Von Berlin über Warschau bis Belgrad.

Depressionen sind ein ernsthaftes Problem, das uns, unsere Freunde und Familie betrifft. Man entscheidet sich nicht bewusst für sie. Depressionen betreffen Schüler, Studierende, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Aktivisten, Ärzte, aber auch Prominente – Rapper, Sportler, Influencer, Models.

Deshalb hat NOIZZ die Aktion #NotJustAMood ins Leben gerufen. In den kommenden Monaten werden wir das Thema Mental Health aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und darüber reden, dass es sich lohnt, auf die Hilfe von Spezialisten zurückzugreifen.

Für den vorliegenden Artikel haben uns neun junge Europäer erzählt, an welchen psychischen Krankheiten sie leiden und wie sie damit umgehen. Die Geschichten sollen Mut machen und Bewusstsein schaffen. In den meisten von ihnen geht es um Depressionen.

Wenn du eine ähnliche Geschichte zu erzählen hast, schick sie uns gerne per E-Mail an editorial@noizz.de. Wenn du Ideen hast, welche Aspekte wir in den nächsten Monaten noch behandeln können, sag uns bitte ebenfalls Bescheid!

Übrigens: Wenn du selbst depressiv bist, Suizid-Gedanken hast, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de).

Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

Kex Kuhl, Rapper aus Berlin, 29 Jahre alt: "Plötzlich konnte ich nicht mehr Autofahren"

Kex Kuhl Foto: Kex Kuhl / Promo

Meine Krankheit brach zwar erst mit 26 Jahren aus, aber sie bahnte sich schon viel früher an. Kurz nach meinem Umzug in meine erste eigene Wohnung merkte ich, dass ich noch weniger aus dem Haus ging als sonst und Freunde mied. Man könnte jetzt meinen, dass ich vorher richtig viel mit Menschen interagiert habe, aber dem war nicht so. Ich lernte schon früh, Menschen zu hassen – aber dafür gibt es auch gute Gründe.

Ein kleines Beispiel: Als ich sechs Jahre alt war, wurden mein großer Bruder und ich in unserem Innenhof in Mainz von einem 14-Jährigen mit einem Teppichschneidemesser an unserem Hals dazu aufgefordert, in unser Land zurückzukehren ... Und das ist nur meine erste von vielen Begegnungen solcher Art gewesen.

Aber zurück zum Thema: Anfangs skippte ich einfach nur ein paar Partys oder Treffen und dachte, es sei nur eine Phase. Aber plötzlich konnte ich nicht mehr Autofahren, ohne Schweißattacken zu bekommen und mich unfassbar unwohl zu fühlen. Also wurde ich Beifahrer. Nur, das ging auch nicht lange gut. Nach und nach konnte ich alltägliche Dinge nicht mehr handhaben, ohne dass ich mich dabei zu Tode fürchtete. Fahrstühle, Rolltreppen, Bahngleise, öffentliche Verkehrsmittel, Wartezimmer und vor allem Einkaufspassagen wurden plötzlich unbetretbar und zu einem Trigger meiner Angst.

Ich war zuvor noch nie so überfordert mit mir selbst gewesen und erzählte deshalb absolut niemandem davon. Und eine Depression wollte ich mir auch um keinen Preis eingestehen.

Das Verdrängen mit Alkohol und Drogen lief eine Zeit lang ziemlich gut – bis zu meiner ersten Panikattacke. Zum Glück hatte ich die bei einem sehr guten Freund von mir, der mir da gut durch geholfen hat. Er kämpft bis heute selber noch damit, aber wusste natürlich, wie man damit umgeht. Da redete ich zum ersten Mal über meine Ängste, Sorgen – und über meine Depression. Nachdem ich merkte, dass ich nicht der einzige war, dem es so ging, war es mir möglich, diese Krankheit auch als solche zu akzeptieren und etwas dagegen zu unternehmen. Natürlich war es von da an ein harter Kampf, der auch noch lange nicht vorbei ist, aber das wichtigste war, diesen ersten Schritt zu machen und darüber zu sprechen.

