Was am 50-Kilo-Mythos dran ist.

Koreanische Kultur übernimmt seit einigen Jahren mal still und heimlich, mal loud and proud, die westliche Hemisphäre. Deutsche Teenies hören K-Pop, deutsche Tweens benutzen koreanische Beauty-Produkte. Besonders der kindliche und makellose Look von koreanischen Frauen wird auch von immer mehr Deutschen angestrebt.

Durch eine ausgeklügelte Schönheitsroutine, in Kombination mit weichzeichnenden Filtern, grenzt das weibliche Schönheitsideal des Landes in Ostasien an Perfektion. Doch nicht nur das Gesicht muss in Korea so perfekt wie in einem Gemälde von Vermeer aussehen. Auch der Körper wird mit einem strikten Regime im Zaum gehalten. Denn nur dünne Frauen gelten in Korea als schön.

Ein Ideal, das sich in der Bevölkerung deutlich widerspiegelt. Nur 4,9 Prozent der Koreaner sind stark übergewichtig, haben also einen BMI über 30 – in Deutschland sind es dagegen 25,7 Prozent. Diese Statistiken sind mitunter ein Produkt des sogenannten 50-Kilo-Mythos, ein Ausdruck, auf den man im Netz immer wieder stößt. Dabei handelt es sich um die einfache Regel: Als koreanische Frau wiegt man nicht mehr als 50 Kilogramm.

Gerade K-Pop Bands wie Blackpink, SixBomb oder Red Velvet befeuern dieses Prinzip. Nur eine kurze Google-Suche enthüllt alle Diätgeheimnisse der Sängerinnen der Girlgroups, die symbolisch für eine ganze Generation stehen. Denn das strikte Regime, dass für die schlanken Körper der berühmten Koreanerinnen verantwortlich ist, ist konstant Thema in Interviews und Fanbase.

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Die Musikerinnen sind eine gut geölte Propagandamaschine für den 50-Kilo-Mythos. Selbst die Manager der Bands sollen die Nahrungsaufnahme ihrer Sprösslinge immer im Auge behalten. Schließlich machen nur schlanke Sängerinnen Geld. Einen unperfekten Körper will eben niemand auf der Bühne sehen, niemand bejubeln, niemand vergöttern.

Deshalb erklärte Sängerin Wendy von Red Velvet in einem Fernsehinterview, dass sie die „13 Day Deadly Diet“ befolgt. Knapp zwei Wochen gibt es bei dieser Abnehmmethode nur eine halbe Schüssel Reis und einen halben Apfel pro Tag, dafür aber ordentlich Sport. YouTuberin Fifi hat die „tödliche“ Fastenkur für einen Tag getestet und resümiert: „Natürlich fühle ich mich den ganzen Tag schwach und hungrig. Das ist keine gesunde Diät, bitte befolgt sie nicht.“ Doch warum stellt die Vloggerin ihren Followern das Hungerkonzept dann überhaupt vor?

Der Kanal der 20-jährigen Asiatin ist voll von unzähligen Videos, in denen sie die Diäten berühmter K-Pop-Idole ausprobiert. Selbst wenn Fifi am Ende der Videos vor den krassen Ernährungsformen warnt, trägt sie, genauso wie Tausende andere YouTuber auch, zu der Verbreitung des 50-Kilo-Mythos bei. Schließlich werden hauptsächlich Mädels auf die Clips klicken, die die Körper ihrer Vorbilder anstreben und dort dafür eben auch einen genauen Fahrplan erhalten.

Doch nicht nur mit ungesunden Diäten versuchen Koreanerinnen, dem perfekten Körper näherzukommen. Die Anzahl der Schönheitsoperationen pro Kopf sind in Südkorea so hoch wie nicht einmal in den USA oder Brasilien. Die perfekte Frau ist schließlich so makellos, dass die Illusion von Schönheit nur mit Operationen möglich ist.

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Fettabsaugungen und Beauty-Ops sind das Ergebnis eines sich selbsterhaltenden Systems, das sich über Jahre in den Köpfen von Koreanern eingebrannt hat. Schon alleine die Mentalität des Landes diktiert einen Konkurrenzkampf um Perfektion. Wenn alle eine Operation vornehmen lassen, lassen eben alle eine Operation vornehmen. Mindestens eine von drei jungen Frauen im Alter von 19 bis 29 hat sich in Korea deshalb schon unters Messer gelegt.

Bleichcreme, Diät, Nasen-Op: Diesen festgefahrenen Trends wollen einige junge Frauen jetzt endlich durchbrechen und nutzen die Kraft von Social Media, um Bewegungen zu starten, die endlich einen Unterschied machen sollen. So wie das Modelabel J-Style, dass dem Diätwahn Südkoreas den Kampf ansagt und Kleidung in „großen Größen“ anbietet.

In Korea eine kleine Revolution, denn Frauen die eben nicht nur 50 Kilo wiegen, werden von der Modeindustrie in Asien vernachlässigt oder zu Gunsten des vorherrschenden Schönheitsideals sogar systematisch ausgeschlossen. Kleidung ist damit ein weiteres Druckmittel der Gesellschaft, dass J-Style verbannen möchte. Die Gründerinnen Yeom Yoon Hye und Bae Kyo Hyun modeln die Kleidung aus ihrem Plus-Size-Onlineshop sogar selbst und trotzen dem koreanischen Schönheitsideal damit aktiv.

Auch Influencerin Taylor Tak nutzt ihre Plattform, um den gefährlichen Körperkult mit ihrem eigenen Body zu protestieren. Obwohl das Model mittlerweile in Australien lebt, ist sie ein Gesicht der südkoreanischen Curvy-Bewegung. Ihre freizügigen Instagram-Posts sorgen nichtsdestotrotz auch 2019 noch für Furore in ihrem Heimatland.

Kein Wunder, laut einer nationalen Studie machen 60 Prozent der Frauen und 41 Prozent der Männer in Korea momentan eine Diät oder haben vor, eine zu machen. Bilder von kurvigen Frauen möchte man dann wohl eher nicht im Feed sehen. Das koreanische Body-Positivity-Movement nimmt dennoch immer mehr an Fahrt an und versucht endlich, einen realistischen Gegenentwurf zum nationalen Diätwahn zu bilden.

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Quelle: Noizz.de