Ein Plädoyer für mehr Mut es zu beenden, wenn die Beziehung einfach nicht mehr funktioniert. Klingt nach Anti-Valentinstag? Ist aber ein Appell für gesunden Umgang mit anderen und vor allem sich selbst.

Trennungen sind Selfcare! Klingt paradox? Verständlich: Breakups sind meistens keine besonders schöne Sache. Es hängt immer damit zusammen, jemanden aus seinem Leben zu verabschieden, mit dem man im besten Fall sehr vertraut war. Es hat viel mit Verletzungen, Schmerz und Ängsten zu tun. Man hat vielleicht schon Monate oder Jahre miteinander verbracht, schöne Momente miteinander geteilt und Krisen durchgestanden – sowas wirft ja keiner gerne Weg. Das Problem ist nur: Wenn die Liebe weg ist, kann man ihr Fehlen auch nicht durch Gewohnheit oder positive Gedanken ausgleichen. Es ist besser sich zu verabschieden und zu gehen. Oder wie es Samy Deluxe ausdrückt:

"Mach einfach Schluss, Muddi!"

Sebile und Andi sind seit zwei Jahren ein Paar. Sie gehören zu meinem engeren Freundeskreis, Andi war zuerst da, er brachte Sebile in unseren Orbit. Die beiden haben sich durchs Studium kennengelernt, beide sind angehende Biologen. Und genau das ist so ziemlich der einzige gemeinsame Nenner, den die beiden je hatten.

Es ist ein bisschen wie bei "Skater Boi" von Avril Lavigne: Er ist der abgerissene Punk, sie eher das Uptown Girl – um es mal sehr grob und oberflächlich zu umreißen. Aber tatsächlich ist sie die leicht Konservative, die zwar ein reges Sozialleben hat, aber dafür sehr wenige Hobbys. Andi ist hingegen ständig unterwegs, er ist ein unübersehbarer Charakter und bastelt gefühlt ständig an etwas Neuem herum.

Als Andi seine neue Freundin das erste Mal vorstellte, dachte ich "Die bleibt nicht lange!" – ich habe mich geirrt. Nach einem Jahr Beziehung und Unzertrennlichkeit zog er mit in ihre Wohnung, weil er sowieso aus seiner WG ausziehen musste. Die beiden sind super auch wenn ich nie verstanden haben, was die beiden aneinanderhält. Aber: Nur weil man etwas nicht versteht, muss es nicht falsch sein.

Zumindest so lange es noch die rosarote Brille gibt – und die scheint nun endgültig von den Nasen der beiden gerutscht zu sein. Es ist ewig her, seit ich Andi und Sebile zusammen gesehen habe, er spricht kaum noch über sie – bis er mir irgendwann auf einer Party gesteht, dass er schon lange nicht mehr glücklich ist. Er findet Sebile träge, hat wenig, was er mit ihr besprechen kann – außer halt Alltägliches. Im Bett läufts zwar noch, aber sonst ginge man sich eigentlich nur noch auf die Nerven, wenn man denn überhaupt miteinander spricht.

"Nimm deine Schuhe mit wenn du gehst und dreh dich nicht um"

Karsten und Anton sind seit knapp zehn Jahren ein Paar. Sie sind vor acht Jahren gemeinsam nach Berlin gekommen und wohnen seither auch zusammen. Sie sind die besten Gastgeber und eines dieser Pärchen, die einfach Ruhe ausstrahlen. Ich dachte immer: Das sind Couple Goals. Menschen, die sich blind vertrauen, einander so gut kennen wie sonst niemand und einander alle Freiräume geben. Als Karsten etwa ein Praktikum in Amsterdam machte, blieb Anton in aller Ruhe in der Hauptstadt und werkelte an seiner eigenen Karriere. Alles kein Problem.

Ich hab mir nie Gedanken darüber gemacht, dass es bei den beiden jemals kriseln könnte. Karsten und Anton – keine Beziehung, sondern eine echte Institution. Seelenverwandte, die halt auf ewig miteinander verbunden bleiben und einem den Glauben an die Liebe zurückgeben.

Kürzlich erzählte Karsten mir plötzlich, dass die beiden nun eine Paartherapie machen. Vor drei Jahren hätte es angefangen, dass sie eigentlich gar nicht mehr als Paar zusammenleben. Jeder geht seine eigenen Wege. In unserem Gespräch sinniert er darüber, dass die vielen Freiräume vielleicht am Ende zu gut gemeint waren und jeder sich im Prinzip an sein Leben als Single gewöhnt hat. Er spricht über seine Beziehung, als sei sie schon vorbei, bevor er die Ratschläge der Therapeutin wie ein Mantra aufsagt: Wieder lernen sich als Einheit, als "Wir" zu betrachten. Den anderen wieder im eigenen Alltag mitdenken. Einen gemeinsamen Urlaub planen. Seine Worte klingen wie erbaulich gemeinter Lifecoach-Ted-Talk, ohne Aussicht auf Erfolg.

"Never mind, I'll find someone like you"

Andi, Sebile, Anton und Karsten haben eigentlich einen anderen Namen, aber ihre Charaktere sind echt und ihre kaputten Beziehungen auch. Mir kommt es nach langwierigen und mittlerweile auch echt vielen Gesprächen vor, als würden sie und ihre jeweiligen Partner aus ganz unterschiedlichen Gründen an den leeren Hülsen ihrer Beziehungen festhalten. An einer Idee, die sie mal hatten – oder an einem Versprechen, das sich aber niemals erfüllen wird.