Andrzej aus Polen, 35 Jahre alt: "Zum Glück war da meine Freundin"

Symbolbild Foto: unsplash.com / Adam Wyman

Irgendwann willst du deine Wohnung nicht mehr verlassen, nicht mehr mit Menschen sprechen, dich nicht mehr an Aktivitäten beteiligen. Nach einiger Zeit kam mir der Gedanke, dass ich eigentlich nicht mehr glücklich bin, mich gestresst fühle, bevor ich das Haus verlasse, mit anderen Leuten rede oder sogar morgens, wenn ich aufstehen will. Lebensangst. Ständige Angst und Stress.

Es passiert langsam, weshalb du es lange nicht bemerkst. Du denkst, du bist halt einfach so. Auf ewig unglücklich. Zum Glück war da meine Freundin. Sie hat mich dazu gedrängt, Hilfe in Anspruch zu nehmen, und mir dabei geholfen, einen Spezialisten zu finden.

Heute bin ich seit sieben Monaten in Therapie, seit fünf Monaten nehme ich Medikamente. Leider kann man nur dann auf gute, professionelle Hilfe zählen, wenn man Geld hat. Für einen Termin bei einem Spezialisten im Rahmen des Nationalen Gesundheitsfonds wartet man monatelang. Das Schwierigste ist die Hilflosigkeit. Trotz fachmännischer Hilfe verbessert sich die Lage nicht von heute auf morgen.

Mit Depressionen zu leben, ist schrecklich. Du hast das Gefühl, die ganze Zeit einen riesigen schweren Rucksack zu tragen. Außerdem werden depressive Menschen die ganze Zeit damit konfrontiert, dass andere ihre Krankheit nicht ernst nehmen, sondern glauben, sie hätten das alles nur erfunden und in echt wären sie nur traurig und faul. Du hörst auf, dich wie du selbst zu fühlen und gerätst immer tiefer hinein. Menschen, die diese Krankheit haben, verstehen sie oft nicht, sprechen sie klein, und manchmal lachen sie über sie. Und das, obwohl die Krankheit am Ende in den Tod führt. Sie ist selbstmörderisch.

Sebastian Goddemeier, Journalist aus Berlin, 25 Jahre alt: "Die Panik kommt jedes Mal, wenn ich nicht ich selbst bin"

Sebastian Goddemeier Foto: Luisa Hemmerling

Meine erste Panikattacke ereilte mich 2016 im Alter von 22 Jahren. Es war der Tag, an dem man mir einen Tumor in meinem linken Lungenflügel diagnostizierte. Umfang: acht Zentimeter.

Abends saß ich mit Freunden in einer Bar, trank nur Wasser. Irgendwann schienen die Wände näher zu kommen, die Musik lauter zu werden, ich schien keine Luft mehr zu bekommen. Raus hier, sagte mir etwas. Draußen an der frischen Luft musste ich mich auf den Gehweg setzen. Ich konnte gar nicht fassen, was da mit mir passiert war – die Panik.

Später, zu Hause, dachte ich mir nichts mehr dabei. Wird schon gut sein, war halt wegen der Musik oder was auch immer. Beim Einschlafen jedoch fing mein Herz wie wild an zu schlagen. Meine Brust schnürte sich zu. Der Gedanke "Ich werde jetzt sterben" wollte meinen Kopf nicht mehr verlassen. Die Panik hatte mich ab diesem Moment fest im Griff. Mein Körper war in Alarmbereitschaft.

Ich rief den Krankenwagen, wurde in eine Klinik gebracht. Man setzte mich auf Tavor, ein starkes Mittel gegen die Angst, das abhängig machen kann. Man fühlt sich wie eine leere Hülle, schläft den ganzen Tag. Obendrein bekam ich von den Pillen gegen meine Gefühle auch noch eine Bindehautentzündung. Die Lungen-OP kam, der Tumor ging, die Panik blieb.

Zwei, drei Jahre lang kämpfte ich mit der Angst. Sie fasste mich immer häufiger. Im Büro, in der U-Bahn, beim Sport, zu Hause, bei Dates, an Weihnachten. Irgendwann bekam ich Angst vor der Angst. Ich betäubte mich mit Alkohol, wollte nicht fühlen. Mein Nacken war immer angespannt. Ich schämte mich für meine Panikattacken und wollte niemandem erklären, was da in mir vorging – schon gar nicht auf der Arbeit. Meine Familie schien überfordert.

