In der Interview-Reihe "Allein zu Haus" zeigen Künstler*innen und Musiker*innen ihr Zuhause und erzählen, was sie in der Corona-Krise gerade bewegt. Folge 2 mit Tattoo-Artist Florian Hirnhack aus Berlin.

Eigentlich ist Florian Hirnhack immer busy. Der gefragte Tätowierer betreibt in Berlin sein eigenes Studio "TTTRIP". Doch das ist gerade, wie alle anderen Tattoostudios in Deutschland, wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Das ist für die betroffenen Künstler*innen ganz schön problematisch. Immerhin sind die meisten Tätowierer*innen selbstständig, Studiobesitzer wie Florian müssen Miete zahlen und haben auch sonst ihre laufenden Kosten. Von der unklaren Lage will sich der Künstler aber nicht einschüchtern lassen. Im NOIZZ-Interview verrät er, wie er sich die Zeit in "Isolation" gerade vertreibt, warum er die Maßnahmen erst nimmt und warum wir uns alle mehr mit Veganismus auseinandersetzen sollten. Außerdem gibt er uns einen Einblick in seine wunderschön eingerichteten vier Wände – und erzählt, was er dort gerade am liebsten tut.

Tätowierer Florian Hirnhack mit Doggo: "Morgens scheint hier immer schön die Sonne rein. Ich setze mich dann gern mit Toastee in meinen Schaukelstuhl.

NOIZZ: Wie lange bist du schon in Isolation und wie geht es dir damit?

Florian Hirnhack: Am 23. März habe ich das Tattoostudio verantwortungsvollerweise geschlossen. Das bedeutet, dass meine Studiokolleg*innen und ich unsere Arbeit niederlegen mussten. Für uns ist das nicht leicht. Wir arbeiten gerne zusammen, unser "Job" macht uns viel Spaß. Das von einem auf den anderen Tag nicht mehr zu haben, ist eine Umstellung, auf die keiner so richtig vorbereitet war.

Was genau bedeutet "Isolation" in deinem Fall?

Florian: Seitdem ich das Studio vorübergehend geschlossen habe, tätowiere ich auch nicht mehr. Generell möchte ich mich an die Ratschläge der Bundesregierung halten. Klingt irgendwie verstaubt – aber in diesem Fall ist es meiner Meinung nach notwendig. Das tue ich alleine aus Respekt den schwächeren Menschen unserer Gesellschaft gegenüber. Ich selbst habe keine große Angst zu erkranken. Ich treibe Sport, ernähre mich gesund und halte mich fit. Das bedeutet zwar nicht, dass ich den Virus nicht bekommen kann, allerdings würde ich ihn mit Sicherheit besser verkraften, als beispielsweise meine Oma, die in einem Heim lebt.

Isolation ist ein sehr hartes Wort. Wir sind alleine durch soziale Medien und Telekommunikationsmittel so intensiv miteinander verbunden, dass zumindest ich meine jetzige Situation nicht als "isoliert" beschreiben würde. Aus vielen Ecken höre ich: "Mir ist so langweilig!", "Ich raste hier aus!" oder "Wie lange soll das noch dauern?". Ich denke mir dann oft, wie unreflektiert viele an diese Umstände herangehen. Alles, was wir tun müssen, ist mal ein paar Wochen Zuhause zu bleiben. Es mag zwar eine komplett neue Situation für ein paar Generationen bedeuten – und Umstellung ist nicht immer leicht. Aber ich glaube, dass es weitaus schlimmere Situationen in der Vergangenheit gab, mit denen Menschen auch klargekommen sind, die sich heute niemand mehr wünscht. Also einfach mal entspannen.

Triffst du bestimmte Leute immer noch?

Florian: Ich treffe mich generell gerne mit Freunden. Das muss ich aber nicht jeden Tag tun. Mein Freund arbeitet vom Homeoffice aus, somit verbringen wir mehr Zeit miteinander als sonst, was eine Beziehungsprobe darstellt, die uns sehr gut gelingt. Ich gehe jeden Tag mit meinem kleinen Pekinesen Toastee im Park spazieren. Gelegentlich verabrede ich mich mit einer Person. So habe ich am Tag einen weiteren sozialen Kontakt – ohne dabei zu große Risiken einzugehen. Ich richte mich weiterhin an die Anforderungen des Staates. Ich treffe mich bei niemandem Zuhause und bleibe bis auf die nötigsten Besorgungen in meinen eigenen vier Wänden.

Wie gefällt es dir, so viel zu Hause zu sein?

Florian: Manchmal überkommt mich schon der Gedanke, was ich eigentlich den ganzen Tag so Zuhause treiben soll. Da mit dem Tätowieren eine meiner Hauptbeschäftigungen entfallen ist, habe ich natürlich mehr freie Zeit. Meine Arbeit als Tätowierer gestaltet sich aber nicht nur durch das Tätowieren an sich. Weitere Aufgaben wie Zeichen, E-Mails beantworten, Social-Media-Aktivitäten und Papierkram gehören auch dazu.

>> Tätowierer Florian Hirnhack im NOIZZ-Tattootalk

Was vermisst du am meisten?

Florian: Am meisten vermisse ich mein Studio "TTTRIP". Ich habe mir dort in den letzten Jahren eine Art zweites Zuhause erschaffen. Gelegentlich gehe ich deshalb in mein Studio und zeichne einfach etwas. Die Arbeit mit meinen Studio-Mates fehlt mir natürlich auch – und mal wieder schön mit Freunden Essen gehen könnte auch nicht schaden.

