Vom Illustrator zum Handpoke-Tätowierer.

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem Tattoo Talk Künstler vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen.

Heute stellen wir euch Densha vor, unseren ersten Handpoke-Tätowierer! "Handpoke" ist eine besondere Art des Tätowierens, bei der nicht mit einer elektronischen Maschine, sondern tatsächlich mit der Hand gearbeitet wird: Jeder Farbtropfen wird einzeln mit einer dünnen Nadel unter die Haut gebracht. Auch wenn es sich hierbei um eine sehr traditionelle Art des Tätowierens handelt, wirken die Motive meist super minimalistisch und modern. So wie die filigranen Tattoos Denshas.

Der 36-jährige Franzose arbeitet in Berlin-Neukölln im Handpoke-Studio "Unikat". Eigentlich ist er Illustrator, seine künstlerischen Motive kommen auf der Haut aber mindestens genauso gut. Wir sind dementsprechend sehr froh, dass er sich für eine zweite Karriere als Tätowierer entschieden hat!

NOIZZ: Densha, wie sah deine Karriere vor dem Tätowieren aus?

Densha: Ich habe sechs Jahre als Illustrator für Magazine in Deutschland, Frankreich, Belgien und der Schweiz gearbeitet. Unter anderem für Neon, L'Express, DIE ZEIT und Cornelsen. Ich habe es geliebt, aber es ist ein sehr einsamer Beruf. Du kannst mit Art-Direktoren aus der ganzen Welt arbeiten und triffst deine Kunden trotzdem nie wirklich. Das kann auf Dauer frustrierend sein.

Deswegen habe ich mich entschieden, noch etwas anderes zu machen. Ich habe immer noch mein Atelier im Kunstquartier Bethanien in Kreuzberg, dort arbeite ich auch heute noch an Projekten – aktuell zum Beispiel an einem Spielkartenset, das ich schon lange realisieren wollte.

Und warum schien dir Tätowieren eine gute Alternative zu sein?

Densha: Ich wollte Teil eines Teams sein, mehr mit Menschen arbeiten und mich trotzdem noch durch meine Illustrationen ausdrücken. Alles Dinge, die die Tattoowelt mir bieten konnte. Ich habe gesehen, wie rasant sich die Szene in den letzten fünf Jahren verändert hat – etwas an dieser Veränderung war sehr ansprechend für mich. Instagram war ein Game Changer! Dadurch hat sich Tätowieren selbst stark liberalisiert, es wurde plötzlich ein künstlerisches Feld für sich, in dem jeder experimentieren und seine eigene Ausdrucksform einbringen konnte.

Was bedeutet dein Künstlername?

Densha: Ich habe unter dem Namen "Densha Crisis" 15 Jahre lang auf Rave-Partys überall in Europa aufgelegt. Als ich mit dem Tätowieren angefangen habe, dachte ich, dass ich mit dem Namen "Densha" endlich eine Verbindung zwischen meiner Musik und meiner illustrativen Arbeit schaffen könnte. Ursprünglich habe ich den Namen aber hauptsächlich wegen seines Klangs gewählt. Es ist schon lustig, wie etwas eigentlich fast Sinnloses zu so einem großen Teil von mir und meiner Arbeit wurde. 

Was macht Handpoking besonders?

Densha: Das langsame Tempo, das das Werkzeug mit sich bringt. Die Ruhe, fast schon eine Gelassenheit, die man dadurch am Arbeitsplatz spürt – dadurch verstärkt sich die Intimität jeder Tattoo-Session. Die Präzision und Genauigkeit, die man so erreichen kann. Die so erreichten Graustufen und die Transparenz, mit der man während des Stechens spielen kann.

Wie würdest du deinen Stil selbst in drei Worten beschreiben?

Densha: Organisch, präzise, filigran.

Was sind wiederkehrende Motive deiner Arbeit?

Densha: Ich habe eine Bildsprache entwickelt, die sich mit Symbolen aus Magie und Alchemie auseinandersetzt – aber immer mit einem zeitgenössischen Twist. Ich mochte schon immer Elemente wie Hände, Kristalle, Symbole und alles, was mit der Natur zu tun hat. Trotzdem ist das nur ein kleiner Teil meiner Arbeit.

Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich Neues ausprobieren will. Ich will mehr mit Farben und Schriften arbeiten, großflächigere Motive machen und Kollaborationen eingehen. Es entsteht gerade eine neue Generation von Handpokern, die keine Angst hat, zu experimentieren. Das ist super aufregend! 

Hast du schon mal mit einer Maschine gearbeitet? Oder war für dich von Anfang an klar, dass nur Handpoking in Frage kommt? 

Densha: Als ich anfing, wollte ich unbedingt lernen, mit der Maschine zu tätowieren. Ich habe detaillierte und komplizierte Illustrationen gemacht und dachte, die Maschine wäre das perfekte Werkzeug, um meine Zeichnungen in Tätowierungen zu übersetzen.