Nach der Lungen-OP begann ich eine Psychoanalyse. Dreimal die Woche lag ich bei meinem Therapeuten auf der Couch. Besser wurde es jedoch erst, als ich 2018 den Alkohol aufgab. Damit kam ich der Panik auch auf den Grund. Die Panik kommt jedesmal, wenn ich nicht ich selbst bin. Wenn ich mich von meinen Gefühlen ablenke, nicht in Kontakt mit mir selbst bin. Wenn ich mir selbst aus dem Weg gehe und nicht auf meine Intuition höre. Jahrelang versuchte ich jemand zu sein, der ich nicht war.

Heute habe ich keine Panikattacken mehr, bin mehr ich selbst denn je. Und wenn die Panik doch mal kommt, dann weiß ich, dass ich etwas falsch mache. Dass mein System überladen ist, weil ich mich mit etwas nicht auseinandersetzen möchte. Das ist meine Wahrheit, sie muss nicht auf dich zutreffen. Aber ich bin mir sicher, dass es auch eine Lösung für dich gibt, falls die Panik dich immer wieder besucht. Der Schriftsteller Benedict Wells hat einmal geschrieben: "Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind: Man weiß nie, wann er zuschlagen wird." So ist es auch mit der Panik.

Ewa aus Polen, 25 Jahre alt: "Ich weiß, dass ich mich nicht wirklich umbringen will"

Ich bin wahrscheinlich die letzte Person, die man einer Depression verdächtigt. Ich bin kontaktfreudig, voller Energie und Ideen. Aber manchmal passiert es, dass die Person, die am meisten lächelt, die größten Geheimnisse birgt.

Ich war Teenager, als mein Vater anfing zu trinken. Meine Familie verlor das Haus; sogar meinen Hund musste ich ins Tierheim geben. Während all diesen Jahren schlug ich mich mit Kindheitstraumata herum – ohne Medikamente, weil ich einen Freund hatte, der mich unterstützte.

Vor einem Jahr verließ er mich. Ich verlor dadurch nicht nur meine Liebe, sondern vor allem die eine Person, bei der ich mich sicher fühlte. Nichts schützte mich mehr vor dem Schwarzen Loch. Ich hatte zwar viele Freunde, konnte aber niemandem sagen, wie schlecht ich mich fühlte. Ich hörte auf zu essen und zu schlafen. Zu einem Psychiater ging ich erst, als ich anfing, davon zu fantasieren, von einer Brücke zu springen.

Ich weiß, dass ich mich nicht wirklich umbringen will. Es ist die Krankheit, die diese Gedanken in mir weckt. Ich habe eine Depression und arbeite an ihr, und gleichzeitig liebe ich das Leben und was ich im Leben mache. Medikamente geben mir Stabilität und das Vertrauen, mit mir selbst sicher zu sein. Ich werde sie so lange nehmen, bis ich mir absolut sicher bin, dass der Wille zum Leben in mir stärker ist meine Selbstmordgedanken.

Carmel Paradise Buckingham, Pop-Punk-Sängerin aus Bratislava und Nashville, 21 Jahre alt: "Es gibt Hilfe, man muss sie nur zulassen."

Carmel Paradise Foto: Instagram / carmelparadise

Ich wusste nicht, dass es sich um eine Depression handelte, weil ich erst zwölf Jahre alt war. Ich fühlte mich schlecht, ich hatte Panikattacken. Mit 15 versuchte ich, mich umzubringen. Man lieferte mich ins Krankenhaus ein. Am Ende schrieb ich einen Entlassungsbericht, in dem ich feststellte, dass ich an Depressionen, Angststörungen, Panikattacken und Zwangsstörungen litt.

Es war ein seltsames, aber gutes Gefühl. Endlich verstand und wusste ich, wer ich war und warum ich mich so fühlte. Obwohl es sehr traurig war, wusste ich, was los war und dass ich daran arbeiten konnte. Ich hasste es, als sie mir sagten, mein Zustand würde sich verbessern. Ich fühlte mich nicht gut. Aber ich wusste, dass sich das ändern würde.

Es gibt Hilfe, man muss sie nur zulassen.

