Okay, manchmal auch nicht. Aber doch meistens.

Es ist wieder so weit: Tausende von frischgebackenen Abiturienten fangen in diesen Tagen an zu studieren. Und egal ob Medizin, BWL, Jura, Lehramt, Kommunikationswissenschaft oder Germanistik, ein paar Dinge laufen doch immer gleich ab.

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Wir haben da so eine Theorie: Jede und jeder findet in den ersten Tagen seines Erstsemesters seinen Buddy für den Rest der Studienzeit.

Er oder sie wird immer da sein. Vielleicht mit Unterbrechungen. Und vielleicht ist es nach dem Studium auch vorbei mit den BFF-Feelings. Aber: Jeder findet so eine Person – okay, Ausnahmen bestätigen die Regeln. Aber um die soll es in diesem Artikel nicht gehen.

Irgendwie ist es ja auch total logisch: Wir alle haben uns zu Beginn unseres Studiums super orientierungslos gefühlt. Die Universität oder Fachhochschule wirkt überdimensional riesig, vor allem im Vergleich zum Gymnasium oder der Gesamtschule in der Hood. Dann zieht man vielleicht noch in eine andere Stadt, und wie überhaupt funktioniert das mit dem Stundenplan? Fragen über Fragen.

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Zum Glück hat die Hochschule deiner Wahl eine Ersti-Woche. Mit Orientierungsschnitzeljagden, Kneipentouren und jeder Menge anderer sinnlos-prägenden Veranstaltungen, die vor allem eins sollen: Den Zusammenhalt stärken.

In Wirklichkeit aber passiert das viel eher und auf ganz anderen Wegen. Wir haben vier Anekdoten aus dem Erstsemester, die euch zeigen, wie wundervoll Lebens-prägend und –verändernd diese Begegnung mit deinem, nennen wir sie/ihn „Ersti-Bestie“, seien können.

„Ein Raum voller Erstis und Unsicherheiten – auf Einführungsveranstaltungen an Unis verbündet man sich schnell mit den Leuten neben sich, um das Dickicht aus Stundenplanschreiben, Bibliotheksausweis beantragen und Fakultätspartys zu durchschauen.

Neben mir saß glücklicherweise Mirjam. Als wir uns über die günstigsten Handyverträge für Studierende unterhielten, fand ich sie zunächst vor allem sehr nett. Als wir drei Stunden später immer noch quatschend in der Mensa saßen, ich das erste Mal ihr tiefes, lautes Lachen hörte und mit welcher Leidenschaft dieses hübsche, schwarzhaarige Mädchen mit den dunklen Augen über ihr Lieblingsthema „Israel” sprach, dachte ich bereits, dass sie für länger bleiben würde.

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Das ist zwölf Jahre her, und wenn ich heute über sie spreche, nenne ich sie immer noch „meine beste Freundin”. Dabei trennen uns mittlerweile 600 km und vollkommen unterschiedliche Lebensentwürfe. Mirjam lebt mit ihrem Verlobten zusammen, ist Mutter eines kleinen Sohnes und promoviert im Großen und Ganzen zu ihrem Lieblingsthema. Ich lebe in der Großstadt und versuche meine Karriere als Freelance-Journalistin, eine Fernbeziehung und den recht schnellen Rhythmus dieser Stadt zu jonglieren.

Dennoch gibt es nach wie vor eine tiefe Verbindung zueinander – und das liegt sicherlich auch daran, dass wir eine wahnsinnig wichtige Zeit miteinander verbracht haben: Erste schlimme Trennungen, Klarkommen aufs Erwachsenwerden, großes Scheitern, große Erfolge, Examen, Auslandssemester und kommende und gehende Freunde.

Klar, das war prägend. Aber das was uns zusammenhält, ist noch etwas anderes: Sie versteht mich. Und zwar nicht, weil ich ihr erkläre, was mich umtreibt. Sondern weil tiefer Respekt füreinander und die Meinung und das Verhalten des jeweils anderen besteht. Wir haben nächtelang diskutiert, mit komplett unterschiedlicher Meinung zu den Dingen, und es waren dennoch fruchtbare Unterhaltungen.

