne Zeit. Wir sind ewig zusammen rumgetingelt, haben über riesige leuchtende Ballons auf dem Festival-Gelände gestaunt.

Warum ich LSD ausprobieren wollte? So Dinge wie Wahrnehmungsverschiebung haben mich schon immer interessiert. Dinge, die mein Gehirn erzeugen kann, die ich sonst nicht sehe. Diese Neugierde hat letztendlich auch den Grundstein für meine LSD-Microdosing-Erfahrung gelegt – auch wenn es dabei um alles ging, nur nicht um Wahrnehmungsverschiebung.

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Das macht LSD für mich so viel interessanter als andere Drogen

Generell ist LSD für mich eine wirklich besondere Droge. Und das sage ich, ganz ohne etwas verherrlichen zu wollen. Erst mal hält die Wirkung extrem lang an. Anders als bei Drogen wie Koks oder Ketamin wirkt das LSD-High sehr viel länger.

Dazu kommt, dass LSD nicht nur ein Gefühl auslöst, und damit hat es sich dann – wie zum Beispiel Ecstasy absolute Euphorie und Freunde. LSD arbeitet mit den Emotionen, die sowieso schon in dir vorhanden sind und verstärkt sie. Auch Negatives kann dabei zum Vorschein kommen. Dem muss man sich auf jeden Fall bewusst sein. Es kann tatsächlich manchmal nicht ganz so einfach sein. Das hört sich ein wenig pathetisch an, aber es ist wie das Leben selbst.

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Man stumpft durch LSD nicht nur ab, wie wenn man sich ein Teil schmeißt. Es ist eher ein in sich Reinhören und dann damit arbeiten. Es ist vor allem interessant, weil man es auch therapeutisch nutzen kann, wie Studien bereits gezeigt haben.

Ich habe LSD-Microdosing mit einem ähnlichen Ziel angefangen. Den Auslöser gab es Anfang des Jahres. Da hatte ich ziemlich viel Trouble mit meiner jetzigen Ex-Freundin, war gerade mit meiner Masterarbeit fertig und stand kurz davor, in einen Job zu starten, für den ich semi-motiviert war. Allgemein gab es da eine relativ große Unzufriedenheit in mir. Ich hatte vor einiger Zeit mal gelesen, dass Künstler*innen LSD-Mircodosing ausprobierten, um konzentriertes und kreatives Denken zu fördern. Dinge, die mir im Studium auch schon schwerfielen.

Nach der Trennung von meiner Freundin dachte ich mir dann: Okay, ich will das einfach mal auschecken, ich will gucken wie das ist. Ich kenne ein paar Leute, die seit Jahren LSD in Mikrodosen zu sich nehmen. Sie haben mir aus ihrer persönlichen Erfahrung berichtet, dass sie keine Nebenwirkungen spürten, wenn sie mal kein LSD nehmen würden. Das beruhigte mich natürlich.

LSD ist kein Allheilmittel und birgt Risiken!

Natürlich ist LSD kein Allheilmittel, ich würde es auf keinen Fall jeder*jedem empfehlen wollen. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass man sich da auf etwas einlässt, worüber wir alle noch nicht so viel wissen – dass es Risiken und Nebenwirkungen bergen kann, die noch nicht bekannt sind. Außerdem muss man mental stabil sein. Wenn man schon mal an einer Psychose gelitten hat, würde ich dieses Selbstexperiment nicht unterstützen.

Obwohl Untersuchungen schon gezeigt haben, dass LSD einen therapeutischen Nutzen haben kann, gibt es noch keine Erkenntnisse darüber, wie viel du als individueller Mensch konsumieren solltest, damit es funktioniert. Deshalb geht man im Selbstexperiment an die Dosierung ran. Das Problem dabei: Es passiert ganz schnell, dass man am Anfang ein bisschen "überdosiert". Man kommt nicht drumherum, sich langsam an die Sache heranzutasten.

