Und den hole ich mir jetzt wieder zurück!

Unsere Autorin Julie Schmidt schreibt in „SEX VOR NEUN“ über Themen, die die Welt bewegen: Orgasmen, Masturbation und Penisse. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erklärt sie, was sie über Sex denkt und fühlt und plaudert ein paar Bett-Geschichten aus.

Die Nummer mit dem Tsunami

Ich bin eine kleine Chaotin. Mag man gar nicht denken, schließlich bin ich Sternzeichen Jungfrau, und denen wir bekanntlich nachgesagt, dass sie sehr ordentlich sind inklusive Putz- und Aufräumfimmel. Gut, diese Eigenschaften sind wohl an mir vorbei gegangen. Perfektionistisch? Ja! Ordentlich? Absolut nicht! Wenn ich gerade an einem Projekt arbeite, dann sieht es auf meinem Schreibtisch gerne mal aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Noch schlimmer ist eigentlich nur mein Schlafzimmer kurz vor einem wichtigen Termin (a.k.a. Sexdate): Dann liegen Tops, Kleider, Röcke, Abendkleider (man weiß ja nie), Schmuck und Schuhe quer verstreut durchs ganze Zimmer, und es ist kein Durchkommen mehr.

Das sorgt blöderweise dafür, dass ich öfter mal glaube, Dinge verloren oder verlegt zu haben. Meine Mitbewohnerin muss jedesmal lachen, wenn ich ihr aufgebracht entgegenrufe, ob sie meinen Schlüssel gesehen hat, weil ich mal wieder viel zu spät dran bin (auch Pünktlichkeit gehört trotz aller Jungfrau-Charakteristika nicht zu meinen Stärken). "Hast du mir nicht kurz nach deinem Einzug erklärt, dass du extra ein Glas hast, in den du jeden Tag deinen Schlüssel legen wirst, weil alle Dinge in deinem Zimmer ihren festen Platz haben?", fragt sie mich dann meistens mit einem breiten Grinsen und hält mir den Schlüssel mit dem rosa "Girl Boss"-Anhänger entgegen.

"Ach, komm ..." ist in diesen Moment häufig mein einziger Kommentar zu der wilden Suchaktion. Ja, vielleicht war ich damals von Aufräum-Queen Mari Kondo sehr inspiriert ... Leider habe ich, außer die Falttechnik für T-Shirts, ihre Ordnungstechniken eben recht schnell wieder über den Haufen geworfen, deshalb bleibt das Schlüsselglas auf meiner Kommode eben meistens leer.

Ich glaube, dass ich meinen Orgasmus verloren habe

Nun fragt ihr euch sicher: Was zur Hölle hat das bitte mit Sex zu tun? Ganz einfach! Genauso wie ich in Stresssituationen glaube, dass ich meinen Schlüssel verloren habe, glaube ich jetzt, dass ich meinen Orgasmus irgendwo zwischen einem gebrochenen Herzen und ein paar Gelegenheitsficks verloren habe. Aber der Reihe nach ...

Ich hatte vor kurzem wirklich fantastischen Sex, der genau nach meinem Geschmack verlief: Er war wild, er war heiß, er war grob, selbst mein Herz wurde kurzzeitig durch ein paar hormongesteuerten Glühwürmchen zum Leuchten gebracht. Und dennoch: Der Typ konnte tun und lassen, was er wollte, aus mir war nicht mehr rauszukriegen als seichtes Stöhnen.

"Das war gut", hatte ich gelächelt, als wir nach dem Sex noch eine gemeinsame Zigarette rauchten. Er nickte schweigsam. "Gut" war anscheinend nicht das, was Typen in diesem Moment hören wollen. Er hatte zwar nicht direkt gefragt, ob ich gekommen war, aber am liebste hätte er wahrscheinlich gehört, dass er mich in den siebten Orgasmushimmel gevögelt hatte.

Das Problem war: Ich war nicht losgeflogen ... oder was heißt "nicht" ... Es hatte sich wirklich gut angefühlt, aber es war eben nicht die Art von Orgasmus, die ich bei einem anderen Typen so lieben gelernt hatte.  

Dafür muss ich jetzt etwas ausholen und euch mal wieder von Basti erzählen ... Hach, wenn ich jetzt so an ihn denke, wird meine Vagina ganz wehmütig. Denn auch wenn Basti ein Arschloch war, der mir nicht nur mein Herz, sondern auch einen Teil meiner Seele gebrochen hat: Ficken konnte er! Und zwar mit einem bewundernswerten Credo: Die Frau kommt zuerst ... im wahrsten Sinne des Wortes.

Bei ihm und mir hatte es nicht lange gedauert, bis er mich zum ersten Mal in den Orgasmushimmel fliegen ließ. Damit meine ich nicht diesen "Ja, ich glaube schon, dass ich gekommen bin"-Höhepunkt, der in Wirklichkeit gar keiner ist. Ich meine einen "Scheiße, was zur Hölle stellst du da bitte an? Hör bloß nie wieder damit auf"-Orgasmus, der einen durchs halbe Bett springen lässt.