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Wir haben Tränen gelacht in Situationen, die eigentlich zum Weinen gewesen wären. Wir haben einander getröstet, als alles aussichtslos erschien. Und wenn Orkane aus Terminen, Unsicherheiten und Angst auf mich hereinbrach, wusste Mirjam stets die richtigen Kommentare, die meine Perspektive änderten und mir zeigten, dass eigentlich alles gut ist und die Welt doch kein total grausamer Ort.

Unsere Beziehung hat sich natürlich verändert: Wir wohnen nicht mehr im selben blassgelben Haus am Rand derselben Stadt; wir teilen uns nicht mehr das Taxigeld, nachdem wir mal wieder in unserer Lieblingsbar abgestürzt sind; der nächste Roadtrip durch Israel wird vermutlich erst stattfinden, wenn wir beide in unseren 50ern sind und auch die Gespräche und Besuche sind seltener geworden. Die Leidenschaft mit der Mirjam spricht, ihr tiefes, lautes Lachen und ihre wunderbare Art, das Leben zu verstehen, die bleiben mir aber. Egal wohin ich gehe.“

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„Es war der Tag nach meinem Urlaub, kurz nach acht Uhr. Ich war braun gebrannt und hatte Makronen-Creme und Macarons für die Redaktion mitgebracht. Eigentlich sitzt um diese Uhrzeit noch niemand an seinem Schreibtisch. Nur die neue Praktikantin, Lisa, tippte schon fleißig auf die Tasten. Ich erinnere mich, dass sie ihr eigenes Besteck von Zuhause mitgebracht hatte – aus Sorge, sie dürfte unseres nicht benutzen.

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„Studierst du?”, fragte ich sie. „Ja, ab Oktober. Politikwissenschaft hier in Freiburg”, sagte Lisa. „Ich habe vergangene Woche meine Zusage bekommen.” Toll. Ich hatte mich ebenfalls für Politik beworben – und wartete immer noch auf den Bescheid. Meine gute Laune, die ich aus dem Urlaub mitgebracht hatte, war verflogen. Lisa war nicht mehr die süße Praktikantin mit dem eigenen Besteck, sondern die schlechte Nachrichtenüberbringerin. Danke, Lisa!

Sie merkte mir meine Sorgen an. „Wird schon werden”, sagte sie, „vielleicht kommt deine Zusage noch.” Kurz, nachdem sie den Satz zu Ende gesprochen hatte, klingelte mein Handy. Meine Mutter war dran: „Du wurdest angenommen!”

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Lisa und ich wurden nicht nur gute Arbeitskolleginnen, sondern verbrachten auch wenige Tage später die Ersti-Woche zusammen. Ihr kurzer Bob war die Frisur, die ich hektisch im großen Hörsaal suchte. Sie war mein Trink-Buddy, mein Ersti-Partner in Crime, meine erste Freundin im Studium – bis heute.”

„Wenn man nach dem Abi sein Studium anfängt, ist es ja doch meistens so: Man ist voller Energie und aufgeregt wie Hulle, gleichzeitig aber auch unsicher wie beim ersten Date. Ich mein, das ist der Beginn einer neuen Ära. Oder so ähnlich. Auf jeden Fall bin ich erstmal gut 500 Kilometer von Zuhause weg gezogen, in eine Stadt, von der ich bis dahin vor allem den Bahnhof kannte: Leipzig.

Nun saß ich also da in diesem Riesen-Hörsaal, der sich langsam mit immer mehr Leuten füllte, die sich ebenfalls in das klangvolle Studienfach „Kommunikations- und Medienwissenschaft“ (kurz KMW, viel praktischer) eingeschrieben hatten.

Und da rückte sie sich durch die Bank, bis zur Mitte und setzte sich neben mich: ein Mädel, gut zwei Köpfe kleiner als ich, mit Pferdeschwanz, Sneakern und einem Look, wie ich mir Studenten aus Filmen wie „13 Semester“ eben vorstellte. „Bist du auch hier wegen der KMW-Einführungsveranstaltung?“, fragte sie und ich nur so: „Ehm ja, also ich hoffe, dass ich richtig bin“ – und das war der Anfang von Jana und mir.

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Während der StuRa vorne vor sich hinredete machten wir schon erste Insiderwitze und beschlossen gleich danach, die abendliche Kneipentour doch am besten gemeinsam zu begehen. Das war nicht nur unser erster gemeinsamer völliger Absturz (ich weiß nicht mehr wirklich, wo wir überall waren und ich hatte noch Jahre danach Situationen in Leipzig, wo ich dachte, eh da war ich doch schon mal. Und Jana dann: Ja, da waren wir bei der Kneipentour).

