... ja, auch ich bin ein Konsumwichser. Trotz meines Veganismus.

Heute, am 20. September, wird es den weltweit umfangreichsten Klimastreik in der Geschichte der von Greta Thunberg initiierten "Fridays For Future"-Streiks geben. In Groß- und Kleinstädten rund um den Globus gehen nicht nur Schüler, sondern auch Studenten, Arbeitnehmer und -geber auf die Straßen, um den Druck auf Regierungen zu erhöhen, endlich zu handeln.

Ja, das liebe Klima ist schon seit einigen Monaten Thema beim Mittagessen im Büro, beim Telefonat mit Oma und bei den Pre-Drinks mit Freunden. Es wird viel gejammert. Sich viel darüber aufgeregt. Zum Beispiel darüber, dass ein weiteres Stück Polareis abgebrochen ist. Und es wird sich für den Klimaschutz stark gemacht. Aber trotzdem gehen wir nach diesen Gesprächen in den Supermarkt, kaufen Äpfel in Plastikverpackung aus Neuseeland, weil die einen Euro günstiger sind, als die aus Brandenburg. Die Plastikverpackung kann man ja recyceln, das passt dann schon. Und während wir so den neuseeländischen Apfel futtern, suchen wir bei Ryanair nach Billigflügen Richtung Portugal – oder schauen nach einem nachhaltigem Yoga-Retreat inklusive veganer Verköstigung in Bali.

Wer mich kennt, weiß, dass ich nichts mehr liebe, als diese Doppelmoral anzuprangern. Diese Doppelmoral, die sich am Arbeitsplatz, im Familien- und Freundeskreis und auch in meinem eigenen Leben so schön breit gemacht hat. Wir alle sind elendige Konsumwichser, jeder von uns. Wir schwimmen in den Privilegien unserer westlichen Welt und buchen weiter unsere Flüge, ordern unser Rumpsteak, essen den fragwürdigen Seelachs in der Kantine und bestellen jede Woche neue Klamotten bei Asos.

Oder aber wir essen einen wassersparenden, treibhausgasarmen, veganen Burger – nur um danach eine fette Line Koks von unserem Handy zu ziehen, die mal eben ein weiteres Stück Regenwald vernichtet. Was sind schon vier Quadratmeter wertvolle Biosphäre für ein Gramm Kokain, dass dir das räudige Kokstaxi so bequem vorbeibringt.

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Mal ehrlich, ich will dir und mir gar nicht unterstellen, dass wir es nicht versuchen, klimafreundlicher zu leben. Der Versuch ist auf jeden Fall da und alles, was sich ohne größere Einschränkung des Komforts machen lässt, machen wir auch. Die Papiertüte statt der Plastiktüte wählen (oft gezwungenermaßen, weil es Plastik glücklicherweise nicht mehr gibt), mit der U-Bahn statt dem Taxi zur Party fahren oder hier und da Chilli mit klimaneutralem Veggie-Hack kochen. Doch sobald es dann wirklich darum geht, größere Kompromisse zu machen – da sind wir eben doch einfach zu faul und zu verwöhnt, oder?

In einer Woche fliege ich nach Paris

Ja, ich fliege. Sogar mit einem Billigflieger. Dabei habe ich es diesmal wirklich versucht, meinen inneren Schweinehund durch eine innere Greta zu ersetzen. Mit Umweltaktivistin Daria Daria auf meiner linken Schulter, die mir bejahend zunickte, saß ich optimistisch vor dem Laptop und habe nach Zügen von Berlin nach Paris gesucht. Im besten Fall neun Stunden, im Durchschnitt allerdings 14 bis 16 Stunden Fahrzeit. Ja, puh, hab ich nicht so Bock drauf. Da muss man ja richtig Zeit investieren, für das blöde Klima. Und wenn ich dann Hin- und Rückfahrt mit der Bahn mache, ja girl, no way. Wie ein Teufel auf meiner rechten Schulter lockt mich EasyJet mit 1,45 Stunden Flugzeit auf die Seite des Bösen.

