Geht's eigentlich noch?

In meinem Kopf beginnt diese Geschichte im Herbst 2017 und mit Selena Gomez' Performance bei den VMAs. Die Sängerin steht bei dem Event zum ersten Mal wieder auf einer Bühne, nachdem sie sich wegen Panikattacken in Therapie begeben hatte. Sie performt ihre neue Hit-Single Wolves. Nur eine Minute des Auftritts muss verstreichen, bis ich merke, irgendwas ist bei diesem Bühnenbild nicht ganz zu Ende gedacht. Denn Selena steigt in einem weißen Nachthemd mit geschminkten Verletzungen aus einem Auto, dass augenscheinlich einen heftigen Unfall hinter sich hat. Die Popsängerin inszeniert sich als Opfer eines schweren Crashs und rekelt sich dann ganz gelassen mit blutigem Kopf und aufgeschlagenen Knien auf der Bühne.

Ich schreibe meine Gedanken fix à la „Seit wann romantisieren wir Verletzungen für eine edgy Performance?“ für ein Studentenmagazin auf. Der Text geht online, nur um wenige Minuten später wieder gelöscht zu werden. Der Chefredakteur erklärt mir, dass man Selena für die Romantisierung von Gewalt oder Selbstverletzung, wie übrigens im Musikvideo zu Fetish, nicht kritisieren sollte, weil sie an einer Krankheit leidet. Dass sie Millionen junger leicht zu beeindruckende Fans hast, ist anscheinend irrelevant. Gezwungenermaßen lasse ich das Ganze ruhen. (By the way, mittlerweile findet man im Netz noch nicht einmal offizielle Videos von dem zweifelhaften Auftritt.)

Ein Jahr später stolpere ich in meinem Instagram-Feed vermehrt auf ähnliche Bilder. Influencer mit geschminkten blutigen Nasen und Blutergüssen im Gesicht. Besonders krass: Ein Selfie der Berliner Bloggerin Kicki Yangz. Auf dem Foto zeigt sich die Influencerin mit einem fetten blauen Auge, Nasenbluten und einem blauen Fleck am Mundwinkel. Ihre Nase ziert ein rosa Pflaster mit Bärchen drauf – anscheinend will sie also „süß“ aussehen.

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Doch das Bild sieht ziemlich genauso aus, wie die bearbeiteten Fotos von Alexsandro Palombo aus dem Jahr 2015. Der Aktivist wollte damals mit seinen Bildern auf Gewalt an Frauen aufmerksam machen und hatte dafür unter anderem Kim Kardashian mit Photoshop blaue Flecken verpasst. Ganz und gar nicht süß oder romantisch.

Und Kicki? Die teilt ihren Instagram-Beitrag ohne jegliche Einordnung, dafür aber mit einem Bären- und einem Pflaster-Emoji. Die lobenden Kommentare überschlagen sich – ihre 189.000 Follower finden den Look anscheinend super cute. Romantisierte Gewalt ist also im Mainstream angekommen – Blutergüsse und gebrochen Nasen sind jetzt eine #aesthetic, wie es auf Instagram oft heißt. „Passiert das gerade wirklich, hinterfragt das jetzt echt niemand?“, denke ich mir und mache zur Sicherheit einen Screenshot von dem absurden Beitrag, den ich an einige Freunde schicke.

Denkt hier eigentlich noch jemand daran, dass es Frauen gibt, die wirklich so aussehen? Die sich die Spuren von (häuslicher) Gewalt nicht mit einem sauteuren YSL-Lippenstift hingeschminkt haben? Und eben auch nicht einfach mit einem Abschminktuch wieder entfernen können.

Bloggerin Kicki Yangz mit blutigem Make-up Foto: Instagram / kickiyangz

Nach einigen Stunden finden sich unter Kickis Post endlich einzelne kritische Meinungen. Die Berlinerin löscht das Foto kurz darauf ohne sich dazu zu äußern. Auf meine Anfrage per Mail hat die Bloggerin bisher nicht reagiert.

Die amerikanische Bloggerin Nica Phan nutzt ebenfalls geschminkte Verletzungen für ihre Selfies, die dadurch anscheinend aus der Masse hervorstechen sollen. „Deine badass Anime-Freundin“, schreibt die Influencerin mit 75.000 Followern zu ihrem aktuellen Beitrag und setzt so die Romantisierung von Gewalt zumindest zu einem gewissen Teil in einen akzeptablen Kontext. Statt als Opfer will sich Nica als furchtlosen Anime-Charakter inszenieren, der stolz die Spuren eines Kampfes trägt. Das Foto wirkt vermutlich trotzdem triggernd auf Opfer von Gewalttaten, die leider noch immer häufig junge Frauen sind.

Wie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend berichtet sind über 82 Prozent der Opfer von Häuslicher Gewalt in Deutschland Frauen. Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung grenzt die Zahl der weiblichen Opfer sogar an 100 Prozent. Einer Studie zufolge hat hierzulande durchschnittlich jede vierte Frau im Alter zwischen 16-85 Jahren Gewalt in einer Beziehung erlebt. In anderen Ländern sind die Zahlen nicht weniger hoch.

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In Anbetracht dessen wirken die Fotos von Nica und Kicki unangebracht und geschmacklos. Wenn 25 Prozent ihrer weiblichen Follower schon Gewalt am eigenen Leib erfahren haben und vielleicht genauso geschunden aussahen, ist eine derartige Romantisierung für ein paar zusätzliche Likes wirklich respektlos. Schließlich könnten beispielsweise statistisch über 23.000 von Kickis Followern bereits die Verletzungen erlitten haben, die sich das Model so lax zu Eigen macht, wenn man davon ausgeht, dass nur die Hälfte ihrer Follower weiblich sind.

Natürlich verstehe ich den Reiz, sich mit Make-up auszutoben und auch mal etwas auszuprobieren, das kontrovers ist. Dennoch ist eine derartige Selbstdarstellung doch eigentlich auch nur möglich, wenn man sich wirklich mit dem Thema auseinandersetzt – sich Bilder von verletzten Frauen als „Inspiration“ anschaut. Und wer das tut, erkennt hoffentlich, dass diese Bilder krasse Trigger für einen großen Teil der Bevölkerung darstellen. Ist dieser Trend also das Ergebnis purer Ignoranz? Oder haben sich diese Influencer mit der Thematik befasst und beschlossen, dass der vermeintlich coole oder süße Look es wert ist, Opfern von häuslicher Gewalt vor den Kopf zu stoßen?

So oder so ist dieser Instagram-Trend mehr als fragwürdig.

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Quelle: Noizz.de