Wie ein Hashtag mit einem Tabu brechen will.

Sie sprießen überall: auf dem Kopf, an den Beinen, auf und unter den Armen, im Intimbereich, am Po – und: Sie erfüllen damit einen Haufen Funktionen. Haare regeln unsere Körpertemperatur, bieten Schutz und können sogar Erregung verstärken.

Trotzdem rasieren, zupfen und waxsen wir seit der Antike, als gäbe es keine Morgen. Wir können einfach nicht anders. Der Grund liegt auf der Klinge: die glatt rasierte Haut entspricht in weiten Teilen unserer Welt dem Schönheitsideal.

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Die Ästhetik der haarlosen Haut ist seit Jahrzehnten en vogue. So sehr, dass es eine ganze Industrie aus dem Boden gestampft hat. Rasierer- und Rasierschaum-Hersteller, Laser- und Waxing-Studios: Mit unserer unbändigen Rasierlust machen viele Leute sehr viel Geld.

Der Hype um den stoppellosen Look geht sogar so weit, dass wir wuchernde Körperbehaarung – vor allem bei Frauen – als eklig und unangebracht empfinden. Eine Frau, die sich nicht rasiert? „Sie muss sich der Hygiene verwehren“, hört man die Massen schreien. Oder: „Die ist einfach zu faul.“

Jetzt schlägt die Aktion #januhairy Wellen in den Sozialen Netzwerken

Dabei trifft sowohl die Hygiene- als auch die Faulheits-Annahme in den meisten Fällen nicht zu. Auch die junge Engländerin Laura Jackson sieht das so. Deshalb startet sie kürzlich die Aktion #Januhairy. Mit dem Hashtag ruft die 21-Jährige auf Instagram Frauen dazu auf, ihre Achseln im Januar nicht zu rasieren – und hat damit Erfolg. Unter #Januhairy finden sich bereits über 2.300 Beiträge von Frauen, die stolz ihre haarigen Achseln in die Kamera strecken.

Hi I’m Laura, the gal behind Januhairy! I thought I would write a little about my experiences and how Januhairy came about... I grew out my body hair for a performance as part of my drama degree in May 2018. There had been some parts that were challenging for me, and others that really opened my eyes to the taboo of body hair on a woman. After a few weeks of getting used to it, I started to like my natural hair. I also started to like the lack of uncomfortable episodes of shaving. Though I felt liberated and more confident in myself, some people around me didn’t understand why I didn’t shave/didn’t agree with it. I realised that there is still so much more for us to do to be able to accept one another fully and truly. Then I thought of Januhairy and thought I would try it out. It’s a start at least . . . I have had a lot of support from my friends and family! Even though I had to explain why I was doing it to a lot of them which was surprising, and again, the reason why this is important to do! When I first started growing my body hair my mum asked me “Is it you just being lazy or are you trying to prove a point?” . . . why should we be called lazy if we don’t want to shave? And why do we have to be proving a point? After talking to her about it and helping her understand, she saw how weird it was that she asked those questions. If we do something/see the same things, over and over again it becomes normal. She is now going to join in with Januhairy and grow out her own body hair which is a big challenge for her as well as many women who are getting involved. Of course a good challenge! This isn’t an angry campaign for people who don’t see how normal body hair is, but more an empowering project for everyone to understand more about their views on themselves and others. This picture was taken a few months ago. Now I am joining in with Januhairy, starting the growing process again along with the other wonderful women who have signed up! Progress pictures/descriptions from our gals will be posted throughout the month. Lets get hairy 🌵 #januhairy #bodygossip #bodyhairmovement #happyandhairy #loveyourbody #thenaturalrevolution #natural #hairywomen #womanpowe

Laura selbst ließ ihre Achselhaare im Mai 2018 das erste Mal nach Jahren wieder sprießen. Für eine Performance für ihr Schauspiel-Diplom. Das war der Startschuss. Nach einigen Wochen der Rasur-Abstinenz fühlte sich Laura befreit. „Ich fing an, meine natürlichen Haare zu mögen. Ich fing auch an, das Ausbleiben des lästigen Rasierens zu mögen“, schreibt sie auf Instagram.

Obwohl sie sich befreit fühlte, hätten viele nicht verstanden, warum. Auch ihre Mutter ging davon aus, dass ihre Tochter möglicherweise einfach „zu faul“ sei. „Mir wurde klar, dass es noch so viel mehr zu tun gibt, damit wir uns voll und ganz akzeptieren können. Dann dachte ich an Januhairy und dachte, ich würde es ausprobieren. Zumindest ist es ein Anfang“, schreibt sie weiter.

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Laura ist nicht die Erste, die sich gegen den Rasierzwang wehrt

Bereits im Sommer 2015 riefen Frauen in Amerika unter dem Hashtag #Freeyourpits dazu auf, das Achselhaar wuchern zu lassen. Die Aktion unterstützten Stars wie Madonna und Miley Cyrus.

Geht man noch einen Schritt tiefer in die Achselhaar-Historie, stellt man schnell fest, dass der Aktivismus in Sachen Körperbehaarung noch weiter zurückreicht. In den Achtzigern machte Sängerin Nena weltweite Schlagzeilen, weil sie sich öffentlich mit Achselhaare zeigte. Noch früher machte es Punk-Legende Patti Smith mit ihrem Album „Easter“ vor. 1978 posierte sie inklusive Achsel-Frisur auf dem Cover der Platte.

Geändert haben all diese Aktionen am allgemeinen Unwohlsein um das Thema Achselhaare augenscheinlich nicht viel. Ich und ein Großteil der Frauen, die ich kenne, stehen trotz der Erkenntnis, dass es sich bei der Achselrasur um ein stumpfes Ideal handelt, allmorgendlich unter der Dusche und lassen die Klinge unter die Arme rutschen.

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So ist das nunmal mit Schönheitsidealen. Sie sind tief im Kopf einer Gesellschaft verankert – und können nur mit viel Mühe, Geduld und in diesem Fall vielen Achselhaar-Aktivistinnen aus unserem Bewusstsein verschwinden. Möglicherweise braucht es nach #Freeyourpits und #Januhairy noch viele weitere Aktionen, um uns davon zu überzeugen: Achselhaare sind so was von geil.

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Quelle: Noizz.de