Grüße gehen raus an T.I.!

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse von einem feministischen Blickwinkel.

Rapper T.I. schleppt seine Teenager-Tochter zum Frauenarzt und lässt von dem ihr "Jungfernhäutchen" kontrollieren, um zu wissen, dass seine Kleine noch unbefleckt und rein ist. Diese Story ging vor einigen Tagen viral. Frauen weltweit regten sich darüber auf – wie meine Kollegin Silvi –, dass sich der Musiker das Recht herausnimmt, die Privats- und Intimsphäre seiner Tochter so mit Füßen zu treten.

Mal ganz davon abgesehen, dass sich die volljährige Deyjah anscheinend nicht einmal auf die Schweigepflicht ihres Arztes verlassen kann, zeigt dieser Fall auch, wie viele Männer (und Frauen) noch immer das gesellschaftliche Konstrukt der Jungfräulichkeit aufrecht erhalten. Hier wird von dem Rapper ganz klar suggeriert: Wenn du keinen Sex hast, bist du mehr wert, in den Augen anderer Männer, in den Augen der Gesellschaft und auch in meinen Augen. Dagegen verkündete T.I. erst vor wenigen Stunden ganz stolz, dass sein 15-jähriger Sohn bereits sexuell aktiv ist. MOMENT MAL!?

Wer profitiert überhaupt von dem Konzept Jungfräulichkeit? Niemand.

Frauen und ihre Sexualität werden seit Jahren mit diesem Konzept systematisch unterdrückt und schikaniert. Zu Beginn wurde das Wort historisch gesehen vor allem mit, Überraschung, Frauen in Verbindung gebracht. Die Jungfräulichkeit war eine Art Gütesiegels der Ware, die eine Frau im Endeffekt darstellte. Sie wurde von Männern in der Gesellschaft getauscht, vom Vater gegen eine Bezahlung an den Ehemann, und musste den Preis natürlich wert sein. Und so wurde ein klitzekleines Detail zu einem entscheidenden Symbol für den Marktwert einer Frau: das Hymen.

Es konnte als Art "biologische Qualitätskontrolle" bestätigen, dass man eine Jungfrau vor sich hatte. Blöd nur, dass dieses dünne Häutchen zwischen den inneren und äußeren Geschlechtsorganen der Frau nicht nur durch sexuelle Aktivität, sondern auch Sport oder auch ganz normale Bewegungen im Alltag reißen kann. Oder eben manchmal auch gar nicht: Denn es ist verdammt dehnbar und kann sogar Verletzungen wieder verheilen. Du kannst also auch penetrativen Sex haben und laut dieser veralteten Logic noch immer eine Jungfrau sein. Und das zeigt ja ganz gut, dass es sich hier nicht um Tatsachen, sondere eine gesellschaftliche Vorstellung handelt, die auferlegt wurde, um Frauen dazu zu bringen, sich daran zu halten. Sonst drohte ihnen gegebenenfalls Vereinsamung und Verarmung. Kein Wunder, dass eine Zeit lang das ganze Selbstwertgefühl vieler Frauen unweigerlich auf diese Tatsache gestützt war.

Zum Glück ist das mittlerweile in großen Teilen nicht mehr so – das Konstrukt, das um die Jungfräulichkeit gestrickt wurde, lebt allerdings unterschwellig weiter und hat über die Jahre viele Annahmen über Frauen und weibliche Sexualität beeinflusst. Zum einen fühlen sich immer noch viele Frauen unter Druck gesetzt, ihre sexuellen Vorlieben beziehungsweise auch konkret die Anzahl ihrer Sexualpartner zu verschweigen oder zu beschönigen.

