Rausch, Kriminalität und das Geschäft mit dem Schmerz.

Menschen brauchen Medikamente. Immer mehr Menschen sehnen sich vor allem nach verschreibungspflichtigen Pillen, Tropfen, Pflastern und Kapseln.

In den USA hat Präsident Donald Trump angesichts der dortigen Opioid-Epidemie sogar den Gesundheitsnotstand ausgerufen.

Denn: In Nordamerika wurden 2015 so viele Opioide verschrieben, dass rechnerisch jeder Einwohner drei Wochen lang rund um die Uhr hätte versorgt werden können. Deswegen starben in drei Wochen so vielen Menschen wie beim Anschlag am 11. September 2001.

Rund ein Drittel geht auf Opioide zurück – der drastische Anstieg von Opioid-Abhängigen übertrifft laut New York Times die Zahl der Drogentoten und derjenigen, die im Straßenverkehr, aufgrund von Herzerkrankungen oder an HIV starben – nämlich 64.000 US-Bürger im Jahr 2016.

Opioide sind Abkömmlinge des Morphiums, zu denen nicht nur Heroin, sondern auch Schmerzmittel wie Tramadol, Fentanyl oder Methadon gehören. Sie helfen beispielsweise frisch operierten Menschen oder ermöglichen Schwerstkranken ihre letzten Tage, ohne unerträglichen Schmerz zu verbringen.

Experten sind sich einig: Der Grund für die Eskalation in den US ist die lasche Handhabung der Verschreibungen starker Schmerzmittel. Ein Controlling von Schmerzpatienten unter Opioiden gibt es dort nämlich so gut wie nicht.

Bei uns gibt es opioide Schmerzmittel natürlich auch; sie unterliegen aber der Apothekenpflicht. Das heißt, das Rezept darf also nur nach einer Beratung ausgestellt werden.

Prof. Dr. Christoph Stein ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie an der Berliner Charité und findet klare Worte zur Lage in Deutschland:

Und weiter: "Es gibt die Möglichkeit, zu fünf oder sechs verschiedenen Ärzten zu gehen und die Rezepte in verschiedenen Apotheken einzulösen. Opioide Schmerzmittel werden in Deutschland zu leichtfertig verschrieben."

Gänzlich Gegensätzlich schätzt die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. die Lage ein. Diese arbeitet nach eigener Aussage "im Auftrag der Schmerzpatienten". In deren Pressemitteilung zur Opioid-Abhängigkeit in Deutschland, die uns Marlene Mortler (CDU), die Drogenbeauftragte der Bundesregierung zukommen hat lassen, heißt es:

Und weiter: "Hierzulande erhalten Schmerzpatienten in der Regel nur dann Opioide, wenn die strengen Regeln [...] eingehalten werden."

Halten wir fest: Prof. Stein sagt, dass der Opioid-Verbrauch in Deutschland ähnlich hoch sei wie in den USA. Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzpatienten e.V. behauptet, dass der Einsatz von Opioiden hierzulande weitestgehend unproblematisch sei.

Opioid-Gesamtverbrauch ähnlich hoch wie in den USA

Laut Stein steigt die Menge an verordneten opioidhaltigen Medikamenten stetig an und entwickelte sich bis 2016 zu einem regelrechten Trend: 2007 wurden 342 Millionen Opioide Schmerzmittel verordnet, 2016 waren es schon 415 Millionen.

Der Berliner Mediziner sieht den Grund für den Anstieg in der fehlenden Aufklärung und Ausbildung von Ärzten, Pflegepersonal und anderen medizinischen Mitarbeitern, die vor allem viel zu oft bei chronischen Nicht-Tumorschmerzen starke Schmerzmittel verschreiben würden oder Zugang zu Medikamenten hätten: "Man muss wissen, wie man chronischen Schmerz richtig behandelt, wie eine Schmerztherapie abläuft, und man muss den Mythos aus der Welt schaffen, dass Schmerzpatienten nicht süchtig werden. Das werden sie", so Stein.

Schmerzmittelverschreibungen von 2007 bis 2016: Die obere Linie zeigt den Anstieg von opioiden Schmerzmitteln

In einem Auszug aus dem Europäischen Drogenbericht 2017 geht hervor, dass Deutschland auf Platz vier bei Todefällen in Zusammenhang mit Opioiden liegt. Die meisten Überdosierungen gibt es in der Türkei.

Auszug aus dem Europäischen Drogenbericht 2017: Drogentote in Zusammenhang mit Opioiden

Wir besorgen uns deshalb den Lagebericht zur Rauschgiftkriminalität des BKA (2016). Das Dokument ist online zugänglich und kann von jedem eingesehen werden.

Der Bericht stellt fest, dass die meisten Betäubungsmittel aus Krankenhäusern gestohlen (359 Delikte) oder gefälschte Rezepte verwendet werden, um an die gewünschten Stoffe zu kommen (961 Delikte). Laut einem Faktenblatt der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände wird die Zahl der von Arzneimittelmissbrauch-Betroffenen auf 1,4 bis 1,5 Millionen Menschen geschätzt – das entspricht in etwa der Einwohnerzahl Münchens.

Den größten Missbrauch gibt es bei den sogenannten "Benzodiazepinen", besser bekannt als Schlaf-oder Beruhigungsmittel. Sie haben eine angstlindernde Wirkung und sollten nur für kurze Zeit eingenommen werden; schnell bildet sich eine große Toleranz.

Schlaf-und Beruhigungsmittel: Eine weiteres Problem in den USA

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen äußert sich – ähnlich wie Stein – sichtlich besorgt vor allem über den Opioid-Verbrauch: "Sorgen macht der starke Anstieg von stark wirksamen Schmerzmitteln, weil sie dort eingesetzt werden, wo sie nicht notwendig sind." Wer Rückenschmerzen habe, müsse keine opioidhaltigen Pflaster benutzen.

Wir erfahren außerdem von Stein: "Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. wird, wie andere, ähnliche Gesellschaften, von jenen Unternehmen unterstützt, die opioide Schmerzmittel herstellen."

In Deutschland ist es verboten, für verschreibungspflichtige Medikamente Werbung zu machen. Doch es ist erlaubt, Ärzte zu umgarnen.

70 Prozent der Schmerzmittel bekommt jeder sowieso rezeptfrei in den Apotheken, was bedeutet, dass die Schmerztherapie in Deutschland von Selbstmedikation bestimmt wird. Schmerzmittel allgemein sind im Ranking des Arzneimittel-Reports auf Platz acht der umsatzstärksten Arzneimittel: 1,6 Millionen Euro wurden dafür ausgegeben.

Wie viel Geld hierzulande in die Medikamentenwerbung fließt, ist nicht eindeutig. 2015 sollen es laut "Werbe-Barometer“, einer von Axel Springer in Auftrag gegebenen Umfrage, 870 Millionen Euro gewesen sein.

"Es werden Markennamen propagiert und Alltagssituationen geschildert, in denen Schmerzmittel die Arbeitsfähigkeit erhalten oder den Kinobesuch trotz Kopfschmerzen ermöglichen", so die Hauptstelle für Suchtfragen.

Ein Spannungsfeld zwischen Patienten, Ärzten und dem lukrativen Geschäft mit dem Schmerz.

Quelle: Noizz.de