Weil, echte Fründe ston zesamme, ston zesamme su wie eine Jott un Pott …

Es ist passiert. Ich lebe mittlerweile zu lange im selbstgewählten Exil. Denn: Ich habe Karneval vergessen. Also quasi. Es war Altweiber-Donnerstag, und erst gegen Mittag fiel mir auf: „Huch, jetzt ist ja Altweiber …“ Schande über mein Haupt. Ich dachte nie, dass so etwas möglich sein würde.

Karneval ist ein Gemütszustand, der in mir verankert ist: Ich komme aus Mönchengladbach, war gut 15 Jahre lang Funkenmariechen in einem Karnevalsverein. Ich war nie eine Enthusiastin und ständig an der Theke, aber Sitzungen waren an den Wochenenden zwischen November bis Anfang März mein zweites Wohnzimmer. Und der Zusammenhalt, den dieser Party-Irrsinn auslöst, ist schon auch irgendwie schön. Und deswegen vermisse ich es.

>> Das ist die dreckigste Karnevalsparty der Welt

Die fünfte Jahreszeit, sie ist im Rheinland ein Ausnahmezustand, ein Hochfeiertag, wichtiger als Junggesellenabschiede, Taufen oder Hochzeiten. Niemand in der Region würde auf die waghalsige Idee kommen, irgendwas Wichtiges zwischen Altweiber und Aschermittwoch zu legen. Wo sind wir denn?!

Man kann den Karneval nicht umgehen, es geht einfach nicht. Ich fand es als Kind zum Beispiel komisch, dass in anderen Bundesländern nicht am Rosenmontag und Veilchendienstag schulfrei ist. Und selbst die, die arbeiten müssen, machen eher Sparflamme und ihre eigenen Karnevalssachen. Anders geht es nicht.

Es gibt so viele kleine, hübsche Traditionen, zu denen man im Laufe der Zeit eine Art Hassliebe aufbaut. Man verachtet sie irgendwie, findet sie albern, versteht den Sinn nicht, aber sie geben einem das wohlige Gefühl von Heimat und gehören einfach dazu. Und vor allem wenn man aus seiner Heimatregion wegzieht – ich habe fünf Jahre in Leipzig studiert, danach wieder ein Jahr zurück und jetzt seit gut zwei Jahren in Berlin, die haben Karneval, Fasching und Co. verbannt – will man all diese hassgeliebten Traditionen umarmen und nie wieder loslassen.

Ich vermisse sogar Mutzen!

Ja, wirklich. Dieses fettige Mürbeteig-Mandelgebäck, das eigentlich nach nichts schmeckt außer Puderzucker und so trocken ist, dass es dir den Atem verschlägt. Aber hey, nur damit überstehst du das – den Alkohol, die lauten, touchy Menschen. Die Büsschen, die Kostüme, die Musik.

Apropos Musik, auch dazu habe ich eine ausgeprägte Hassliebe. Seitdem ich Teenager bin, bin ich der Musik verfallen, ein richtiger Musiknerd geworden. Meine Genres: Indie, Alternative, Pop, Rock, ein bisschen Elektro und Hip-Hop. Ich toleriere Schlager und meinetwegen auch Trashparytmusik und EDM, aber freiwillig zieh ich mir das nicht rein. Eigentlich.

Denn es gibt eine Ausnahme: Karnevalsmusik

15 Jahre Teil der Jecken zu sein, hinterlässt seine Spuren. Es brennt sich in dein Gehirn ein. Ich kann so erschreckend viele Karnevalssongs aller Kölschen, Düsseldorfer und anderer jecken Kombos mitsingen, dass ich es manchmal selbst nicht glauben kann. Wenn ich Superjeilezick von Brings höre, rieche ich den Straßenkarneval. Nach so langer Rheinlandabstinenz werde ich sogar nostalgisch und mich rühren diese eigentlich schrecklich einfältigen Lieder fast zu Tränen. Wenn die ersten Takte von Denn wenn dat Trömmelchen jeht von Die Räuber läuft, kriege ich Gänsehaut. Ich übertreibe nicht und das können wohlmöglich nur andere Exil-Rheinländer, die den Karneval mögen, verstehen.

Deswegen ist das Karnevals-Wochenende im Exil für mich eines der unausstehlichsten, schrecklichsten und schwierigsten des Jahres. Nur selten schafft man es, zu organisieren, dass man an den närrischen Tagen in der Heimat ist. Und so versauert man in Berlin, während du in deiner Chronik, deinem Insta-Feed all die bunten Kostüme, Konfetti und Co. siehst.

Mittlerweile habe ich aber einen ausgeklügelten 9-Punkte-Plan auf die Beine gestellt, um als Exil-Rheinländerin diese Tage zu überstehen.

