"Dreckiges Geld bleibt dreckig"

Andere liefern Pizza, Amir* liefert Kokain. Das Prinzip ist recht ähnlich: Ein kurzer Anruf, bei dem Uhrzeit und Adresse abgemacht wird, und schon ist die Lieferung unterwegs. Bezahlt wird in Bar.

Ich treffe Amir, der eigentlich anders heißt, das erste mal an einer Kreuzung in Berlin-Charlottenburg. Nicht gerade sein Kiez, aber neutraler Boden. Der 33-Jährige gehört zu einer arabischen Großfamilie, aufgewachsen in Schöneberg, und arbeitet seit fünf Jahren als Drogenkurier.

Er begrüßt mich mit den Worten "Kein Aufnahmegerät, keine Kamera. Okay?", und will mein Handy sehen.

Es ist Samstagabend gegen 23 Uhr, und draußen ist es bitterkalt.

Amirs Jeans sitzt locker, der beige Wollpullover spannt am Bauch. Oben Hermès-Gürtel, unten Reebok-Sneaker. Seine Haare sind licht. Das, was davon übrig ist, hat er streng nach hinten gegelt. Seine hellgrünen Augen heben sich von der dunklen Hautfarbe ab. Sympathisch.

Er verzichtet auf Statussymbole: Keine Ringe, keine Ketten, die vergoldete Uhr am Handgelenk fehlt: "Ich muss unauffällig und immer unter dem Radar sein", sagt der Libanese.

Deswegen steigen wir auch in einen hellblauen Opel Mokka. Kein Tuning, kein gar nichts.

Im innern der Familienkutsche riecht es nach Vanille und Leder. Ein 200-Milliliter-Flakon von Hugo Boss steht griffbereit im Getränkehalter, daneben ein Body-Spray. Amir legt wert auf sein Äußeres, geht einmal die Woche zum Barbier und lässt sich den dunklen Bart akkurat vom Fachmann stylen.

Im Auto liegen zwei Handys. Eins für privat, eins für geschäftlich. Jeder neue Kontakt wird akribisch ins Handy eingespeichert. So kann er im Ernstfall denjenigen zurückverfolgen, der ihn verpfiffen hat – „der gesungen hat“, wie er sagt.

Sein Nokia 6300 Classic klingelt regelmäßig. „Micha von Andy Berghain“ ruft an. Ein Gespräch dauert nie länger als 15 Sekunden, etwa so:

"Hallo mein Freund, geht's dir gut?"

"Ja, alles super"

"Hast du Zeit, mich zu sehen?"

"Schick Adresse, bin in 20 Minuten da."

Rechts ranfahren an der Chausseestraße in Mitte, die Lieferung wird an einem Eingangstor schon erwartet. Ein Pole, Mitte 40, in Jogginghose steigt hinten ein. Amir nimmt zwei Plastikzylinder und bekommt 100 Euro dafür. Das Geld stopft er in seine Hosentasche.

Ob er das ganze Drogen-Geld gespart habe, frage ich ihn: "Dreckiges Geld bleibt dreckig und geht schnell", erwidert Amir. Er erzählt, dass er das meiste bei Prostituierten im Bordell und in Nobel-Läden auf dem Ku'Damm verprasst hat. Jetzt, mit 33 Jahren, hat er daraus gelernt: Puff-Besuche sind höchstens zweimal im Monat drin. Es ist ein Teufelskreis: Prostituierte kaufen Koks, er bezahlt für Prostitierte und so kommt das Geld zurück – und verschwindet wieder.

Wir fahren durch die Tauentzienstraße. Sein Diensthandy klingelt – noch ein Auftrag. Es geht Richtung Wedding. An einem Kiosk warten zwei junge Männer, einer davon steigt ein und redet ganz leise. Er will zwei Gramm, habe viele Leute zu Besuch und so.

Wenn Amir sich etwas gönnen will, geht er gut essen. Am liebsten würde er einmal in das Restaurant auf dem Fernsehturm: "Mehr will ich gar nicht verticken. Ich kann davon gut leben, essen. Das reicht mir."

An einem normalen Abend verkauft er rund zehn Kokain-Kapseln – das macht 500 Euro und 15.000 am Monatsende. Der Gewinn beläuft sich auf rund 8.000 Euro. Dazu kommt der Hartz-4-Regelsatz von 416 Euro.

Das Durchschnittsgehalt in Deutschland ist nicht mal halb so hoch.

8.000 Euro auf die Hand klingt erst mal viel, doch zu wenig, um dafür in den Knast zu gehen.

Amir sagt: "Wenn es mir zu heiß wird, höre ich von heute auf morgen einfach auf. Scheiß auf das Geld. In den Knast will ich nicht."

Vor fünf Jahren brachte ihn eine Prostituierte auf die Idee, Koks zu verkaufen. Erst ein paar Gramm, die sie an ihre Kolleginen und Freier vertickte, dann immer mehr und an ganz Berlin. Manche rauchen, andere spritzen und wieder andere ziehen seinen Stoff durch die Nase. Herkunftsland: Südamerika.

Bei ihm kaufen mehr Männer, als Frauen. Früher war nicht so, als er noch Berlins Bordelle belieferte.

Mehr als Kokain würde er nicht verkaufen: "Wenn jemand krepiert, ist das schlechte Werbung. Ich achte auf Qualität", sagt er. Selbst probiert hat er das weiße Pulver aber noch nicht, das würden Geschäftspartner machen.

Wenn das Telefon mal nicht klingelt, sitzt er mit seinen Cousins in einem kleinen Kaffeehaus in Schöneberg. Backgammon, Tee trinken und über das Geschäft quatschen.

Bevor er Drogen verkauft hat, hat er Pizza ausgefahren. Seine Eltern, bei denen er auch wohnt, denken, er arbeitet als Türsteher. Viele seiner Cousins haben in Berlin Sicherheits-Firmen oder libanesische Restaurants. Mehr darf ich nicht schreiben. "Sicherheit für meine Familie und mich ist das wichtigste", sagt der Drogen-Kurier.

Eigentlich wäre Amir gerne ein richtiger Geschäftsmann, selbständig mit einem Laden oder einer Firma. So ist er nur ein Krimineller.

Jetzt hängt ihm noch die Silvesternacht in den Knochen: "Ich kam nicht mal zum essen. Ich war von 15 Uhr bis 14 Uhr am nächsten Tag in der Karre. Alle Leute wollten Koks!", erzählt er.

In den Zylinderförmigen Plastikbehältern füllt er etwa 0,5 Gramm des weißen Pulvers und bewahrt alles in einer "Bunkerwohnung" – irgendwo in Berlin-Mitte. In der Tasche am Rücksitz hat er nur zehn Gramm in einem kleinen Seidenbeutel: "Ich muss immer damit rechnen, das Zeug aus dem Fenster werfen zu müssen", sagt der 33-Jährige.

Seine Schicht wird noch bis in die frühen Morgenstunden dauern, denn die Berliner sind hungrig nach seinem Zeug. Die Fahrt mit mir war eine angenehme Abwechslung für ihn, denn die Nachtfahrten als Drogenkurier machen einsam, sagt er. Deswegen würde er mich noch gerne länger mitnehmen und über sein Geschäft und die skurrilen Bekanntschaften die er macht sprechen.

Ich lehne ab. Gegen drei Uhr fährt mich Amir wieder an jenen Ort zurück, wo wir unsere Tour begonnen haben – fast wie ein richtiges Taxi.

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*Name von der Redaktion geändert.

Quelle: Noizz.de