Denn niemand hat Ahnung, was wirklich Sache ist ...

OMG, es gibt jetzt einen Caro-Daur-Lippenstift in Kooperation mit MAC! Sie selbst ist auch schon „super excited”, dass sie uns diese krasse News mitteilen darf. Zum gleichen Zeitpunkt erklärt mir Bloggerin Masha Sedgwick bei Insta, dass sie die neue Fossil Hybrid Watch getest hat und sie „wirklich wirklich liebt”! Wie cool ist das denn?!

Für die Blogger: total. Für MAC und Fossil: mega. Für mich: eher nicht so, denn ich weiß, dass weder Caro noch Masha wirklich so verliebt in diese Produkte sind. Sie bekommen einfach nur verdammt viel Geld für ihre Begeisterung. Das nennt sich Influencer-Marketing, gute PR, schlicht Werbung. Ich weiß das. Die meisten Follower der beiden wahrscheinlich nicht.

Dabei hätten sie bei Caro Daur zumindest die geringe Chance, zu merken, dass es sich um Werbung handelt: Irgendwo zwischen den MAC-Lobhudeleien versteckt sich der Hashtag #ad. Das ist eine Abkürzung des englischen Wortes „Advertorial“, was wiederum auf Deutsch „Werbung“ bedeutet.

Glückwunsch an alle, die gedanklich so weit gekommen sind. Bei Masha Sedwick findet sich gar kein Hinweis.

Warum ist das so unverschämt?

Viele Leute fragen sich jetzt, warum es so ein Problem ist, dass die beiden nicht darauf hinweisen, dass sie Werbung machen. Ganz einfach aus zwei Gründen:

Erstens verdienen diese Blogger, YouTuber und Instagram-Influencer Geld mit der Ahnlungslosigkeit ihrer Follower. Die Fans glauben nämlich, dass die gezeigten Produkte wirklich und von Herzen von den Influencern geliebt werden.

Bevor ich jetzt ausgebuht werden: Ja, viele finden ihre Produkte vielleicht wirklich ganz nett. Aber viele eben auch nicht – oder zumindest nicht in diesem euphorischen Maße. Und im Prinzip verkaufen sich die gezeigten Artikel eben nur deswegen so gut, weil die Follower daran glauben, mit genau diesem Lippenstift ihrem Idol und dessen Leidenschaften näher zu kommen.

Der zweite Grund ist, dass es in Deutschland rechtlich so geregelt ist, dass jede Werbung gekennzeichnet werden muss. Ist dem nicht so, handelt es sich um Schleichwerbung.

Diesen Begriff kennen wir vor allem von bescheuert-unnötigen Amarula-Produktplatzierungen bei Trash-Sendungen wie dem Bachelor. Doch natürlich ist das Prinzip auch auf alle anderen Medien übertragbar – so eben auch auf Instagram, YouTube, Facebook und Snapchat.

Wenn man Werbung nicht kennzeichnet, ist das wegen dem deutschen Wettbewerbsrecht sogar strafbar. Konkret heißt das: Wenn jemand für einen Instagram-Post im Vorhinein Geld bekommt und nicht angibt, dass es sich bei dem Posting (Video, Foto, Status etc.) um Werbung handelt, ist das unzulässig.

Das Problem ist jedoch: Weder das deutsche Rechtssystem, noch die Influencer selber haben aktuell wirklich Ahnung, wie sie mit den Schleichwerbung-Postings umgehen sollen.

So sagen zum Beispiel viele Rechtsexperten, dass Werbung bei Instagram auch mit dem Hashtag #Werbung gekennzeichnet werden muss. Andere behaupten, #sponsored und #advertorial wären ausreichend. Und wieder andere sagen, dass selbst #ad in Ordnung ist – einfach weil es zeigt, dass jemand zumindest versucht hat zu kennzeichnen.

Das nächste Problem: Welche Posts müssen gekennzeichnet werden? Eigentlich alles, bei dem der Blogger/Influencer Geld bekommen hat. Doch wie sieht es aus, wenn man eine 3000 Euro Tasche geschenkt bekommen hat? Oder tolle Kopfhörer, die man wirklich auch dauernd trägt? Oder zu einer Reise in ein 5-Sterne-Hotel nach Dubai eingeladen wird und dafür keinen Cent zahlt?

Ich und viele Rechtsexperten sind der Meinung, dass auch solche Postings unter die Kennzeichnungspflicht fallen. Doch das ist eine Meinung – keine Tatsache, kein Gesetz.

Fakt ist:

Schleichwerbung lässt die Influencer und Unternehmen von unwissenden Followern profitieren.

Letztens habe ich mit einer Freundin über das Thema gesprochen. Sie studiert gerade, ist belesen und in den sozialen Netzwerken aktiv. Doch dass sie jeden Tag in ihrem Instagram-Feed circa 80 Prozent werbliche Posts hat, war ihr neu. Wer auf so etwas denn auch achte, fragte sie mich ungläubig. Die Antwort: Ich. Und nach diesem Post hoffentlich auch viele andere. Denn erst, wenn wir als Follower und Fans uns über diese Praxis beschweren, wird sich auch etwas ändern.

Quelle: Noizz.de