1. Eine Spotify-Playlist mit den liebsten Karnevals-Hits anlegen

Oder die vorgefertigte von Spotify hören, die ist nämlich auch ziemlich gut und hat bis auf wenige Lokal-patriotische Ausnahmen alle Lieder drin, die ich selber auch da reinpacken würde. So kommst du wenigstens auch ein bisschen in Schunkelstimmung.

2. Eine Sitzung im TV schauen

Ehrlich! Es hilft! Ich habe mich, während ich im Rheinland gelebt habe, immer gefragt, wieso zum Teufel wird das fürs Fernsehen aufgezeichnet?! Das will man doch nur in echt sehen. Aber jetzt, wo ich keine Sitzung besuchen kann, freue ich mich still und heimlich, dass es das gibt. Auch wenn andere mich auslachen, dass ich mir das reinziehe – ich stehe dazu!

3. Den Rosenmontagszug aus Köln oder Düsseldorf im Livestream oder TV verfolgen

Alaaf! Helau! Kamelle! Wer selbst etliche Jahre im Zoch mitgelaufen ist, vermisst wahrscheinlich genauso wie ich das Gefühl davor: Das Warten, etwas Vortanken und Schlange stehen, bis man an der richtigen Position im Zoch ist.

Gleichzeitig fühlt man sich an seine Kindheitstage zurückversetzt, wie man aufgeregt am Straßenrand im Kostümchen stand und die Kamellen gefangen hat. Papa und Mama durften die Millionen Klümpchen dann in den mitgebrachten Beutel verfrachten. Nicht dabei zu sein, tut weh, aber das TV gibt einem wenigstens das wohlige Gefühl zurück.

4. Mach deinen eigenen Veedelszoch

Veedel-was? Das fragen sich jetzt alle, die keine Ahnung vom Karneval haben. Bevor der Riesen-Umzug am Rosenmontag oder Veilchendienstag startet, gibt es am Tulpensonntag schon einmal die Generalprobe. In den Stadtteilen, dem Veedel, gibt es kleinere Umzüge, die sogar noch charmanter als die große Action sind. Und okay, es ist natürlich nicht dasselbe, aber ein Sonntagsspaziergang durch den Kiez-Veedel hilft!

5. Okay, das geht nur für Berliner, aber vielleicht gibt es auch eine Kneipe oder ein Lokal in deiner Nähe: Ein Abend in der „Ständigen Vertretung“

Hilft, wenn es ganz akut wird, das Heimweh. Ja, eigentlich ist dieser Laden etwas für Touristen. Aber wer Karneval und Köln arg vermisst: Hier bekommst du alles! Kölsche Tapas, Himmel un Ääd, Halver Hahn (ein halbes Käsebrötchen), Mettbrötchen und Kölsch en masse. Hier sind wir alle zu Hause.

6. Schmeiß eine Runde Berliner auf Arbeit. Oder Mutzen. Oder Spritzkuchen!

Ja, ich weiß, viele sagen zu Berliner eher Krapfen oder Pfannkuchen oder aber Fettgebackenes. Aber wenn ihr einen Karton voll der süßen Sünden mit auf Arbeit bringt, dann lieben euch alle, es riecht kurz nach Heimat und ganz kurz hast du das Gefühl, du würdest nicht mehr irgendwo in einem Berliner Büro, sondern einem Düsseldorfer Büro arbeiten. Denn da ist das eigentlich Grundnahrungsmittel mit Alt und Kölsch zwischen den närrischen Tagen.

7. Einmal in der Rush-Hour in Berlin U-Bahn fahren

Fühlt sich fast so an wie jeder RE oder jede S-Bahn in NRW am Karnevalswochenende. Nur ohne Alaaf! Und Helau!-Rufe. Aber dafür könnt ihr ja sorgen. Das wirklich erste Mal, dass der schlechte Service der BVG, Sinn ergib.

8. Mach deine eigene Rosenmontag-Afterwork-Party!

Mit einem Mottokostüm passend zum Heimats-Umzugmotto (in Köln: Uns Sproch es Heimat; in Düsseldorf: Düsseldorf gemeinsam jeck), ganz viel Altbier (oder Kölsch, wenn es denn sein muss), der Spotify-Playlist und Klopfern. Wenn du das konsequent durchziehst, können die anderen nicht anders als auch mitzumachen. Konfetti und Luftschlangen nicht vergessen! Und wenn ihr bis Aschermittwoch durchfeiert, könnt ihr danach den Hoppediz beerdigen.

Wer sich jetzt fragt, was das jetzt ist, sollte vielleicht doch keine Rosenmontag-Afterwork-Party machen.

9. Und wem das alles nicht reicht, der schaue sich das hier an:

Und für alle Hater zum Schluss die alternativen Tipps:

>> 4 Tipps, wie du Karneval überlebst, wenn du es hasst

Quelle: Noizz.de