Handpoking habe ich ausprobiert, weil ich dachte, es sei ein guter Weg, das Medium Haut kennen zu lernen – und ein Gefühl dafür zu bekommen, jemanden Tinte unter die Haut zu bringen. Aber je länger ich mich damit befasste, desto mehr gefiel es mir. Ich musste erstmal lernen, wie man zeichnet, um die Technik umzusetzen. Alle Details loswerden, auf das Wesentliche gehen, das Wichtige behalten. Ich liebe es, wenn Schönheit in der Einfachheit liegt.

Wie lange dauert der Tätowierprozess mit der Hand?

Densha: Mit einer Nadel zu arbeiten dauert natürlich viel länger als mit einer Maschine. Es braucht seine Zeit, das liebe ich so daran. Schwierig, die beiden Techniken zu vergleichen, im Groben und Ganzen muss man wahrscheinlich mit dem doppelten Zeitaufwand rechnen.

Was treibt dich an? 

Densha: In einem Studio zu arbeiten, dass mir nicht nur die Möglichkeit gibt, über mich selbst hinaus zu wachsen, sondern auch Lust macht, über den Prozess des Tätowieren hinaus zu schauen. Es ist immer sinnvoll, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich durch verschiedenste Darstellungsformen auszudrücken. Der einzige Weg, mal ein bisschen Abstand vom Tätowieren zu bekommen, ist für mich, zu malen, zu illustrieren oder Musik zu produzieren, um mit neuen Ideen und Ansätze darauf zurück zu kommen. Wenn man das nicht macht, dreht man sich irgendwann im Kreis.

Was waren bisher die bizarrsten Tattoo-Requests?

Densha: Jemand wollte mal, dass ich ihm Wörter auf das Augenlied tätowiere.

Und welche Anfragen sind für dich am bewegendsten?

Densha: Alle. Wir als Tätowierer sollten nie vergessen, dass jedes Tattoo einzigartig und für denjenigen, der es sich tätowieren lässt, etwas ganz Besonderes ist. Heute dreht sich doch alles nur um das Konsumieren von Dingen, uns langweilt, was wir gerade erst erworben haben. Ein Tattoo ist das komplette Gegenteil: ein Zeichen, das man für immer auf sich trägt und das nicht darauf angelegt ist, verändert zu werden – das ist eine ziemliche Verbindlichkeit.

Was würdest du niemals stechen?

Densha: Motive, die gegen meine Überzeugungen verstoßen: Alles was mit Homophonie, Rassismus oder jeglicher Form des Extremismus zu tun hat.

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Gibt es etwas, das dich an der Tattoo-Szene nervt?

Densha: Arroganz. Nur weil ich Tätowierer bin, bin ich nicht besser als andere Menschen. Und der Hype um die Szene – obwohl ich davon natürlich auch profitiere, deswegen könnte das ein bisschen heuchlerisch klingen.

Was war dein erstes Tattoo und welche Bedeutung hat es für dich?

Densha: Das hier ist das erste Tattoo, das ich mir selbst gestochen habe. Da floß viel Konzentration, Zeit und Schweiß rein – aber mit dem Ergebnis bin ich immer noch glücklich!

Wo findest du Inspiration?

Densha: Jedenfalls nicht auf Instagram. Hauptsächlich in Büchern, auf Ausstellungen und generell in meinem Umfeld. Ich habe das Glück, in einem Tattoo-Studio mit vielen talentierten Künstlern zu arbeiten. Und auch mit unseren Gast-Tätowierer lassen sich immer wieder Techniken und Ideen austauschen.

Wenn ich heute kein Tattoo-Artist wäre, wäre ich ...

Densha: Natürlich ein Rockstar ...

Welchen Rat gibst du Menschen, die sich für ein Handpoke-Tattoo entscheiden?

Densha: Den Gleichen, den ich bei allen Tattoos geben würde. Sei gut ausgeruht, iss was Richtiges vor deinem Termin und, am wichtigsten, bleib entspannt und vertraue der Person, die dich tätowiert.

Was ist das Härteste an deinem Job?

Densha: Ständig die höchsten Erwartungen in Bezug auf die eigene Arbeit zu haben. Und natürlich der psychischen Aspekt: Wenn man nicht regelmäßig Sport macht und gut auf seine Hände und Handgelenke aufpasst, kann man seine Tattoo-Karriere schnell an den Nagel hängen.

Welchen Kollegen gibst du Props?

Densha: Madame_unikat, Salutmanu_tattoo, Fuegiesinicio, mella_fabe, giulialaggiu, slowerblack, sans_sens_tattoo, bazgramsobie, meester_prikkebeen, pontotattoo, Ninimalismo

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Quelle: Noizz.de