Ich möchte hier niemanden diskreditieren, nur weil er glaubt, dieses leichte Kribbeln zwischen den Beinen sei schon ein Orgasmus, aber wer einmal so ein Mega-Ding erlebt hat, der will das wieder und wieder und gibt sich nicht mehr mit einem Höhepunkt zufrieden, bei dem man sich erst mal fragen muss, ob das jetzt wohl vielleicht unter bestimmten Umständen doch ein kleiner Orgasmus war.

Ich glaube, es war bei unserem dritten, spätestens aber beim vierten Date, als Basti mir das erste Mal zeigte, wie sich so ein "Ich springe gleich durchs Bett"-Orgasmus anfühlt. Ihr seht also: Obwohl ich vor Basti schon einige Sexpartner hatte, hat auch eine Julie Schmidt lange gebraucht, um so einen Höhepunkt zu erleben.

Orgasmen haben viele Gesichter

Vielleicht muss ich an dieser Stelle noch mal kurz erwähnen, dass Orgasmen viele Gesichter haben: Mal kommen sie leise und schleichend; mal schillern sie; mal kommen sie kurz und heftig; mal kann man sich darin suhlen wie eine Sau im Schlammbad; mal werden sie klitoral ausgelöst; mal vaginal; mal durch eine Penis; dann durch eine Zunge; eine Duschbrause oder durch ein Sextoy. Ich kann euch versichern: Jeder Orgasmus fühlt sich anders an. Deshalb ist es für mich tatsächlich doch nicht so einfach, die unterschiedlichen Höhepunkte als solche zu identifizieren, weil ich jeden Orgasmus mit dem vergleiche, die Basti einst in mir ausgelöst hat.

Heute kann ich euch ganz sicher sagen: Das waren nicht nur kleine Wellen der Glückshormone, das waren Monster-Tsunamis, die mich, meinen Hormonhaushalt und mein Gefühlsleben mit so einer Macht überrollten, dass ich währenddessen die komplette Kontrolle über mein Leben verlor.

Tja, und nun sitze ich hier und muss mit Erschrecken feststellen, dass ich diese Art von Orgasmen schon echt lange nicht mehr erlebt habe. Der erste Typ nach Basti hatte es fast geschafft, mich in den Himmel fliegen zu lassen, bis ich feststellen musste, dass seinem Penis für meine Vagina wohl einfach zwei Zentimeter fehlten (#sadstory). Der nächste, der sein Glück probieren durfte, schaffte es nicht, weil wir nicht genug Zeit hatten, um uns einzuspielen, der darauffolgende war einfach nicht gut genug im Bett, und für wieder andere fand ich dann noch weitere kreative Ausreden, warum sie es in diesem Moment nicht geschafft hatten, mir einen "Ich spring gleich durchs Bett"-Orgasmus zu verpassen.

Nur damit wir uns richtig verstehen: Ich will hier keinen meiner Sexpartner bloßstellen. Boys, wenn ich mit euch in der Kiste gelandet bin, dann seid ihr schon mal in den auserwählten Kreis der Julie Schmidt gekommen, und das schaffen echt nicht so viele Männer (auch wenn man aufgrund der Kolumne den Eindruck haben könnte, dass ich alles bumse, was bei drei nicht auf dem Baum ist).

Selbst meine heißgeliebten Vibratoren und anderen Sextoys, von denen ich genügend unter meinem Bett horte, haben es bis dato nicht geschafft, mich so durchdrehen zu lassen, wie es Basti einst tat.  

The perfect penis-match

Ich habe mich jetzt schon häufiger Mal gefragt, was Bastis und meinen Sex so besonders machte, dass er mich quasi mit dem kleinen Finger ... okay manchmal war es auch eine ganze Hand ... an die Decke gingen ließ. Ich denke, dass bei uns einfach alles zusammenkam, was frau für so einen Orgasmus braucht: Erstens passten unsere Körper wie zwei Puzzleteile zusammen – sein Penis hatte nicht nur die perfekte Länge, sondern auch noch die perfekte Breite.

Zweitens war er ein Meister im Zungenspiel. Drittens hatten wir zumindest im Bett die korrekteste Basis, die eine Frau und ein Mann nur haben können, wir probierten alles aus, was wir uns in irgendeiner Weise als sexy Fantasie vorstellen konnten, wir gingen dabei auch häufig über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus, allerdings war das nie ein Problem für uns, weil wir uns viertens blind unser Leben anvertrauten (was, um ehrlich zu sein, bei so manchem Experiment wirklich das eine oder andere Mal in Gefahr geriet).

Jedenfalls sorgte diese perfekte Mischung aus physischer und psychischer Verbundenheit dafür, dass wir meinem Orgasmus im Laufe der zwei Jahre nicht nur immer näher auf die Schliche kamen, sondern ihn von einer kleinen Welle zum Super-Tsunami weiterentwickelten.

