Wie Instagramer versuchen, mehr Realität auf die Plattform zu holen.

Was werden Frauen nicht jeden Tag an unzähligen Schönheitsidealen gemessen: Hier darfst du keine Speckröllchen haben, dort musst du ein makelloses Gesicht vorweisen und Haare an Körperstellen jenseits des Kopfes sind die Ausgeburt der Hölle.

Auf Instagram hat man tagtäglich das Gefühl, dass man der hässlichste Mensch der Welt ist, wenn man sich abseits vom perfekten Leben mit dem perfekten Körper, Hund, Kind, Mann oder der aktuellen Hype-Handtasche (an der Stelle beliebige Konsumgüter einfügen) bewegt.

Zumindest scheint es vielen Menschen so zu gehen, denn in mehreren Studien wurde schon nachgewiesen, dass Instagram-User durch die App ein gestörtes Selbstbild bekommen oder sie unglücklicher werden.

Der Instagram-Account „_reallifefilter“ will dagegen angehen, mit Fotos von ganz normalen Frauen, die sich gegen die abnormale „Norm“ stellen. Frauen, die eben nicht dreitausend Filter auf ein Bild klatschen, um Dehnungsstreifen und Pickelmale verschwinden zu lassen. Per Mail können sich Frauen mit Haaren unter den Achseln und an den Beinen, mit Speckröllchen und Narben bei den drei Mädels melden und Fotos, die anonym gepostet werden, einschicken.

Sina Spendler (21), Laura Homann (23) und Jil Ringwelski sind die drei Köpfe, die sich hinter dem Account verstecken. Kennengelernt haben sich die Mädels im Studium, sie studieren Soziale Arbeit. Im Interview mit NOIZZ sprechen sie über die Sucht nach Selfies, das Gefühl sich selbst zu lieben und Fitness-Bloggerinnen.

NOIZZ: Ihr habt euch der Body-Positivity verschrieben: Wie seid ihr auf die Idee für den Account gekommen?

Sina Spendler, Laura Homann & Jil Ringwelski: Die Idee ist entstanden, als wir gemeinsam zusammen saßen und aus Langeweile durch Instagram gescrollt haben. Wir sind ins Gespräch über die vielen bearbeiteten Bilder gekommen und waren schockiert, wie wenig Realität im Netz zu finden ist. Das war der Anlass für uns, diese Seite zu entwickeln. Im Rahmen unserer Hochschule haben wir dann die Möglichkeit bekommen, uns weiterführend mit dem Thema zu beschäftigen.

Was stört Euch an Instagram besonders?

Sina, Laura & Jil: Uns stört dieses ständige “Perfektsein” müssen. Man darf nur #healthyfood essen, muss immer viel #fitness machen und darf bloß keine „Makel“ haben, denn da wird schnell ein Filter raufgesetzt. Doch das gezeigte entspricht nicht der Realität und das vergessen die meisten User oft.

Was sagt ihr zu Fitness-Bloggern, die eine Topfigur haben, aber trotzdem unter #bodypositivity posten?

Sina, Laura & Jil: Es ist auf jeden Fall schön, dass diese Menschen zufrieden mit ihren Körpern sind und sich auch trauen, das öffentlich zu sagen. Es nimmt viel Mut in Anspruch, öffentlich zu sagen, dass man sich selber mag. Es ist nur schade, wenn diese Accounts suggerieren, dass man nur zufrieden sein kann, wenn man bestimmten Normen entspricht und einen “schlanken”, durchtrainierten Körper hat. Aber grundsätzlich gilt: Der Hashtag, der ja auch irgendwie eine Einstellung zu sich selber darstellt, ist für alle da!

Was bedeutet Body-Positivity denn eigentlich für euch?

Sina, Laura & Jil: Body-Positivity bedeutet für uns, dass jeder Mensch zufrieden mit seinem Körper ist und sich nicht versucht am gesellschaftlichen Ideal zu messen.

Was ratet ihr, wenn man Probleme mit dem eigenen Körper hat?

Sina, Laura & Jil: Zunächst sollte man sich bewusst machen, warum genau man diese Probleme hat. Oft liegt es daran, dass man nicht dem vermeintlichen Schönheitsideal entspricht. Aber wer tut das überhaupt? Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters. Dann sollte man sich bewusst machen, dass Vieles, was wir in den Medien zu sehen bekommen, überhaupt nicht der Realität entspricht.

Zum Beispiel?

Sina, Laura & Jil: In der Realität gibt es nun mal Pickel, Narben, Cellulite, Augenringe, etc. und JEDER hat irgendwelche sogenannten “Schönheitsmakel”. Im Internet und in Zeitschriften wird viel mit Filtern und Bearbeitungsprogrammen gearbeitet, die eben diese verschwinden lassen. Wenn die Probleme, die man mit seinem Körper hat, tiefgreifend sind, sollte man sich unbedingt jemanden zum Reden suchen, der sich damit auskennt.

Wie sind denn die Reaktionen auf euren Account?

Sina, Laura & Jil: Wir haben unglaublich viele schöne Feedbacks mitbekommen. Viele Menschen haben uns gesagt, dass sie durch Profile wie unsere lernen, sich und ihren Körper zu lieben und zu akzeptieren. Es berührt uns sehr, zu sehen, wie viel Dankbarkeit und Support wir aus der Community zurück bekommen.

Warum brauchen wir denn überhaupt ein Instagram-Profil, wenn es uns eigentlich nur runterzieht?

Sina, Laura & Jil: Weil Instagram eigentlich eine ziemlich coole Sache ist. Man kann Bilder mit Freunden teilen und sehen, was es so Neues in deren Leben gibt. Wir haben auch überhaupt kein Problem damit, dass Bilder hochgeladen werden, bei denen sich Mühe gegeben wurde, dass sie besonders „schön“ aussehen und die mit Filtern bearbeitet wurden. Unser Problem ist, dass es fast ausschließlich solche Bilder gibt und es eher ungewöhnlich ist, ein Bild zu sehen, dass aus dem alltäglichen Leben stammt. Wir wollen mit dem Account und dem dazugehörigen Hashtag ein Bewusstsein dafür schaffen, damit nicht mehr so viele Menschen von Selbstzweifeln geplagt werden.

Quelle: Noizz.de