Denn viel zu oft werden Frauen, die offen über ihre Sexualität reden und diese ausleben, in eine Ecke gedrängt, als diejenigen, mit denen man heimlich Spaß hat und die aber nicht gut genug für eine Beziehung oder Heirat sind – Slutshaming lässt grüßen. Die Vorstellung der Jungfrau hat ein Machtgefälle geprägt, in dem ein Mann nimmt und eine Frau gibt – oft bedingungslos. Ein Machtgefälle, in dem einer Frau ihr Körper nicht gehört. Denn glauben wir an die Jungfräulichkeit, glauben wir auch daran, dass nur ein Mann die "Macht" hat, sie zu entjungfern und die Sexualität einer Frau damit zu initiieren. Das ist wahnsinnig diskriminierend – und natürlich auch extrem heteronormativ.

Doch auch Männer werden vermehrt von dem Konzept "Jungfrau" unterdrückt

Während eine Frau in weiten Teilen der Gesellschaft die Jungfräulichkeit gar nicht lange genug bewahren kann, sollen Jungs so schnell wie möglich sexuell aktiv werden, um ihre Männlichkeit und Dominanz zu beweisen. Deswegen ist T. I. ja auch so stolz auf seinen Teenie-Sohn, der, im Gegensatz zu seiner drei Jahre älteren Schwester, Geschlechtsverkehr haben darf und auch soll. (By the way, wenn Männer früh Sex haben sollen und Frauen nicht – wie soll das dann überhaupt funktionieren?)

In den Medien hat sich die männliche Jungfrau zu einem Stereotyp entwickelt, den man in Filmen wie "Jungfrau (40), männlich, sucht …" beobachten kann. Ein Typ, der noch keinen Sex hatte, vor allem, wenn er ein gewisses Alter von sagen wir mal 25 Jahren überschritten hat, ist ein Loser. (Mittlerweile schließt diese Vorurteil auch manche Frauen ein.) Er kann nur unglücklich sein und seine Sexualität unter Schande einsam und verklemmt vor räudigen Pornos auf seinem PC ausleben. Erfolglos, unbegehrt und irgendwie abnormal – so werden Männer abgestempelt, die nicht nach dem maskulin geprägtem Konstrukt der Anti-Jungfrau leben.

>> Yungblud im Interview über Männlichkeit, Rape Culture und Verletzlichkeit

Wir fassen also zusammen: Das System Jungfräulichkeit unterdrückt und verurteilt weibliche Sexualität, objektifiziert Frauen, schließt queere Pärchen gänzlich aus und drängt Männer dazu, (viel zu früh) sexuell aktiv zu sein. Warum machen wir da dann überhaupt mit? Wahrscheinlich, weil es wie mit so vielen Dingen ist: Wenn es einer macht, dann machen es alle.

In der Dokumentation "Liberated" wird gut klar, wie sich junge, männliche Studenten gegenseitig unter Druck setzen, viele sexuelle Eroberungen zu haben und vor allem das Label "Jungfrau" so schnell wie möglich loszuwerden. Dabei wollen viele dieser jungen Typen, wie sie im Einzelgespräch verraten, da eigentlich gar nicht mitmachen. Genauso gibt es viele Frauen wie Deyjah, die sich vielleicht wünschen, mit Partner*innen intim zu werden, die jedoch durch Menschen wie ihren Vater T. I. beeinflusst werden und so lieber an dem ausgedachten Ideal der "Unberührtheit" festhalten und ihren Wert als Person damit unweigerlich an ihrem Sexualleben festmachen.

>> Der ehrlichste Text, den du diese Woche über Perioden lesen wirst

Smash the Patriarchy – und die Jungfräulichkeit

Das Gute ist, Jungfräulichkeit ist eine Idee des Patriarchats, das gerade von allen Seiten zu stürzen versucht wird. Wenn wir also einfach die Annahme ablehnen, dass Männer mehr wert, schlauer und allgemein fähiger sind als Frauen oder andere Geschlechter, sondern uns auf die Gleichberechtigung aller Menschen stürzen, dann verliert auch das Ideal der Jungfrau an Wert. Denn außerhalb der patriarchalen Gesellschaft existiert Jungfräulichkeit nicht. Denn es ist kein biologischer Fakt, sondern einfach nur ein Konzept, das längst überfällig ist.

Mehr aus meiner Kolumne "Fem as Fuck" kannst du hier lesen.

Quelle: Noizz.de