Aber ein bisschen scheiße war es trotzdem manchmal ...

Wenn wir uns in der Schulzeit über unsere Ferienziele ausgetauscht haben, ging das bei den meisten meiner Klassenkameraden in etwa so: „Also ich fliege mit meinen Eltern nach Malta!“ „Wir fahren in die Toskana“ und: „Wir reisen nach Ägypten. Oder vielleicht doch nach Mallorca.“

Ich hingegen, Jahrgang 1990, habe eigentlich fast immer geantwortet: „Ich fahre nach Dresden“ – die Heimatstadt der Familie meiner Mutter –, „Wir machen Ausflüge und bleiben Zuhause“ oder wahlweise: „Nach Holland oder Belgien“ – das waren aber eher die Ausnahme und was ziemlich Besonderes für meine zwei Geschwister und mich.

Zahlen des Europäischen Statistikamts Eurostat haben nun herausgefunden, das sich Millionen Bundesbürger keine Urlaubsreise leisten können. Um genauer zu sagen: jeder sechste. 2017 hatten also fast 13 Millionen Menschen in Deutschland keine Kohle für einen richtigen Urlaub.

Für mich kommt das nicht überraschend: Ich bin damit aufgewachsen. Ich hatte deshalb nie langweilige oder blöde Ferien. Ich glaube, ich hatte teilweise sogar die coolere Sommerzeit als in irgendeinem türkischen All-Inclusive-Ressort wie ihn viele meiner Klassenkameraden Jahr für Jahr erlebt haben. Ich habe früh gelernt, mich zu beschäftigen und habe meine Region besser kennen gelernt.

Aber ein bisschen fühlt man sich damit wie ein Außenseiter, denn gegen die exotischen Ferienaufsätze der anderen in der ersten Stunde nach den Ferien stank der Freizeitpark an der deutsch-niederländischen Grenze einfach ab. Konnte man ja immer machen am Wochenende. Für meine Eltern war es bestimmt auch nicht angenehm, wenn ihre Kids fragten: „Mama, Papa, wieso können wir nicht auch mal nach Ägypten fliegen? Oder in einem Hotel übernachten?“

Dabei hatte unsere fünfköpfige Familie keine wirkliche finanzielle Notlage. Mein Vater arbeitete zu dieser Zeit als Maschinenschlosser und meine Mutter hatte eine Teilzeitstelle, seitdem meine jüngste Schwester zur Schule ging. Ein Hotel und eine Flugreise für fünf Personen zu buchen, stellt für eine Arbeiterfamilie aber doch eine Herausforderung dar – sogar innerhalb Deutschlands. Also blieben nur: Ferienhäuser, Familienbesuche oder Camping. Wie gesagt, wir hatten tierischen Spaß.

Die Gründe dafür, wieso ein einwöchiger Urlaub für Millionen von Menschen einen kleinen Luxus darstellt, haben sich heute wie damals kaum geändert. Die nun veröffentlichten Zahlen wurden bei einer jährlichen Befragung zu materieller Entbehrung erhoben. Dabei werden die Lebensunterhaltungskosten, also Miete, Lebensmittel und Getränke, genauso wie Hygieneartikel, Ausgaben für Bildung, Klamotten, Medikamente und auch Freizeit mit eingerechnet.

Und auch wenn wir im Vergleich zur gesamten EU– dort können sich im Schnitt nämlich 30 Prozent der Bevölkerung keinen Urlaub leisten – recht gut dar stehen: Irgendwie will man nicht glauben, dass es in einem wirtschaftsstarken Land wie Deutschland so viele Menschen gibt, die nicht verreisen können.

Meine erste Flugreise habe ich erst mit 16 für eine Sprachreise nach England gemacht. Die haben mir nicht meine Eltern finanziert, sie wurde mir geschenkt. Meine Mutter hingegen saß das erste Mal im Flieger, als sie schon 50 war. In der DDR lebend, konnte sie nicht wirklich weit weg verreisen, später fehlten ihr die finanziellen Mittel.

Zwar hat sich in Deutschland die Lage in den vergangenen Jahren laut Eurostat verbessert: Zwischen 2010  und 2016 war noch etwa jeder Fünfte betroffen. Seither gingen die Werte bei leichten Schwankungen zurück. Dabei gibt es in Deutschland natürlich auch Unterstützungsangebote, sogenannte „Ferienzuschüsse“, für sozialschwache Familien und Alleinerziehende. Diese sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich hoch.

Allerdings bekommen diesen Zuschuss nur die wirklich „armen“ Familien. In der Mitte zwischen denen, die problemlos in den Urlaub verreisen können, und denen, die noch keine Zuschüsse kriegen, gibt es aber bis dato kaum Möglichkeiten, einen Bonus für einen echten Urlaub im Ausland oder zumindest in einem anderen Bundesland zu bekommen.

Wieso ist es eigentlich doof zuhause Urlaub zu machen?

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann hat im Bezug auf die vorgestellten Zahlen, das Hauptproblem ganz gut zusammengefasst: „Besonders in der Ferienzeit ist es für Kinder natürlich bitter, wenn sie gerne verreisen würden, es aber nicht geht.“ In gewisser Weise stelle auch das eine Form von Armut dar.

Hinzu kommt, dass Hartz-IV-Bezieher im Fall einer Urlaubsreise zudem beachten müssen, dass sie für die Jobcenter erreichbar sein müssen. Ein weiteres Erschwernis für sozial-schwache Familien, echte Erholung zu finden – selbst wenn sie Geld für einen Camping-Platz gespart haben. Allerdings regelt eine Erreichbarkeits-Anordnung, dass Betroffene bis zu drei Wochen im Jahr abwesend sein können, ohne dass die Bezüge gekürzt werden. Das muss aber beantragt werden, extra Urlaubsgeld gibt es in diesem Fall nicht.

Mein erwachsenes Ich (oder das, was sich so nennt), käme niemals auf die Idee zu sagen, dass meine Ferien doof waren. Es war viel mehr der oft zitierte Gruppen-Druck der mir ein schlechtes Gefühl dabei gab, wenn wir unseren Urlaub zuhause verbringen mussten. Vielleich ist das schon „Social Shaming“ -  und nicht alle Menschen können da drüber stehen und sagen: „Na und!“ Es ist an der Zeit Urlaub wieder zu Ferien zu machen. Einfach eine Auszeit. Was man darin macht und wohin man fährt: Scheiß egal!

Quelle: dpa