Es war das beste, was mir passieren konnte.

Das erste Mal in Hamburg. Für mich als fußballverrückten Teenager war klar, wo ich hin wollte: ins Stadion des Hamburger SV. Auch wenn Sommerpause war und der damals noch gute HSV kein Heimspiel hatte. Ich fand einfach das Stadion geil. Und vielleicht könnte man ja eine Führung machen.

Also zack, den Papa und den großen Bruder überredet und hin zum Volkspark. Ungewöhnlich viele Autos auf dem Parkplatz, dafür, dass kein Spieltag ansteht. Es ist noch Nachmittag, für Konzertbesucher wäre es noch zu früh. Außerdem dröhnt auch keine Musik aus dem Inneren der hohen Tribünen.

Ein Mann im Anzug kommt entgegen, er läuft entschieden auf uns zu. Werden wir etwa hier schon abgewiesen? Muss ich mich mit meinem Foto der Außenansicht begnügen? Nein.

Der Mann lächelt freundlich und streckt seine Hand aus, als würde er uns den Weg weisen wollen. „Kommen Sie, hier geht's rein“, sagt er und zeigt Richtung Eingang.

„Wow, freundlich von ihm“, denke ich und gehe einfach weiter. Am Eingang wartet schon der nächste Mann im Anzug, auch er winkt uns hinein. „Rechts die Treppe rauf“, sagt er nur und wir gehorchen. Und so leicht geht's, schon stehen wir auf der Tribüne des Oberrangs und genießen einen Blick aufs Spielfeld.

Papa und Bruder gucken verblüfft und fangen an zu lachen. Ich checke erstmal gar nicht, was da im Stadion abgeht. Zehntausend Leute sitzen auf den Plätzen des Unterrangs. Das Spielfeld ist abgedeckt, am anderen Ende des Innenraums ist eine Bühne aufgebaut.

Die Leute lauschen andächtig, was ein Mann mit Mikrofon ihnen erzählt. Neben ihm: ein großes Planschbecken, einer dieser Billig-Swimming-Pools, den sich manche Familien im Sommer in den Garten stellen.

„Ach du Scheiße, das sind die Zeugen Jehovas“, sagt mein Vater und haut sich die flache Hand auf die Stirn. Er kriegt das Grinsen nicht aus dem Gesicht. „Und die Security-Männer dachten, wir gehören dazu.“

Wozu? Die Zeugen Jehovas sind eine Glaubensgemeinschaft, die die Bibel wörtlich auslegen und ihr Leben lang auf die Apokalypse warten. Sie hatten berechnet, dass die Welt 1914 untergeht. Als das nicht klappte, sagten sie 1925 voraus. Und als die Erde da immer noch da war, prophezeiten sie für 1975 die ersehnte Apokalypse.

Seitdem verzichten sie übrigens auf konkrete Jahresnennungen. Irgendwann wird sie schon kommen, und dann haben es die Zeugen Jehovas immer gewusst.

Zurück in meine Geschichte: Wo sonst 55.000 Fußballfans „Hamburg, meine Perle“ grölen und die Gegner des „Ha-Es-Vau“ anpöbeln, lesen die Zeugen Jehovas heute aus der Bibel. Das Stadion ist an diesem Tag die Kirche der Glaubensgemeinschaft, die von Christen als Sekte angesehen wird. Im Planschbecken werden die „Verkündiger“ getauft, dafür werden sie einmal vollständig untergetaucht.

Leider kann ich dieses Spektakel nicht sehen, als ich meine Fotos vom Stadion mache. Der Mann auf der Bühne redet einfach nur, und die Leute auf den Tribünen hören einfach nur zu.

Wir können in aller Ruhe das Stadion umrunden, es stehen alle Tore offen. Der Kongress war das beste, was an dem Tag passieren konnte.

Es ist keine Seltenheit, dass die Zeugen Jehovas ihre Kongresse in Fußballstadien abhalten. Im Juli zum Beispiel versammelt sich die Organisation in der Commerzbank-Arena in Frankfurt, eine Woche später im Zweitligastadion vom 1. FC Nürnberg.

In Hamburg reicht es dieses Jahr nur für die Barclaycardarena, eine Multifunktionshalle mit Platz für 16.000 Menschen.

Laut der Website „jehovaszeugen.de“ gab es 2016 über 2000 Versammlungen der etwa 169.000 deutschen „Verkündiger“. Vor zehn Jahren waren es noch etwa 210.000. Da brauchten die Zeugen auch noch das Volksparkstadion als Kongress-Ort. Zum Glück für mich.

Quelle: Noizz.de