Mila aus Belgrad, 16 Jahre alt: "Sie weiß, wo du wohnst und wie sie dich findet"

Depression ist wie eine alte Bekannte, die man überall hin mitschleppt – ob man will oder nicht. Man hat sich ganz zufällig kennengelernt, und sie hat dich sofort verzaubert und sich in deinen Alltag geschlichen. Sie folgt dir auf Schritt und Tritt, lauert dir auf, sitzt oft auf deiner Brust und erschwert dir das Atmen. Sie macht sich bemerkbar, bevor du einschläfst oder aufwachst und flüstert dir zu, um dich daran zu erinnern, dass sie da ist.

Depression. Ein paar Mal bist du ihr fast entkommen, aber du hast dich einfach zu sehr an ihre Gegenwart gewöhnt. Deinen Freunden und deiner Familie gefällt es nicht, wenn sie da ist und wie sie auf dich wirkt. Manchmal bitten sie dich sogar, ihr nicht mehr nachzugeben und zuzuhören – sie einfach loszuwerden.

An guten Tagen, in jenen raren Momenten, wenn du sie zu Hause lässt, wirst du an dein echtes Leben erinnert und daran, dass es dir viel besser geht, wenn sie nicht bei dir ist. So würdest du gerne immer sein. Das geht aber nicht. Denn sie weiß, wo du wohnst und wie sie dich findet. Und paradoxerweise weiß sie, wann du sie am meisten brauchst. Sie wird zu deiner verqueren Freundin, die dir Gesellschaft leistet, wenn du es mal wieder nicht schaffst, den anderen zu erklären, warum du so bist, wie du bist. Sie ist ein toxischer Hafen, den du nicht los wirst, dem du nicht entkommst – und den du hasst.

Depression raubt dir die Kraft, stiehlt dir die Zeit und macht dich zur Hülle dessen, was du einmal warst. Du musst sie unbedingt loswerden. Hol dir dazu professionelle Hilfe.

Agata aus Polen, 35 Jahre alt: "Ich hatte alle Signale ignoriert"

An meinem 32. Geburtstag bin ich nicht aus meinem Bett gekommen – aber die Depression kam nicht über Nacht. Ich habe lange auf diesen Augenblick hingearbeitet. An jenem Tag entschied mein Körper für mich. Davor hatte ich alle Signale ignoriert – zwei Jahre lange Schlaflosigkeit, Panikattacken, die immer häufiger wurden, Suizidgedanken, die sich mir aufdrängten.

Wenn ich nicht mehr schlafen konnte, ging ich Laufen, wenn ich daran dachte, mich umzubringen, stürzte ich mich in Arbeit, wenn ich nicht mehr verstand, was ich las, wiederholte ich einen Satz so oft, bis sein Inhalt erschien. Ich hatte das Gefühl, krank zu sein, aber ich tat alles, um nicht zugeben zu müssen, dass ich eine Depression hatte. Das hätte für mich nämlich bedeutet, nicht wirklich cool zu sein, nicht zu schätzen, was ich hatte, nicht in der Lage zu sein, Dinge anzugehen.

Wenn du dir dein Bein brichst, sieht das jedes Kind. Aber wie erklärst du es anderen, wenn du innerlich zerbrichst? Als ich es nicht mehr verbergen konnte, suchte meine Freundin einen Psychiater für mich. Ich wurde für einen Monat freigestellt und nahm Medikamente, die mich über zwölf Stunden am Tag schlafen ließen – und ich fühlte mich schlechter als vor meinem Besuch bei jenem Spezialisten. Ich fühlte mich total abgeschnitten von der Wirklichkeit. Nichts konnte mir einen Boost geben oder mich glücklich stimmen. Handelte es sich vielleicht doch nicht um eine “herkömmliche” Depression, keine bipolare Störung? Neue Medizin, weitere Monate Freistellung.

Ich hatte Glück, weil ich eine Festanstellung hatte und meine Chefin meiner Krankheit mit vollstem Verständnis begegnete. Sie hatte selbst einmal eine Depression. Was hätte ich gemacht, wenn ich – so wie die meisten meiner Freunde – keine solche Unterstützung gehabt hätte? Nach vier Monaten kehrte ich zur Arbeit zurück, nach über einem Jahr setzte ich die Medizin ab. Parallel zu Antidepressiva fing ich an, zum Therapeuten zu gehen. Dieser ist zwar ziemlich teuer, aber nach drei Jahren gehe ich immer noch zu ihm, damit ich meine Balance nicht verliere.