Andi und Sebile streiten mittlerweile mehr, Karsten und Anton sprechen teilweise tagelang kein Wort miteinander. Wenn ich die beiden Frage, warum sie sich das noch antun, kommt im Prinzip immer ziemlich viel Gedruckse und am Ende "Man liebt den anderen ja irgendwie schon noch." – und genau das glaube ich den beiden nicht. Man kann jemanden nicht "irgendwie schon" lieben. Entweder man liebt oder man liebt nicht. Jemanden "irgendwie schon" zu lieben bedeutet, dass die Liebe weg ist, man es sich aber nicht eingestehen kann.

Stattdessen wird sich darauf konzentriert, dass "irgendwie lieben" zu füllen: Für Andi ist die Beziehung zu Sebile eine der ersten Partnerschaften, die mal länger gehalten haben. Karsten und Anton haben beinahe die Hälfte ihres Lebens miteinander verbracht. Beide müssten ganze Hausstände auflösen, sich neue Wohnungen suchen und sich eingestehen, dass ein Lebensabschnitt vorbei ist. Andi erzählte mal, dass er mit Sebile den besten Sex der Welt hat und sie denselben Filmgeschmack haben. Karsten hatte ein ziemlich kompliziertes Coming-out aufgrund seiner konservativen Familie – eine Zeit in der vor allem Anton permanent für ihn da war. Mal eben Schluss machen ist für beide schwierig – aber ich denke, es ist nötig. Und damit bin ich nicht alleine.

"My tears dry on their own"

Der Paartherapeut Hans Jellouschek sagt in einem Interview, dass viele Paare in Beziehungen bleiben, weil sie – auch wenn unglücklich – immer noch gewisse Grundbedürfnisse erfüllt. Man ist nicht einsam, muss sich um alltägliche Probleme nicht alleine kümmern. Aber lohnt es sich wirklich, eine gescheiterte Beziehung dafür aufrecht zu erhalten? Jellouschek sagt Nein: "Ich verschließe die Augen vor der Realität und bleibe in einer Beziehung, die mich stark blockiert. Ich muss einen großen Teil meiner Gefühle ausblenden und bin immer weniger als eine lebendige, fühlende Person ansprechbar." Eine Trennung kann einem also Lebensfreude zurückgeben und einen wieder intensiver fühlen lassen.

Es ist auf den ersten Blick schwieriger, sich zu trennen und einen Neuanfang zu starten – die wenigsten Menschen bewegen sich gerne in kompletten Neuland und verlassen eine gewohnte Situation. Aber innerhalb der eigenen Comfort Zone ist es zwar vertraut – hier wird sich aber niemals etwas weiterentwickeln. Erst recht nicht, wenn die Energie dabei drauf geht, sich eine funktionierende Beziehung vorzugaukeln.

Aber eine Trennung ist halt auch ein Neuanfang und eine Situation, die einen im Großen und Ganzen dazu zwingt, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Man ist damit konfrontiert, eine Entscheidung zu treffen, die die eigene Biografie betrifft. Und die einen aus einer angewöhnten Lethargie befreit. Es ist Selfcare, man selbst steht im Mittelpunkt seiner Gedanken und nicht etwa die Frage danach, wie sehr der andere nervt oder ob es denn nun normal ist, dass es einem egal ist, wo der andere sich gerade aufhält.

"We Are Never Ever Getting Back Together"

Das klingt jetzt alles ein bisschen nach "Eat. Pray. Love." – ist aber am Ende alles eine Sache der eigenen Erfahrung. Vor Jahren steckte ich in einer siebenjährigen Beziehung, die aus einem zusammen entworfenen Lebensplan und sehr viel Gewohnheit bestand. Ich wusste schon länger, dass die Liebe weg ist – zumindest von meiner Seite. Es hat gedauert, bis ich mich zu der Trennung durchrang. Danach kamen die wohl anstrengendsten, wertvollsten und heilsamsten Monate meines Lebens. Die Trennung damals hat mich gerettet – ich habe in ihrem Zuge dann auch direkt alles andere aufgeräumt und Dinge angefangen, die ich mich vorher nicht getraut habe. Ich habe die Stadt und den Beruf gewechselt, habe alles auf null gestellt und von vorne angefangen. Es war das Beste, was ich hätte tun können.

Andi ist mittlerweile bei seiner Sebile ausgezogen, sie ist jetzt seine Ex. Die beiden streiten sich immer noch viel. Er möchte aber nicht mehr zurück. Er fängt nun seinen Abnabelungsprozess an – der bisher hauptsächlich aus Selbstmitleid und Wut besteht. Karsten und Anton sprechen mittlerweile offen über die Möglichkeiten einer Trennung. Ob sie es durchziehen? Keine Ahnung. Ich würde es ihnen dringend raten. Trennungen sind nie das Ende von etwas, sondern der Anfang von etwas Neuem.

Deshalb meine Message: Wenn es nicht mehr läuft, tut euch und eurem Partner den Gefallen und trennt euch.

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Quelle: Noizz.de