Sie nennt ihren Bart "Sundri" – die Schöne.

Die Aktivistin Harnaam Kaur ist eine junge Frau, die schlagfertig ist, viel lacht und sich selbst liebt – und andere ermutigt, das auch zu tun. Wir sitzen ihr in einer Shisha-Bar in Berlin-Kreuzberg gegenüber und spüren ihre selbstbewusste Aura sofort.

Aber die Britin mit indischen Wurzeln, die als Aktivistin gegen Mobbing und Bodyshaming kämpft und als Model mit Bart gängige Schönheitsideale in Frage stellt, war nicht immer so im Reinen mit sich. Im Gegenteil.

Im NOIZZ-Interview spricht "The Lady with a Beard" ("Die Frau mit dem Bart") darüber, wie sie ihre Depressionen überwunden hat, wie sie mit Hasskommentaren und Morddrohungen umgeht – und was für sie Schönheit ist.

Liebe Harnaam, wie erklärst du anderen Menschen den Bartwuchs in deinem Gesicht?

Harnaam Kaur: Ich nenne es bewusst nicht Krankheit. Ich sage dann, ich habe einen Zustand, der sich Polyzystisches Ovar-Syndrom nennt. Einer von fünf Menschen lebt mit dieser Bedingung und für mich ist es der Grund dafür, warum mir so ein prächtiger Bart wächst.

Als du die Diagnose als Teenager erfahren hast, war das eine schlimme Zeit für dich.

Harnaam Kaur: Ich wurde fürchterlich gemobbt und wegen meines Aussehens fertig gemacht. Ich hatte schwere Depressionen und eine Angst-Störung, bis ich mir erlaubt habe, zu mir zu stehen. Dann habe ich mich endlich frei gefühlt und wohl in meinem Körper.

Was hat sich verändert, dass du heute diesen Mut hast?

Harnaam Kaur: Ich habe verstanden, dass bestimmte Menschen immer Gründe finden, dich fertig zu machen. Wenn ich mir also den Bart abrasiere, dann wird es mein Übergewicht sein – wer auch immer das definiert. Wenn ich schlanker wäre, dann würden sich diese Leute an meinem Turban stören. Und wenn ich diesen abnehmen würde, dann wären es andere rassistische Kommentare.

Wie erlebst du das im Alltag?

Harnaam Kaur: Wenn ich durch die Stadt laufe, mögen es manche Menschen, mich anzustarren und mich auszulachen. Das ärgert mich manchmal sehr. Dafür gibt es andere Menschen, die mich erkennen und sehr herzlich reagieren. So ähnlich ist es bei Social Media – obwohl ich auch viele positive Nachrichten bekomme, kriege ich viele negative Kommentare. Und bei dem Hass bleibt es nicht, ich bekomme tatsächlich auch Morddrohungen.

Das sind heftige Reaktionen. Wie erklärst du dir diesen krassen Hass?

Harnaam Kaur: Die meisten Menschen, die mir Gewalt androhen oder mir gegenüber hasserfüllt reagieren, handeln meiner Meinung nach aus Angst vor dem Unbekannten. Sie verstehen mich nicht und handeln aus Unsicherheit. Wenn man mit dieser nicht umgehen kann, äußert sich das eben oft in Aggressionen.

Spielt es dabei eine Rolle, dass du eine Frau bist?

Harnaam Kaur: Man darf bitte nicht vergessen, dass Männer auch gegen Körperideale kämpfen. Sie sind maskulinen Stereotypen ausgeliefert, müssen stark sein – nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Das wird leider öfter übersehen. Fatshaming, Rassismus – Männer kämpfen mit ähnlichen Problemen wie Frauen.

Bewegungen wie Body Positivity, für die du dich auch einsetzt, versuchen dagegen zu halten. Ein Thema, was dir auch wichtig ist, ist Selbstliebe. Beides ist aber gar nicht einfach umzusetzen.

Harnaam Kaur: Eine der schwierigsten Dinge, die wir als Menschen lernen müssen, ist unseren Körper zu akzeptieren. Wir sind jeden Tag umgeben von Missbrauch und negativen Selbstgesprächen. Dabei ist es sowas von wertvoll, wieder eine Verbindung mit seinem eigenen Körper zu spüren.

Hast du ein handliches Motto, um dich daran selbst zu erinnern?

Harnaam Kaur: Meine erste Regel lautet, dass ich mich nicht von der Meinung anderer beeinflussen lasse. Das erlaube ich niemandem. Und die zweite: Was auch immer ich mit meinem Körper mache, beruht auf meiner Entscheidung und ist mein Recht.

Es gibt ja diese Tage, wo man sich in seiner Haut wohlfühlt, aber auch Tage ohne Selbstvertrauen.

Harnaam Kaur: Es ist okay, seine schlechten Tage zu haben. Es ist sogar wichtig, diese unangenehmen Gefühle zu fühlen und zuzulassen. Aber man sollte sich auch bewusst sein, dass es wieder besser wird und sich in Selbstfürsorge üben.“

Für Menschen, für die Selbstfürsorge kryptisch klingt: Hast du ein paar Beispiele?

Harnaam Kaur: Ich habe diese schlechten Tage auch, und ich finde es wichtig, mich dann gut um mich zu kümmern und Sachen zu machen, die mich aufmuntern. Mir hilft lesen, Musik hören und spazieren gehen da sehr.

Was ist Schönheit für dich?

Harnaam Kaur: Ich denke, es gibt nicht nur eine Definition von Schönheit. Für mich ist Schönheit sehr subjektiv, abhängig von jedem Individuum. Ich persönlich liebe es, wenn Menschen einfach natürlich sie selbst sind und dabei vor Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl strotzen.

Quelle: Noizz.de