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So ziehen wir uns am Ende dann doch immer in unsere kuschlige Gebärmutter der "Das machen die anderen schon"-, der "beim nächsten Mal"- oder der "Ich esse ja schon vegan und fahre mit den Öffis"-Argumentation zurück. Weit weg von den bösen Folgen des Klimawandels, geschützt von einer dicken Wand aus Gleichgültigkeit und Privilegien.

Denn das Blöde mit dem Klimaschutz ist doch, dass ich gar nicht das Gefühl habe, dass es für mich an diesem Tag, an dem ich mit der Bahn statt dem Flieger nach Köln soll, einen positiven Nebeneffekt hat. Ich muss nur mehr Geld ausgeben und länger im Zug rumsitzen – ja, ich habe nur Nachteile. Und weil man nicht nach dem Belohnungssystem, das unsere Konsumkultur so effektiv in unser Leben verwoben hat, handelt, wenn man Maßnahmen gegen die Erderwärmung trifft, will es einfach niemand machen. Wir sind wie diese Kinder, die entweder gleich einen Bonbon haben können, oder eben zwei, wenn sie zehn Minuten warten, und die garantiert nicht kurz warten.

Es gibt noch nicht einmal soziale Anerkennung dafür, sich für unsere Erde stark zu machen. Stattdessen wird man, wenn man einmal versucht, etwas zu verbessern, sofort zum Dorn im Auge der anderen, die ignorant durch die Welt schlafwandeln. Denn wer gegen den Strom schwimmt, muss sich ja gleich für etwas Besseres halten und darf dann sowieso keine Fehler mehr machen. Als Veganerin darf ich einfach keinen Kaffee bei Starbucks kaufen und keinen Flug nach Spanien buchen. Wer dagegen sowieso keinen Fick gibt, hat in unserer Gesellschaft freie Fahrt.

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>> Wir müssen uns vegan ernähren, um den Klimawandel zu stoppen – laut neuem UN-Bericht

So werden wir den Klimawandel nie aufhalten, wir ignoranten Arschlöcher

Also hören wir einfach gleich auf, es überhaupt zu versuchen? Ich meine, am Ende sind wir doch erstmal eh nicht diejenigen, die wegen Wassermangel lange Wege hinter sich bringen müssen. Wir sind auch nicht diejenigen, die ihre Familie in einem Tsunami ertrinken sehen – oder die Kinder, die wegen anhaltender Dürre oder Überfischung verhungern.

Bis es dann nach einer Weile eben doch wir sind, die von den Naturkatastrophen und dem Terror – der mangelnden Ressourcen unweigerlich folgen wird – betroffen sind und Angst um unser (privilegiertes) Leben, unsere Gesundheit und unsere Zukunft haben müssen. Und um jetzt noch mal alle Insta-Girls und -Boys wirklich wachzurütteln: Was bringt dir denn dein Scheißflug nach Bali, wenn es da dann wegen allen anderen Wichsern, die da schon hingeflogen sind, gar kein Paradies mehr gibt, dass du auf deinem Travel-Instagram zeigen kannst?

Ich bin sauer, auf meine eigene Ignoranz und Bequemlichkeit und auf die Ignoranz und Bequemlichkeit von allen anderen, die meine noch mehr rechtfertigt. Klar, muss vor allem die Politik und die Industrie etwas verändern, aber wir sind diejenigen, die mit unserer Nachfrage, unseren Protesten und Boykotten für so eine Veränderung sorgen müssen.

Konsumkritik wirkt, das hat sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt. Deswegen müssen wir uns endlich klar darüber werden, was für eine geile Zukunft wir uns gerade zerstören, mit unserer Gier nach Shopping, nach Party, nach Angeberreisen. Denn das Einzige was noch beschissener ist, als heute mal zwei Stunden länger im Zug zu sitzen oder veganen Parmesan auf die Pasta zu hauen, ist die Welt, die wir mit unsere Passivität gerade erschaffen.

>> Mit dieser Petition kannst du die Regierung zu einer besseren Klimapolitik zwingen

Quelle: Noizz.de