"Mein Studio ist wie eine kleine Ruheoase für mich, in die ich mich zurückziehe und einfach nur zeichne."

Welches Risiko bedeutet die aktuelle Situation für dich und andere Tätowierer*innen?

Florian: Ich denke, das größte Risiko ist die Ungewissheit, wann wir offiziell wieder weiterarbeiten dürfen. Als Selbstständige*r oder Freiberufler*in muss man immer schauen, wie man am effizientesten mit seinem Geld haushaltet. Durch das Sofortpaket der IBB sind zum Glück ein paar Sorgen beseitigt worden. Aber ich bin noch etwas skeptisch, ob die Unterstützung nicht doch irgendwann zurückgezahlt werden muss – oder was man noch alles einreichen müssen wird, um den Zuschlag zu rechtfertigen.

Wie gehst du mit der aktuellen Ungewissheit um?

Florian: Alles, was ich tun kann, ist einfach weiter arbeiten. Die Zeit kreativ nutzen und über mich selbst nachdenken.

Was können vielleicht auch deine Kund*innen tun, um dich jetzt zu unterstützen?

Florian: Ich würde mir wünschen, dass Kund*innen nicht zu viel Angst in Bezug auf die zukünftige Krisenentwicklung haben. Anfragen für Tattoos kommen gerade nur sehr spärlich rein, obwohl ich für Juni und Juli wieder Termine annehme. Ich bin optimistisch, dass sich alles wieder entspannen wird und hoffe, dass sich die Lage bis dahin entspannt hat. Mehr kann und möchte ich nicht erwarten, denn ich weiß, dass viele ihren Job verloren haben und Geldprobleme haben. Da denkt man wahrscheinlich nicht so schnell an ein neues Tattoo.

Abschalten und Zeichnen: Florian in seinem Studio.

Hast du irgendein DIY-Projekt angefangen, da du jetzt so viel Zeit hast?

Florian: Ich bin immer aktiv und sitze nicht gerne rum. Ein Projekt, bei dem ich mitwirken werde, ist das Bündnis "Seebrücke". Durch meine Teilnahme haben Kunden die Möglichkeit, ein Tattoo von mir zu bekommen, wobei der komplette Erlös an ein Projekt geht, das sich dafür einsetzt, Menschen aus den überfüllten Flüchtlingslagern Griechenlands zu evakuieren. #LeaveNoOneBehind! Gerade jetzt in der Corona-Krise könnte sich in diesen Lagern eine absolute Katastrophe ereignen, da Menschen auf engstem Raum hausen müssen und das Infektionsrisiko für alle praktisch bei 100 Prozent liegt, wenn sich nur eine Person infiziert.

Zudem habe ich angefangen, etwas Musik zu machen. An dieser Stelle: Du bist musikalisch begabt und hast Lust mit mir eine fancy Synthi-Band zu gründen? Dann melde dich bei mir unter florianhirnhack@gmail.com. Aber das ist nicht alles. Als ausgebildeter Produktdesigner arbeite ich mit einem Freund noch an einem Interiorprojekt, das bald vorzeigbar sein wird.

Wenn du einen Wunsch frei hättest: Was sollten wir alle als Lektion aus dieser Krise mitnehmen?

Florian: Man kann den eindeutigen Herd des Virus, soweit ich weiß, nicht eindeutig definieren. Dennoch hat uns der Ursprung der meisten Viren immer zu einem gemeinsamen Nenner geführt – der Virus wurde durch einen Zwischenwirt, ein Nutztier, auf den Menschen übertragen. Deshalb wünsche ich mir – und auch generell ist das eine Bitte: Beschäftigt euch mehr mit den Themen Veganismus, Massentierhaltung und Umwelt. Die Tierhaltung ist für die größten Probleme auf unserem Planeten verantwortlich. Live and let live.

Was sind aktuell deine Lieblingsorte in deinem Zuhause und in deinem Tattoostudio?

Florian: Da ich mich hauptsächlich Zuhause aufhalte, hänge ich meistens auf der Couch rum und zocke Nintendo, sitze in einer Ecke und Zeichen oder liege mit meinem Hund im Bett. Gelegentlich bin ich im Studio in meinen Lieblingssessel und genieße auch einfach mal die Ruhe.

Blick in Florians Tattoostudio "TTTRIP"

Der Mid-Century-Stil ist eine Design-Epoche, die meiner Meinung nach die hochwertigsten, funktionalsten und langlebigsten Produkte hervorbrachte. Die Reinheit und Eleganz der Möbelstücke aus den Fünfziger und Sechziger Jahren in gedeckten Farben kombiniere ich gerne mit ein paar modernen, kontrastreichen Elementen, wie meinem blauen Teppich.

Eins der zahlreichen Kunstobjekte, mit denen Florian sein Zuhause und sein Studio dekoriert hat.

Seitdem ich fünf Jahre alt bin, sammele ich kuriose Objekte. Mein Kinderzimmer war eine einzige Ansammlung von Taxidermie, präparierten Insekten und Mäusen in Spiritusgläsern. Das Am-Leben-Erhalten verstorbener Lebewesen fasziniert mich heute immernoch und ist fester Bestandteil meines Einrichtungsstils.

In Florians reich bleibt der Blick auch mal an ausgestopften Vögeln hängen.

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Quelle: Noizz.de