Die ersten Male ließ er mich klitoral aufs nächste Orgasmuslevel springen, irgendwann war es die Kombination aus einem klitoralen und vaginalem Orgasmus, kurz darauf klappte es sogar mit dem vaginalen Orgasmus ganz alleine, und der Höhepunkt war dann der erste G-Punkt-Orgasmus, der im wahrsten Sinne des Wortes einen Tsunami auslöste. Ich sage nur so viel: Ab diesem Zeitpunkt gehörte ein Handtuch jedes Mal ins Bett, wenn er mich mal wieder um den Verstand bringen wollte.

Wenn ich heute daran denke, wie heftig meine Orgasmen bei ihm waren, verstehe ich, warum ich damals so sehr an unserer Beziehung festgehalten habe. Ich wusste einfach, dass es verdammt viel Arbeit werden würde, jemals wieder so einen Sexpartner zu finden. Das traurige an der Sache ist: Ich scheine damit recht behalten zu haben ...

Meine Vagina ist eine anspruchsvolle Diva

Ich liebe es immer noch, richtig hart gevögelt zu werden, noch mehr liebe ich übrigens meistens das Vorspiel, allerdings gehe ich bei einem Durchschnittsorgasmus nicht ansatzweise so ab wie bei diesen Basti-Höhepunkten. Und das ist echt scheiße! Denn wie wir alle wissen, sind die meisten Typen von mir ja sowieso schon eingeschüchtert, wenn sie dann auch noch feststellen, dass ich ihnen beim Sex jetzt nicht gleich die Haare vom Kopf reiße, weil ich mich irgendwo festkrallen muss, fühlen sie sich einfach beschissen. Das wiederum bringt mich dann in eine blöde Situation – ich will ja keinem Typen ein schlechtes Gefühl geben.

Ich kann das ja irgendwie nachvollziehen: Die Männer, mit denen ich in der Kiste lande, sind echte, erfolgsverwöhnte Macher, die in ihrem Leben sonst alles ziemlich gut im Griff haben, und dann kommt so eine Frau wie ich (von der sie wissen, dass sie ihre tollen Orgasmuserfahrungen rausposaunt, als würde sie eine Kandidatur als Kanzlerin des Sex-Landes anstreben), und schon fühlen sie sich in ihrem Ego angeknackst, weil Julie Schmidt nur ein paar Seufzer loslässt und keinen ausgewachsenen Nervenzusammenbruch erleidet.

Es tut mir wirklich leid, dass meine Vagina nicht nur eine Herzensbrecherin, sondern auch noch eine Ego-Knackserin ist, aber jetzt versetzt euch doch mal in meine Lage ...

Ich habe mir sicherlich nicht ausgesucht, dass ausgerechnet der Typ, der mir mein Herz und meine Seele zerbrochen hat, die besten Orgasmen meines bisherigen (ich gebe die Hoffnung nicht auf) Lebens geschenkt hat. Dieser Kerl ist auf mir und meiner Gefühlswelt rumgetrampelt wie eine gottverdammte Horde aufgescheuchter Wildpferde. Dieser Typ hat mich damals zerstört, und soll mir jetzt auch noch meinen verfickten Orgasmus gestohlen haben?

Ich will wirklich mal wissen, was ich meinem gottverdammten Karma getan habe, dass ein Mann, der mich so mies behandelt hat, mir nicht nur mein Herz brechen durfte, sondern dann auch noch der einzige Typ auf dieser Welt war, der mich in den Orgasmushimmel lecken, vögeln, ficken konnte. Scheiße, es macht mich sogar richtig sauer, wenn ich jetzt so darüber nachdenke!

Es hat verdammt viel Arbeit gekostet, mich, mein Herz und mein Vertrauen nach dieser Trennung wieder halbwegs herzustellen, aber dass ich jetzt auch noch dafür kämpfen soll, endlich wieder so einen Orgasmus erleben zu dürfen? Das ist zu viel für meine Nerven!

Ich will meinen Orgasmus zurück

Denn ich will nicht die Frau sein, die anderen Männern ein schlechtes Gefühl beim Sex gibt, obwohl sie sich echt Bemühen und das Problem gar nicht bei ihnen liegt. Ich würde jetzt gerne sagen, dass das Problem bei Basti liegt, aber so viel Macht will ich ihm über mich und mein Sex-Leben eigentlich gar nicht mehr geben. Also liegt es wohl oder übel bei mir.

Tja, Julie Schmidt, die Sex-Kolumnistin, hat ein Orgasmus-Problem. Ich habe euch schon so viele Tipps und Ratschläge zu dem Thema gegeben: Du musst dich entspannen, du musst dich fallen lassen, du musst nicht zu viel darüber nachdenken, du musst Beckenbodentraining machen, du musst deinen Körper erforschen. Alles tested und für gut befunden by Julie Schmidt herself, bringt nur leider gar nichts, wenn man körperlich anscheinend immer noch nicht mit einem seiner Exfreunde abgeschlossen hat.

Das ändere ich jetzt ... und wenn mich dafür die nächsten Wochen jeden Abend drei Stunden in mein Bett legen und masturbieren muss! Ha! Mein Herz hat dieser Typ mir vielleicht geklaut, aber ganz sicher nicht meinen verdammten Orgasmus! 

Deine Sex-Fragen

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Quelle: Noizz.de