Über den Luxus, deine Bude voll zu räuchern.

Der Winter kommt und alle zündeln wieder an ihnen herum: Duftkerzen. Das wachsgewordene Gemütlichkeitsversprechen mit der Mission euer Wohnzimmer in süßlich-schweren Dunst zu peinigen. Die Etiketten versprechen Dufterlebnisse zwischen Karamellkeks, Weihnachtsmarktbesuch oder Regenwalderlebnis. Für mich ist es egal wie das Ganze nun heißt – es ist alles ein gleichsamer Angriff auf die Geruchsnerven – und auf das Portemonnaie.

Gehypte Flamme

Alle finden es toll, wenn Vloggerin Zoe Sugg in einem ihrer Videos zwanzig Minuten lang ihre Nase in verschiedene Duftkerzenpötte hält – sie sitzt mit ihrem besten Freund da, schnüffelt und erklärt ihrem ergebenen Publikum, ob die Kerze ihrem Geruch als "Perfekter Herbsttag" gerecht wird – oder nicht. Zoe rezensiert circa 20 Kerzen, bei einem Kostenpunkt von knapp 25 Pfund pro Kerze (ungefähr 30 Euro) ist die Gute am Ende bei schlanken 500 Pfund (ungefähr 580 Euro) für Wachs und ätherische Öle im Glas. Das Video wurde mittlerweile beinahe eine Million Mal angesehen – dabei kann man hier als Publikum nicht mal selbst an einer Kerze riechen.

Vor einigen Jahren ging ein Video von der weitaus erfolgloseren Vloggerin Az4angela viral. Inhalt: Angela regt sich knapp zwölf Minuten über die Amerikanische Drogeriekette "Bath & Body Works" auf. Sie ist wütend, weil sie trotz zeitintensiver Bemühungen nicht ihre begehrten Duftkerzen in den Sorten "Winter Candy Apple" und "Iced Gingerbread" bekommen hat. Vorher war sie wochenlang jeder Filiale der Kette auf die Pelle gerückt und wurde am Ende verständnis- und kerzenlos vom Shoppersonal stehen gelassen. Da kann man sich schon mal aufregen.

Wie sie selbst sagt, zittert sie am ganzen Körper vor Wut und muss sich erst einmal beruhigen, um besagtes Video aufzunehmen, in dem sie sich wiederum nur aufregt. Über Duftkerzen. Ich will hier ja kein Whataboutism betreiben und antworten: "Menschen sterben, das Klima rastet aus, es herrscht Hunger und Krieg auf der Welt."Aber jetzt mal Butter bei die Fische (oder Apfelzimt-Duft in den Wachs): Ungefähr JEDES Thema ist wichtiger als Duftkerzen. Wer sich die 12 Minuten Internet-Geschichte anschauen mag, kann das hier tun:

Was zur Hölle ist in diesem Wachs drin?

Ich weiß gar nicht so genau, wann es angefangen hat, aber Duftkerzen sind ein riesiger Trend geworden. Luxuriöse Tiegel, Gläser und Pötte, mal elegant gestaltet, mal poppig, immer aber Interior-Hingucker. Meist kosten Duftkerzen (wenn sie nicht gerade aus der Drogerie um die Ecke sind) ein Heidengeld. Die oben erwähnten Exemplare von Bath & Bodyworks sind da noch Schnäppchen. Bei Luxus-Designer Louis Vuitton bekommt man die Duftkerze ab 175 Euro, die größere Version kostet dann allerdings auch gerne mal 550 Euro. Die auf (Raum-)düfte und Kerzen spezialisierte Brand Diptyque gibt's günstiger: Ab 50 Euro kann man sich die kostbare Flamme schon in die Wohnung stellen.

Mein Problem ist: Egal wie teuer die Duftkerze war, sobald sie angezündet wird und sich ihr Duft durch die Wohnung verteilt, wird mir schlecht. Vielleicht bin ich olfaktorisch einfach sehr empfindlich. Aber auch darüber hinaus: Geruch, der plötzlich da ist, ohne eine natürliche Quelle zu haben (warum duftet es nach Käsekuchen, wenn keiner welchen backt? Warum sollte es nach Urwald riechen, wenn ich in Berlin-Neukölln hänge?) irritiert mich. Man kann ja argumentieren, dass eine Duftkerze schlechte Gerüche überdecken soll, aber da denke ich: Putzt das Bad häufiger und lüftet doch einfach mal eine Runde.

Ist Wachs das neue Statussymbol?

Natürlich sind beim Kauf der Duftkerze preislich nach oben keine Grenzen gesetzt. Klar, sind in den Kerzen sicherlich hochwertige Rohstoffe, gutes Wachs, das langsam und schonend abbrennt, ätherische Öle, die sich flockig verteilen – alles super. Aber dass ein Kilogramm Wachs und ein paar andere Zusätze mit Docht drin für 250 Euro verkauft werden, wie etwa bei Jo Malone London, wirkt dann doch etwas übertrieben.

Duftkerzen sind offenbar das Statussymbol des unverhältnismäßigen Einrichtungswahnsinns. Es ist ein bisschen wie mit diesen viel zu teuren Flüssigseifen vor wenigen Jahren. Eine Zeit, als plötzlich die 30 Euro teure, schick designte Schmierseife von Aesop im Badezimmer stehen musste. Damit konnte man dann zeigen: Ich hab schon alles, nun kann ich mir überteuerte Handwäsche leisten! Oder aber: Ich gönne mir auch mal was, ich kann mir was Gutes tun. Duftkerzen sind also teuer erkaufte Achtsamkeit oder der Luxus der kleinen Leute: Sich etwas zulegen, was nichts bringt, nichts ändert und trotzdem so viel kostet wie mindestens drei Mahlzeiten oder die halbe Monatsmiete – aber ohne sich einen Porsche kaufen zu müssen, für den das Taschengeld dann am Ende doch nicht reichen würde.

Duftkerzen sollen was tun für den Wohlfühlfaktor, sollen der Nase und dem Auge schmeicheln – so zumindest werden sie beworben. Ein Teelicht im leeren Marmeladenglas hat zwar denselben Effekt (macht gemütliches Licht und geht designmäßig bestimmt unter "Industriallook" durch – aber ohne alles in "Pumpkin-Latte-Geruch" vollzudieseln), aber hat natürlich nicht dieselbe Aussage, wenn Besuch vorbeikommt. Es sei denn, demnächst klebt jemand das Logo von "Dior" dran und verkauft das Ganze dann für 150 Euro.

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Quelle: Noizz.de