Judit aus Budapest, 25 Jahre alt: "In mir drinnen tat es so weh"

Ich war 22, als die ersten Symptome einer Depression auftraten. Heute bin ich 25 und gesund, aber bis hierhin war es ein sehr langer Weg.

Es begann alles mit dem Gefühl, allein zu sein. Ich fühlte mich von meiner Umgebung abgeschnitten, aber beachtete es nicht weiter. Ich wollte nur noch alleine sein und verlor mich in meiner Einsamkeit. Ich konnte weder schlafen noch essen, und es gelang mir nicht mehr, meinen Alltag zu bewältigen.

Depressionen, Angstzustände und die damit einhergehenden Panikattacken führten schließlich dazu, dass ich mich selbst verletzte. In mir drinnen tat es so weh, dass ich dachte, es wäre leichter zu ertragen, wenn es draußen auch weh tut. Deshalb habe ich mich mehrmals geschnitten – um meinen inneren Schmerz nicht mehr zu spüren.

Das erschreckte mich so sehr, dass ich meine Familie involvierte. Die wiederum litt unter dem Gefühl, an meinem Leid mit schuld zu sein. Dann ging ich zu einem Psychologen, danach zu einem Psychiater, der mir ein schwaches Antidepressivum verschrieb, das ich vier Monate lang einnahm.

Die vollständige Heilung dauerte jedoch viel länger: Ich besuchte ein halbes Jahr lang einen Psychotherapeuten, aber es dauerte ein ganzes Jahr, bis ich wieder gesund war. Was sehr geholfen hat: Dass ich für ein Vierteljahr in die USA ging. Das vereinfachte es mir, der Ursache des Ganzen zu entkommen und gestärkt zurückzukehren.

Carlotta Pollmann, Fashion-Bloggerin aus Berlin, 21 Jahre alt: "Selbstverletzung ist eine Sucht"

Carlotta Pollmann Foto: Pietro Groff

Meine Geschichte mit der Krankheit fing mit 14 an. Langsam aber sicher machten sich bei mir Gefühle bemerkbar, von denen ich bis dato nichts wusste. Ich fühlte entweder gar nichts oder nur Schmerz in mir. So fing ich an, einen Ausweg aus diesen zwei Zuständen zu suchen und landete erst bei einer Bastelschere, dann einem Messer und schließlich bei einer Rasierklinge. Ich fing an, mich selbst zu verletzen.

Natürlich waren das keine gesunden Wege, mit meinen Gefühlen umzugehen – ich wusste es aber nicht besser. Ich wurde abhängig von dem Schmerz und der Erlösung, die mit ihm kam. So wurden aus kleinen Kratzern tiefe Schnitte und aus einmal die Woche wurde dreimal am Tag. Selbstverletzung war für mich der einzige Ausweg, einen Moment lang Frieden mit mir selbst zu haben. Denn wenn ich gar nichts fühlte, schnitt ich mich, um Schmerz zu spüren, Blut zu sehen, mich irgendwie lebendig zu fühlen.

Wenn ich innerlich Schmerz spürte, schnitt ich mich ebenfalls, denn der äußere Schmerz war um einiges erträglicher als das, was in mir passierte.

Selbstverletzung ist eine Sucht, und auch wenn es mir für einen kurzen Moment besser ging, wurde danach alles nur noch schlimmer. Ich bereute es, ich wurde wütend auf mich selbst, versank im Selbsthass und schnitt mich wieder. Ein Teufelskreis, aus dem ich – Gott sei Dank – ausbrechen konnte.

Mit Hilfe von Familie, Freunden, unzähligen Therapien und vor allem meinem eigenen Willen bin ich seit mehreren Jahren frei von Selbstverletzung und akzeptiere meine Depressionen. Ich habe gelernt, darüber zu reden und so gesund mit dem Schmerz umzugehen. Wenn ich das schaffe, schaffst du das auch.

Quelle: Noizz.de