Eines der ersten Details werde ich aber nie vergessen: „Ich wohne in dem Haus mit Flammen“ – das war ziemlich orientierungssicher. Egal wie dicht man war, um Jana zu finden, brauchte man keine Hausnummer, nur die Straße.

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Und auch wenn wir uns nach dem Studium aus den Augen verloren haben, meine Studizeit ohne sie, wäre richtig öde gewesen.“

Ich hatte eigentlich gar keinen Bock mehr aufs Studieren an der Humboldt-Universität zu Berlin und noch weniger Lust hatte ich auf die Ersti-Woche, wo ich doch schon zwei Jahre am Stück als selbstständige Freiberuflerin, nun ja, selbst und ständig und frei gearbeitet hatte, mein eigener Chef war und irgendwie um mich herum schon seit dieser Zeit keine gleichaltrigen Kollegen oder Kolleginnen mehr kannte.

Ich hatte kein W-Lan. Mein BaFög-Bescheid wurde jüngst abgelehnt, und alles, was ich für die ersten Wochen an meiner neuen Uni wissen musste, inklusive der Anmeldung für meinen Stundenplan und den ausgebuchten Uni-Sport, passierte online im AGNES-System der Uni. In das ich nicht kam, da ich kein Internet hatte und die Computer in der Bibliothek dauer belegt waren.

Jedenfalls, eine Sache hatte auch ich mitbekommen: Es wurde für mein Hauptfach Amerikanistik (mein Kombi-Bachelor mit Skandinavistik im Zweitfach) waren zwei Orientierungstage an einem Freitag und Samstag geplant. Ätzend. Aber Pflicht.

Die beiden Tage würden gewissermaßen mein Leben verändern, die Art und Weise, wie ich Bücher lese, wie ich White Privilege wahrnehme und sind die einzigen zwei Tage aus der Ersti-Phase, an die ich mich mit Respekt zurück erinnere, die ich nicht missen möchte.

Aber vor allem trat eine Person in mein Leben, die sich Amber nannte, obwohl sie in Wahrheit Wanjuri hieß. Aber weil den Namen ja eh kein Deutscher gewillt ist, richtig auszusprechen, was Amber aus Erfahrung wusste, verpasste sich die Filmfanatikerin, die privat schon als Schauspielerin, Kamerassistentin und Regisseurin gearbeitet hatte, einfach diesen Künstlernamen.

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Das Erste, was uns vereinen würde, denn auch mein Name wird immer gerne falsch ausgesprochen, auch nach der 70. Erklärung. Beide waren wir am Schreiben an sich und am Verfassen von Drehbüchern interessiert. Beide hatten wir uns das Unileben lockerer und inspirierender, die Seminare anspruchsvoller und persönlicher und das Studentenleben geiler und freier vorgestellt. Und all das hätte ich beinahe nie erfahren, weil wir beide eben so Anti waren.

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Aber irgendwie hatte ich gleich diese Vibes: Das unbestimmte, aber dringliche Gefühl, das hinter der Frau mit den Locken, dem Bitch Resisting Face und dem Septum-Piercing in der Nase eine spannende Person verstecken würde, die sicher sensibler war, als der Rest der versnobten Erstsemestler, die mit dem Audi ihrer Eltern in Grüppchen aus Louis-Vitton-Taschen vorgefahren waren und White Privilege erstmal Oxford Dictionary nachschlagen mussten.

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Also ignorierte ich am zweiten Tag meine Müdigkeit, meine soziale Angst und die Kopfhörer auf ihrem Kopf und quatschte sie auf ihre Filmprojekte an.

Zwei Wochen später schmiss ich hin, Studienabbruch, und entschied mich dazu, alles auf eine Karte zu setzen und mein Traumjob Journalismus als Prio Nr.1 zu sehen.

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Tja, Amber und ich sind trotzdem Freundinnen geblieben - nächste Woche treffen wir uns zum Cocktailabend. Und trinken auf unsere Entscheidungen, aufs Anti-bleiben und darauf, dass wir uns erhalten geblieben sind.

  • Quelle:
  • Noizz.de