LSD-Pappen

Bei einem normalen LSD-Rausch wünsche ich mir einen krassen Effekt, beim Microdosing will ich genau das Gegenteil. Es soll so sein, dass man das LSD nimmt davon eigentlich nichts merkt, damit man im Alltag funktioniert. Zum Beispiel kann LSD in "normaler" Dosis ein heftiges Lachen auslösen. Gar nicht so lustig, wenn du dann von Arbeitskolleg*innen umgeben bist, die offensichtlich nicht drauf sind. Das kann schnell verschreckend wirken.

Man muss aufpassen, die Dosierung smart regulieren. Auch wichtig: Man sollte es in regelmäßigen Abständen machen, sich einen Plan zurechtlegen.

Außerdem muss man sich klar machen, dass mit dem Kopf nicht direkt etwas innerhalb der ersten Tage passiert. Man sollte sich langsam rantasten und auf jeden Fall im Vorhinein fragen, warum mach ich das? Ganz klar. Es geht dabei nicht um ein lustiges High, das dich durch deinen schweren Alltag trägt, sondern darum, dass du auf Basis einer mentalen Stabilität mit den Emotionen arbeitest, die das LSD verstärkt.

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Man braucht auf jeden Fall eine vertrauliche Quelle, der man das LSD abkauft. Man sollte nämlich das reine Zeugen nutzen. Es gibt ganz viele Derivate und leichte Abwandlungen vom LSD, die haben dann eine etwas andere Wirkung. Das macht im ersten Moment keinen großen Unterschied, aber auf lange Zeit schon. Man sollte also eine Person finden, der man voll und ganz vertraut und die einem sagen kann, wie viel LSD man in dem Behältnis oder auf den Pappen hat, das man anschließend in Wasser oder hochprozentigem Alkohol auflöst, um es sich in Tropfen zu verabreichen.

Das passiert, wenn man sechs Monate LSD-Mocrodosing betreit – in einem Fall

Wenn mich Leute fragen, wie ich mich während des Microdosings gefühlt habe, ist die Antwort schnell erzählt: ziemlich normal. Bis auf die Tage am Anfang, an denen ich überdosiert habe und die harte Euphorie reingeknallt ist, habe ich täglich keinen großen Effekt gemerkt – aber das soll ja auch so sein.

Ich meine aber, über die Zeit, eine Veränderung in meiner Motivation gemerkt zu haben. Das kann ich natürlich auch Placebo gewesen sein, aber ich bin morgens definitiv motiviert los zu meinem Job, der an manchen Stellen sehr zäh ist. Ich habe mir auch eingebildet, ich wäre besser über meine Trennung hinweggekommen, weil ich reflektierter über mich und meine Gefühle nachdenken – und mich darin besser ausdrücken konnte.

Symbolbild: LSD

Es kann natürlich auch sein, dass ich einfach tough und superstark war, aber ich glaube, es hat mir geholfen, mehr in mich reinzuhören. Ich war auch viel offener anderen gegenüber; darin, mit ihnen über meine Gefühle zu sprechen. Aber wer kann schon genau sagen, ob das alles durch das LSD entstanden ist. Man kann die Situation nicht nachstellen, weil da einfach viel passiert ist in meinem Leben.

Negatives kann ich aus der Zeit tatsächlich nicht berichten. Außer vielleicht, dass ich das Gefühl hatte, dass sich mein Hormonhaushalt auf irgendeine Weise umgestellt hat. Ich hatte das Gefühl, dass ich mehr geschwitzt habe und dass es ein bisschen mehr stinkt. Und manchmal hatte ich ein bisschen Kopfschmerzen, kann sein, dass es davon kam.

Darum habe ich das LSD-Microdosing beendet

Ich habe aufgehört, weil ich den therapeutischen Zweck nutzen konnte, den ich erzielen wollte – zu sehen, was in mir steckt, wo ich motivierter und offener sein kann. Außerdem mache ich mich nicht gern von Dingen abhängig. Auch wenn man immer wieder hört, dass LSD nicht abhängig macht und ich auch kein Suchtpotenzial verspürt habe, fühl ich mich gut dabei, zu wissen, dass es da eine von mir gesetzte Grenze gab.

Zusammenfassend war es für mich ein interessanter Weg, mich selbst zu reflektieren.

Aufgeschrieben von Lisa Kempke

  • Quelle:
  • Noizz.de